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Mitfahrbankerl:Im Landkreis München ist das Trampen zurück

Mit etwas Glück findet sich schnell jemand, der anhält am Mitfahrbankerl.

(Foto: Claus Schunk)

Höhenkirchen-Siegertsbrunn hat als erste Kommune zwei Mitfahrbankerl aufgestellt. Ob das Beispiel Schule macht? Der Versuch eines Road-Trips

Tramper mit Rucksack und Pappschild gehörten in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Straßenbild. Per Daumenexpress reisten junge Leute kostenlos quer durch die Welt oder einfach nur in die Disco und wieder heim. Diese ebenso sympathische wie ökologisch sinnvolle Art der Fortbewegung soll nun im mit Verkehrsproblemen überladenen Landkreis München eine Renaissance erleben. Stichwort: Mitfahrbankerl. Sie stehen bereits in mehr als fünfzig Kommunen in Bayern, seit vergangenem Herbst auch in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Ein kleines Netzwerk ist entstanden, das die Gemeinde unter anderen mit Egmating, Oberpframmern, Moosach, Glonn, Grafing, Ebersberg und Zorneding verbindet. Zeit also für einen Selbstversuch.

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8.30 Uhr: Das Mitfahrbankerl an der Bahnhofstraße in Höhenkirchen steht noch im Schatten. Eine Designerarbeit ist es nicht. Vier grob gehobelte Kanthölzer, über zwei massive Betonquader gelegt, bilden die Sitzfläche. Daneben eine Holzstele mit einer Aussparung für eine Klappvorrichtung, aus der sich die blauen Richtungsschilder ziehen lassen. Ich bringe "Glonn" in die Waagerechte, mich in sitzende Position - und warte. Bisher hätten sie noch nie jemanden auf diesem Bankerl sitzen gesehen, sie seien gespannt, ob das funktioniert, rufen mir mehrere ältere Frauen im Vorbeigehen zu.

8.45 Uhr: Kurze Situationsanalyse: Mein Gegner ist die Bahnschranke, wenn sie sich in der Horizontalen befindet und den Verkehr eine Zeit lang gänzlich zum Erliegen bringt. Meine Verbündete ist die Fußgängerampel, sie bremst potenzielle Mitnehmer auf Schrittgeschwindigkeit herunter und erhöht meine Chance, gesehen zu werden. An Blickkontakten mangelt es nicht, viele lächeln mir zu, heben aber die Arme, was wohl heißt: Sorry, falsche Richtung.

Die Wartezeit fällt etwas leichter, wenn die Sonne scheint.

(Foto: oh)

9 Uhr: Noch hat kein Auto angehalten, aber dafür etliche Fußgänger, die erzählen möchten, wie toll sie die Initiative finden. "Die Idee, dass sich Menschen wieder helfen auf so unkonventionelle Art, finde ich super", sagt eine Frau in hellblauer Steppweste. Selbst aufs Mitfahrbankerl gesetzt habe sie sich aber noch nicht, womit sie nicht alleine ist: "Das ist mir zu gefährlich, wer weiß, zu wem man da einsteigt", sagt eine Rentnerin auf dem Weg zum Qi-Gong-Kurs. Ob die heutige Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) einst auch so lange auf eine Mitfahrgelegenheit hat warten müssen, als sie in ihrer Jugend trampte? "Als ich jung war, bin ich mit einer Freundin ein mal in der Woche per Autostopp nach Grünwald zum Volleyballtraining gefahren", erinnert sich Mayer, die Höhenkirchen im Herbst zur ersten und bislang einzigen Mitfahrgemeinde im Landkreis München gemacht hat, indem sie an der Bahnhofstraße und an der Brunnthaler Straße Mitfahrbankerl montieren ließ.

9: 18 Uhr: Ich kann mein Glück kaum fassen: Ein älterer roter Golf hält an der Ampel und setzt zurück. Petra Rischka, 59, räumt den Beifahrersitz für mich frei. Ihr Autoradio ist auf Bayern 1 eingestellt, aus den Boxen tönt "Wonderful life" von Black. Jeden würde sie nicht mitnehmen, sagt sie. Bei Männern käme es darauf an, dass sie symphytisch aussähen. Als junge Frau habe ich Glück. Während der Fahrt zeigt mir Rischka weitere Bankerl, eines in Egmating, eines auf der Höhe Kastenseeon. Fast jeden Tag fährt sie die Landstraße von Höhenkirchen nach Glonn, besucht ihr Tochter, hilft ihr mit den beiden Kindern.

