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Verkehr:Lastwagen im Minutentakt

Gefährliche Nähe: Franziska Wiesheu (rechts) mit ihren Kindern, ihrer Nachbarin Anja Eichelsdörfer und Vater Peter an der Ekkehartstraße in Grasbrunn, wo die Lastwagen Fußgängern gefährlich nahe kommen.

(Foto: Claus Schunk)

Anwohner der Ekkehartstraße in Grasbrunn fordern ein Durchfahrverbot für Lkw. Bürgermeister Korneder sieht dafür derzeit keine Möglichkeit: Die Voraussetzungen für eine Sperrung seien nicht gegeben - und eine Umleitung würde das Problem nur verlagern

Von Lars Brunckhorst, Grasbrunn

Wenn Franziska Wiesheu an dem großen Esstisch in ihrem Wohnzimmer sitzt und die Hände aufeinander legt, dann spricht sie ganz ruhig. "Ich habe nichts gegen Herrn Korneder", sagt die Grasbrunnerin. "Wir sind auch weder unzufrieden noch Wutbürger." Doch der Bürgermeister habe schon vor seiner ersten Wahl 2008 von dem Problem mit dem Lastwagenverkehr in Grasbrunn gewusst und versprochen, etwas dagegen zu unternehmen. "Aber seit fast zwölf Jahren ist nichts passiert. Es ist nur alles noch viel schlimmer geworden."

In der Bürgerversammlung vor ein paar Wochen hatte Franziska Wiesheu anders als an diesem Spätnachmittag bei ihr zu Hause sehr viel aufgeregter und empörter geklungen. "Es reicht!", hatte sie da Klaus Korneder, dem SPD-Bürgermeister, zugerufen. "Unerträglich" seien die Lkw in der Ekkehartstraße in Grasbrunn, von 4 Uhr in der Früh an rausche der Schwerlastverkehr durch die Straße, "im Minutentakt". Zum Teil müsse man auf dem Gehweg zur Seite springen, weil die Lastwagen wegen der parkenden Autos in der engen Straße so nah an den Fußgängern vorbeifahren. An diesem Nachmittag fahren nur wenige Lkw durch, was daran liegt, dass die Staatsstraße 2079, zu der die Ekkehartstraße führt, aktuell wegen des Baus eines Radwegs gesperrt ist. Und diejenigen, die durchfahren, sind langsam unterwegs, was mit der kleinen Menschentraube am Straßenrand zu tun haben dürfte.

Mit ihrem starken Auftritt in der Bürgerversammlung hat Franziska Wiesheu jedenfalls der örtlichen CSU so imponiert, dass sie von der Partei gleich zur Kandidatur für den Gemeinderat überredet wurde. Seit kurzem steht Franziska Wiesheu auf Listenplatz 14 für die Wahl im März und Michael Hagen, der Dritte Bürgermeister von der CSU, hat auch gleich einen Appell an Landrat Christoph Göbel gerichtet, die Anwohner in ihrem Kampf um ein Lkw-Verbot auf der Kreisstraße zu unterstützen.

Gefährliche Nähe: Franziska Wiesheu (rechts) mit ihren Kindern, ihrer Nachbarin Anja Eichelsdörfer und Vater Peter an der Ekkehartstraße in Grasbrunn, wo die Lastwagen Fußgängern gefährlich nahe kommen.

(Foto: Claus Schunk)

Jetzt, daheim im Wohnzimmer, ist Wiesheu jedenfalls gefasster als damals im Bürgerhaus, von ihren Aussagen hat sie aber nichts zurückzunehmen. "Im Sommer können wir nicht im Garten sitzen, und wenn draußen einer von diesen großen Lastwagen vorbei fährt, klirrt drinnen das Porzellan, weil die Vitrine vibriert", sagt die Grasbrunnerin. Und mit großen Lastwagen meine sie nicht etwa 7,5-Tonner, sondern solche mit 40 Tonnen und mehr.

Als sie selbst noch ein Kind war, habe sie mit ihren Freundinnen auf der Straße gespielt, sagt die Mutter von zwei Kindern. Da habe man am Zebrastreifen extra gewartet, bis ein Auto kam, damit das dann anhalten musste. "Vor 30 Jahren war das noch ganz anders", bestätigt Waldemar Czauderna. Er ist damals der Ruhe wegen nach Grasbrunn gezogen. Doch seither sei aus der ehemaligen Dorfstraße eine regelrechte Erschließungsstraße geworden, vor allem in den vergangenen Jahren.

Das liegt daran, dass die Ekkehartstraße Teil einer Verbindung ist, die von Hohenbrunn bis Neukeferloh parallel zur Autobahn A 99 verläuft. Außerdem schneidet diese Trasse die Staatsstraße 2079, die nach Putzbrunn und Glonn führt, und schließlich liegt an ihr auch noch ein Kieswerk. Es sind allerdings weniger die Lastwagen der nahen Kiesgrube, an denen sich die Anwohner stören. Es ist der internationale Speditionsverkehr. Seit für Lkw eine Maut auf Autobahnen gilt und die Lastwagen auf der A 99 regelmäßig im Stau stehen, zählen die Anwohner der Ekkehartstraße Kennzeichen aus ganz Europa. "Das ist der reine Durchgangsverkehr", schildern Wiesheu und Czauderna. "Und es wird jedes Jahr schlimmer." Mit allen Folgen: Lärm, Gestank, Gefahren. "Wer misst denn mal die Feinstaubbelastung? Es geht doch auch um die Gesundheit von uns."

