Leistungsstarker Landkreis Ökosystem der Superlative

Am Katalysezentrum der TU auf dem Forschungscampus Garching wird geforscht. Die Verflechtung von Unternehmen und Studierenden ist ein Erfolgsgeheimnis des Wirtschaftsstandortes Landkreis.

(Foto: Florian Peljak)

Start-up-Boom, Rekorde bei den Ausfuhren, nahezu Vollbeschäftigung - und Zeichen der Überhitzung. Der Landkreis ist ein Wirtschaftswunderland

Von Bernhard Lohr

Die neuen Helden im Wirtschaftsleben sind jung, neugierig und haben viel positive Energie. Ohne alldem käme jemand wie Daniel Weiß nicht weit. Schließlich lebt der 23-jährige Geschäftsführer der Motius GmbH von seiner Kreativität und davon, das Unmögliche möglich zu machen. Daniel Weiß und seine Leute entwickeln Apps, mit denen Unternehmen interne Abläufe optimieren, und verändern nebenbei das Autofahren. Per Handbewegung soll der Fahrer künftig das Autoradio an- und ausschalten können. Der junge Mann ist mit seiner Garchinger Start-up-Firma Teil einer bundesweit einmaligen Erfolgsgeschichte.

Der Landkreis München nimmt, was Wirtschaftskraft und Zukunftsaussichten angeht, seit Jahren eine Spitzenposition ein. Es ist ein Wirtschaftsraum der Superlative. Und der Erfolg hat zumindest bei den Jungen, Innovativen ein angenehm fröhliches Gesicht. Er wolle "coole Sachen bauen, die die Welt noch nicht gesehen hat", sagt Daniel Weiß von Motius. "Es macht Spaß, das ist das allerwichtigste."

Erst kürzlich hat eine Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos zur Zukunftsfähigkeit aller Städte und Landkreise Deutschlands die Region München herausgestrichen. Die Industrie und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK) meldet gerade für den Landkreis München eine Rekordnachricht nach der anderen. Der Wert der Ausfuhren ist gestiegen, die Wirtschaftsleistung insgesamt auch. Doch was ist der Grund dafür, was zeichnet den Landkreis so aus? Es sind junge Gründer wie Daniel Weiß, aber das nicht alleine.

Vernetzung von Forschung, Entwicklung und Unternehmen

Ein Motor der Entwicklung ist die enge Vernetzung von Forschung, Entwicklung und Unternehmen. Die 2013 gegründete Motius GmbH ist nicht überall vorstellbar. Sie steht als eins von 60 Unternehmen im Garchinger Technologie- und Gründerzentrum (Gate) für Innovationskraft im Landkreis. Das junge Team von Motius geht spielerisch an die Sachen heran, und doch auch mit großem Ernst. Motius hat die Anwendung im Auftrag von BMW praxistauglich gemacht.

Mit so etwas beeindruckt der Autobauer dann auf Messen. Daniel Weiß schwärmt vom Umfeld, in dem er mit seinen Leuten arbeitet. Er greift auf einen großen Pool von Studenten zu, die je nach Auftrag schnell einsetzbar sind. Er profitiert von der unmittelbaren Nähe zur Technischen Universität, zu Einrichtungen wie dem Leibniz-Rechenzentrum und dem Fraunhofer-Institut. Und natürlich von den anderen Firmen im Gate.

Gate-Geschäftsführer Christian Heckemann spricht angesichts des Umfelds von einem "funktionierenden Ökosystem", das sich in Garching und in weiten Teilen des Landkreises München entwickelt habe. Forscher, Lehrer, innovative Köpfe und gestandene Unternehmer fänden dort zusammen. "Wir sind gerade ganz massiv am Erwachen", sagt Heckemann. 2002 bei der Gründung des Gate standen dort Räume leer. Der Internet-Hype war gerade verflogen. Heute ist das Zentrum für Digitalisierung in Bayern bei ihm Mieter. Die innovativen Firmen, die bei ihm einziehen, sucht er sich aus.