"Einmal am Tag soll man doch nett sein"

9.33 Uhr: In Glonn mit seinen acht Mitfahrbankerln ist es gar nicht so leicht, sich für den strategisch günstigsten Platz zu entscheiden. Ich wähle den Marktplatz, klappe das blaue Schild mit der Aufschrift "Egmating" nach oben, stelle mich wieder auf längeres Warten ein und bin umso erstaunter, als sich sogleich vor mir die Tür eines weißen SUV öffnet. Krankenpfleger Andreas Kaaden, 46, steigt aus. Er hat seine beiden Eltern dabei, räumt für mich aber extra den Kindersitz in den Kofferraum. Warum er angehalten habe, frage ich. "Einmal am Tag soll man doch nett sein", sagt er und grinst breit durch den Rückspiegel.

9.45 Uhr: In Egmating steige ich aus, genieße ein kurzes Sonnenbad auf dem Mitfahrbankerl. Aber bevor ich Farbe annehmen kann, legt jemand eine harsche Bremsung auf dem Split neben mir hin. Er habe mich gerade noch rechtzeitig sitzen gesehen, sagt der 52-jährige Fotograf aus Glonn. Er ist auf dem Weg nach Ottobrunn, seine Gasflasche auffüllen. Auf der kurzen Fahrt zurück nach Höhenkirchen erfahre ich, dass er früher selbst viel getrampt sei. Einmal habe er mit seiner damaligen Freundin testen wollen, ob sie es in zwei Wochen vom Bodensee nach Lyon schaffen, am Ende habe es für einmal quer durch Frankreich gereicht. Mit Trampen verbindet er mehr, als von A nach B zu kommen. "Ich habe so viele offene und skurrile Menschen getroffen", sagt er. So etwa einen Pfarrer: "Der hatte einen eingebauten Weihwasserspender neben dem Lenkrad."

10.40 Uhr: Zurück in Höhenkirchen. Diesmal soll es nach Hohenbrunn gehen. Werde ich von hier wieder so schwer wegkommen, denke ich noch, als schon ein VW Beatle hält. Sie fahre eigentlich nicht nach Hohenbrunn, sagt die Frau am Steuer, "aber ich fahr Sie schnell, bevor sie irgendjemand Komisches mitnimmt", bietet sie freundlich an. Ich lehne dankend ab. Es wäre mir unangenehm, wenn sie mich extra in den Nachbarort kutschieren würde. Eine falsche Entscheidung, stellt sich heraus: Bis das nächste Auto anhält, dauert es 30 Minuten. Auch Ernst Gauss, 63, bei dem ich dann im Auto sitze, will eigentlich nicht nach Hohenbrunn. "Ich habe Sie schon gesehen, bevor ich beim Einkaufen war, und Sie haben mir leidgetan", sagt er. Ich kriege also eine Extrafahrt nach Hohenbrunn. Dort ist Schluss, kein Mitfahrbankerl mehr weit und breit. Ich tausche mein Fortbewegungsmittel und steige in die S-Bahn um.

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10.50 Uhr: Seit 20 Minuten sitze ich auf dem Mitfahrbankerl an der Brunnthaler Straße in Höhenkirchen. Das hoch gestellte Schild mit dem gewünschten Zielort "Brunnthal" im Rücken, betreibe ich eine Verkehrszählung. Bislang sind 103 Autos und der 216er-Bus an mir vorbeigefahren, haben ein paar Dreikäsehochs vom Kindergarten nebenan über mich getuschelt und wurde mir von einer mitleidig lächelnden Seniorin "viel Glück" gewünscht. Das nimmt einen schon mit, wenn man von niemanden mitgenommen wird.