Früher seien die Lastwagen über Putzbrunn gefahren, sagt Wiesheus Vater Peter. Doch seit der Umfahrung mit den Kreisverkehren und den Staus auf der B 471 "fahren sie bei uns". Was Franziska Wiesheu und ihre Nachbarin Anja Eichelsdörfer wollen: ein Durchfahrverbot für Lkw. So wie es die Stadt München für die Bahnstraße in Trudering erlassen will. Mit Interesse haben die Grasbrunner davon in der Zeitung gelesen. "Wenn so etwas in München möglich ist, warum denn nicht bei uns?", fragen sie sich.

Thomas Ostner in Harthausen, der das Lkw-Verbot in der Zornedinger Straße behalten möchte.

(Foto: Claus Schunk)

Diese Frage kann Grasbrunns Bürgermeister beantworten: Damit eine Straße für bestimmte Fahrzeuge gesperrt werden darf - die Bürokraten und Juristen sprechen in so einem Fall von "Teilentziehung" - müssen Gründe vorliegen: entweder schwere Straßenschäden oder ein Unfallschwerpunkt. Beides sei bei der Ekkehartstraße nicht der Fall. "Das klingt zwar blöd, aber es muss erst was passieren", sagt Korneder. Damit die Gemeinde die Straßen für Lkw sperren kann, muss sie außerdem eine mögliche Alternativroute aufzeigen. Und diese würde laut Korneder von der Staatsstraße 2079 bei der Kreuzung am Forstwirt über Harthausen und die Möschenfelder Straße durch Grasbrunn führen. "Eine Straße zu entlasten, indem man eine andere zusätzlich belastet, kann aber nicht die Lösung sein", findet Korneder.

Zumal die Durchgangsstraßen von Harthausen und Grasbrunn ohnehin bereits stark befahren seien. Für den Bürgermeister kommt ein Lkw-Verbot deshalb nur im Zusammenhang mit einer Gesamtlösung infrage: "Wenn man sperrt, dann wäre es ideal, wenn die Umfahrung über Putzbrunn und Keferloh auf der B 471 erfolgen würde." Doch genau diese Straße wollen wiederum Haar, Aschheim, Feldkirchen und Putzbrunn für den Lkw-Verkehr gesperrt wissen, damit sie nicht unter dem Schleichverkehr leiden. Landrat Christoph Göbel (CSU) hat auch bereits seine Unterstützung für den Vorschlag zugesagt. Korneder will das seinerseits nur akzeptieren, wenn gleichzeitig die Kreisstraße M 25 von Harthausen über Möschenfeld nach Grasbrunn gesperrt wird.

Der Bürgermeister hat Verständnis für die Anlieger der Ekkehartstraße. Die Gemeinde werde zunächst versuchen, mit Verkehrsgutachtern herauszufinden, woher der Durchgangsverkehr komme und danach über Maßnahmen nachdenken, verspricht er. Den Anwohnern reicht das nicht. Sie haben im Oktober mehr als hundert Unterschriften gesammelt und den Gemeinderat aufgefordert, sich innerhalb der kommenden drei Monate mit ihrem Antrag für ein Lkw-Durchfahrverbot zu befassen. An diesem Dienstag wird das Gremium dem Wunsch nachkommen. Die Freien Wähler haben dazu den Antrag gestellt, ein Lkw-Verbot für alle Ortsdurchfahrten von Grasbrunn, Harthausen und Neukeferloh zu erlassen.

Verkehrsschild in Grasbrunn, 2019

Damit eine Straße für bestimmte Fahrzeuge gesperrt werden darf, müssen Gründe vorliegen: entweder schwere Straßenschäden oder ein Unfallschwerpunkt.

(Foto: Claus Schunk)

Dass ein Lkw-Verbot auch nicht die Lösung aller Probleme ist, erleben die Anwohner der Zornedinger Straße in Harthausen tagtäglich. Zum einen ignorierten viele Lkw-Fahrer das Verbot einfach, das wegen Fahrbahnschäden erlassen wurde, haben Thomas Ostner und seine Nachbarn festgestellt; zum anderen rasen Autofahrer nun umso schneller durch die Verbindungsstraße nach Zorneding. Vor allem morgens und abends im Berufsverkehr. "Das sind alles Ebersberger", sagt Ostner.

Um diese zu bremsen, parken die Anwohner ihre Autos während des Berufsverkehrs auf der Straße. Dennoch würden Ostner und seine Nachbarn die Durchfahrt-Verboten-Schilder gerne behalten. Sobald die Straße saniert ist, muss das Verbot jedoch wieder aufgehoben werden - es gibt dann ja keinen Grund mehr dafür. Manche Harthauser würden deshalb die Straße sogar lieber in ihrem jetzigen Zustand belassen. "Ein interessanter Aspekt", sagt Bürgermeister Korneder dazu. Aber das wird nicht gehen. Eine Kommune müsse dafür sorgen, dass ihre Straßen "gefahrlos benutzt werden können".

Wie es aussieht, werden daher auch die Menschen an der Zornedinger Straße in Harthausen bald wieder mit dem Lkw-Verkehr leben müssen - genauso wie Franziska Wiesheu und ihre Nachbarn an der Ekkehartstraße in Grasbrunn.

© SZ vom 17.12.2019

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Von Lars Brunckhorst

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