Daniel Weiß ist mit 23 Jahren Chef seiner eigenen Firma.

(Foto: Lukas Barth)

4213 Firmen entstanden im Jahr 2015

Die Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern (IHK) hat einen Gründungsboom im Landkreis ausgemacht. 4213 Firmen entstanden zwischen Oberschleißheim und Unterhaching im Jahr 2015 neu. Damit hebt sich die Region vom Trend in Oberbayern und Bayern ab, wo dem Statistischen Landesamt zufolge die Zahl der Gewerbeanmeldungen um 4,7 beziehungsweise 3,3 Prozent zurückging. Auch in der Landeshauptstadt München sank die Zahl, und zwar um 5,4 Prozent auf insgesamt 15 891.

Derweil macht sich Gate-Geschäftsführer Heckemann Gedanken, wie er weiter sein Gründerzentrum stärken kann. Er setzt auf Clusterbildung und Vernetzung in den Bereichen Medizintechnik, Robotics, Automotive-Anwendungen und Nanotechnologie. Wenn möglich, sollten die Gründer wie Motius eine "technische Innovation" mitbringen, sagt er. 287 Firmen sind schon durchgelaufen durch das Gate. Länger als fünf Jahre sollen sie nicht bleiben. Dann müssen sie raus in die Eigenständigkeit. Und womöglich dann rein in den Business-Campus, den es in Garching gibt und der auch in Unterschleißheim im Entstehen ist.

Dass jemand wie Daniel Weiß sich so wohl fühlt im Landkreis, hat auch viel mit den vielen etablierten und erfolgreichen Unternehmen wie etwa BMW zu tun, die den Input der jungen, kleinen Firmen schätzen und begehrte Auftraggeber sind. Dennoch: Eine Stadt wie Unterschleißheim hat auch erlebt, dass es im Wirtschaftsleben nicht immer nur nach oben geht. Die Wehrtechnik-Sparte des Airbus-Konzerns kehrte der Stadt den Rücken. Microsoft zieht es weg, rein in die Parkstadt-Schwabing.

Chancen und Probleme: Die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern wagt in einer Zukunftskarte einen launigen Blick ins Jahr 2030.

(Foto: privat)

Dennoch: Bürgermeister Christoph Böck (SPD) glaubt fest, die Verluste ausgleichen zu können. Der Business-Campus auf dem früheren EADS-Areal werde sich mit seinen 14 Hektar und den 200 000 Quadratmetern Bürofläche füllen, sagt er. 4000 Arbeitsplätze werden dort entstehen. Auch das Microsoft-Gebäude soll nicht lange leerstehen: "Ich bin fest überzeugt, dass es für das Gebäude zeitnah eine Nachnutzung geben wird." Der Landkreis München habe sich in 30 Jahren "komplett verändert".

Die wirtschaftliche Stärke sei eklatant. Man habe, sagt Böck mit großer Gelassenheit, "eine Alleinstellung in der gesamten Bundesrepublik". Unterschleißheim, sagt Böck, sei "eine Kommune, die immer schon in die Zukunft geschaut hat". Und sie schaut mit ihrer eigenen Abteilung für Wirtschaftsförderung im Rathaus weit hinaus in die Welt. Der Wirtschaftsförderverein Innovative Community Unterschleißheim (ICU) unterhält Büros mit Partnern im chinesischen Hangzhou sowie in Moskau und Zelenograd in Russland.

Der Landkreis ist ein Spiegelbild der Exportnation Deutschland. Waren im Wert von 7,3 Milliarden Euro wurden 2015 aus dem Landkreis ins Ausland verkauft, was einem Plus von 14,2 Prozent entsprach. Die Exportquote des verarbeitenden Gewerbes lag 2015 mit 61 Prozent deutlich über dem bayerischen Durchschnitt.