11.16 Uhr: Eine Autofahrerin hält, Sekunden darauf sitze ich auf dem Beifahrersitz. Sie ist vom Ort und nehme öfters Anhalter mit, nur "eigenartige Leute" nicht, sagt die 67-Jährige. Angst vor Übergriffen? "Das soll einer bei mir probieren", sagt sie. Gleich hinterm Brunnthaler Rathaus lässt sie mich aussteigen, weil hier in der Nähe ihrer Meinung nach ein Mitfahrbankerl stehen muss. "Das steht dort hinten", bestätigt ein Mann und deutet in Richtung Rathaus. "Ich arbeite seit 20 Jahren hier, da gibt es keines", sagt eine Bäckereiangestellte. Was nun? Zeit für einen Rathausbesuch. Bauamtsleiter Siegfried Hofmann weiß, wo sich das Bankerl befindet: "In der Planungsphase." Der Gemeinderat habe zwar zugestimmt, "aber bis es steht, wird es Frühjahr." So lange will ich dann doch nicht warten und gehe zurück auf die Straße. Kurz darauf radelt Hofmann lächelnd an mir vorbei und sagt: "Bleibt bloß der Bus übrig." Ich glaube, einen Hauch von Süffisanz herausgehört zu haben.

12.07 Uhr: Ich steige in den 244er und fahre zurück nach Höhenkirchen, diesmal zum anderen Mitfahrbankerl kurz vor dem Bahnhof. Neuer Kurs, neues Glück. Ich klappe "Glonn" aus und hoffe, anders als meine Kollegin und wohl als Einziger im ganzen Ort, dass bald die Bahnschranken schließen. Nur dann, glaube ich, hat man ernsthaft eine Chance, von Autofahrern wahrgenommen zu werden. 14 Minuten später bereits kurbelt die Heilpraktikerin Regine Böhm-Plattner aus Oberhaching das Fahrerfenster herunter und unterzieht mich einem kurzen visuellen Sicherheits-Check. Es sei eine Sekundenentscheidung, ob sie rechts ranfahre oder nicht, erklärt sie später. Ich darf einsteigen, es muss eine knappe Entscheidung gewesen sein. "Ein bisschen ordentlicher wäre besser", sagt sie mir ins unrasierte Gesicht.

13.30 Uhr: Ich setze mich auf das Mitfahrbankerl am Glonner Bahnhofsplatz und versuche, schön zu schauen.

14 Uhr: Auf dem Bankerl lässt es sich gut verweilen, niemand stört deine Gedanken, die Minute für Minute düsterer werden. Neun von zehn Autos biegen vor mir links oder rechts ab, wenn eines vorbeifährt, hat der Fahrer ein Sichtfenster von allerhöchstens einer Sekunde - husch, und weg ist die Chance. Die Befürchtung, den ganzen Tag auf diesem strategisch wirklich ungünstig gelegenen Platz verbringen zu müssen, lässt mich über die Straße gehen, wo ein weiteres der acht Glonner Mitfahrbankerl montiert ist. Ich klappe das Schild "Höhenkirchen-S-Bahn" aus, versuche, nicht eigenartig oder unordentlich zu wirken.

"Ich schau immer hin, aber da sitzt nie jemand"

14.15 Uhr: Die Kirchenglocke schlägt, als wiederum eine Frau sich meiner erbarmt. Tagsüber sei sie nicht wählerisch, was die Tramper anbelangt, sagt sie. Früher sei sie selbst regelmäßig per Anhalter gereist, und die Mitfahrbankerl finde sie ohnehin super, aber, sagt sie: "Ich schau immer hin, aber da sitzt nie jemand." Bis nach Höhenkirchen kann sie mich nicht mitnehmen, aber bis zu ihrem Wohnort Egmating.

14.35 Uhr: Das Mitfahrbankerl in Egmating steht am Fuße eines Gefälles neben der Bushaltestelle und ist von Autofahrern kaum zu sehen. "Die rasen hier runter, und bis sie dich sehen, ist es schon zu spät", sagt mir Helmuth Wieland, der den 413er Bus um 14.58 Uhr Richtung Höhenkirchen nehmen will. Was er von den Mitfahrbankerln hält? "Gut gemeint, aber ohne Liebe zum Detail", sagt der 61-Jährige und deutet auf das gesprungene Holz der Sitzfläche, wo man sich leicht einen Schiefer einziehen könnte. Nur vereinzelt fahren Autos den Berg runter an mir vorbei. Werde ich noch bei Tageslicht von hier wegkommen? Ja, denn der 413er hält pünktlich.

© SZ vom 09.03.2019/smb, cck
Höhenkirchen, Mitfahrbankerl an der Brunnthaler Straße, Foto: Angelika Bardehle

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