15 000 EInwohner und 30 000 Arbeitsplätze

Während früher das Umland von der Dynamik der Stadt München lebte, hat sich das Blatt mittlerweile gewendet. In Unterschleißheim mit seinen 30 000 Einwohnern finden 15 000 Menschen einen Arbeitsplatz. Unternehmen wie Pro 7-Sat 1 oder Sky prägen den Mediapark in Unterföhring, und sind doch nur ein Teil davon.

Niedrige Gewerbesteuer-Sätze locken Firmen aus München, wo der Hebesatz bei 490 Prozent liegt, raus aufs Land. Bei 240 Prozent liegt der Satz in Grünwald, Unterschleißheim senkte 2015 seinen Satz von 350 auf 330 Prozent. Unterschleißheims Wirtschaftsförderer Michael Schmitt spricht von einem "Mosaiksteinchen" im vorzeigbaren Bild der Kleinstadt im Norden der Metropole München.

Unterschleißheim glänzt, so wie wirtschaftlich vieles im Norden glänzt, wo ein Business-Campus mit großen Büroflächen nach dem anderen in die Höhe wächst. Doch ein Selbstläufer ist das nicht, wie sich etwa in der Gemeinde Haar im Osten zeigt, wo auch zwei Jahre nach dem Wegzug der Sparkassen-Informatik im Büropark Eglfing Tausende Quadratmeter an Büroflächen leerstehen. Andererseits zeichnet sich ab, dass dort das Europäische Patentamt juristische Abteilungen einquartiert.

Das Nanotech-Unternehmen Attocube baut gleich nebenan. Es verlässt dafür die noble Adresse an der Münchner Königinstraße. Diese junge Firma will wachsen, und das stadtnah im Landkreis. Das Bild in Haar ist differenziert, ähnlich wie in Grasbrunn, Neubiberg und auch Ottobrunn, wo sich nach Jahren der Stagnation am Airbus-Standort gerade etwas bewegt. Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) spricht neuerdings von einer "Renaissance" des Standorts nach Zeiten der Krise, in denen Unternehmensteile bei Airbus verlagert wurden.

So baut nicht nur das High-Tech-Unternehmen Astyx GmbH eine "Denkfabrik" für 250 Beschäftigte. Auch Panasonic zog jüngst seine Aktivitäten von drei Standorten in Haar, Holzkirchen und München-Trudering in Ottobrunn zusammen. Winfried Neumayer, Mitglied der Geschäftsführung von Panasonic Automotive & Industrial Systems Europe GmbH, begründet die Standortwahl unter anderem mit der guten Anbindung an die Autobahnen. Bei einer Umfrage unter 139 Unternehmen strichen viele die günstige Verkehrslage im Landkreis heraus.

Verstopfte Straßen und ein überlasteter Personennahverkehr

Doch was bringt das, wenn der schnelle Weg auf die Autobahn nur schnell in den nächsten Stau führt. Durch den Boom wachsen die Probleme. Die größten Defizite sehen die Unternehmen bei den hohen Preisen für Gewerbeflächen, -mieten und beim fehlenden Wohnraum für Mitarbeiter. Auch der Fachkräftemangel und die hohen Personalkosten werden genannt. Unverkennbare Zeichen einer Überhitzung. Dazu: verstopfte Straßen, und ein überlasteter Personennahverkehr.

Dennoch: Es geht weiter. Die Stadt München und der Landkreis konkurrieren als Top-Gründerregion mit dem hippen Berlin. So eröffnet in Unterschleißheim mit der Accelerator Community Unterschleißheim (ACU) im Business-Campus ein neues Gründerzentrum, an dem bald womöglich junge, neugierige Menschen wie Daniel Weiß an neuen Produkten arbeiten. Es soll dort, neudeutsch gesprochen, um "Smart City und Smart Industry" gehen; also um Konzepte, die wachsende Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher und grüner machen. Vielleicht werden dort von 23-Jährigen bald die Probleme gelöst, die den Großraum München plagen.