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Landtagswahl: Grünen-Kandidatin Claudia Köhler:Sozial, ökologisch, bayerisch

Weil Frauen in Siebzigern in der Feuerwehr nicht ausrücken durften, ging Claudia Köhler zum Spielmannszug und spielte Querflöte.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Unterhachingerin Claudia Köhler, die im Norden des Landkreises für den Landtag kandidiert, fühlt sich in der Feuerwehruniform ebenso wohl wie im Dirndl. Und ist doch eine waschechte Grüne.

Das Foto ist kürzlich auf der Oiden Wiesn entstanden und gefällt Claudia Köhler ausgesprochen gut. "Endlich hat es mal geklappt, das Treffen mit den Trachtlern aus Ismaning", sagt sie. Die Schuhplattler von den Roaga Buam posierten für das Gruppenbild mit Politikern der Grünen, alle in Tracht. Will sich da eine Partei betont bayerisch geben? Jetzt, wo nicht wenige CSU-Wähler damit liebäugeln, am 14. Oktober mal die Grünen zu wählen. Auf eine solche Idee, findet Claudia Köhler, kommen nur Auswärtige, Berliner oder Hamburger vielleicht, die Dirndl, Brauchtum und Traditionen in Bayern automatisch der CSU zuschreiben und für die eine grüne Politikerin eine junge Großstädterin sein muss. Und die Claudia Köhler nicht kennen.

Neulich stand in der Zeit, man könnte Claudia Köhler rein äußerlich auch für eine CSU-Politikerin halten. Sie muss darüber lachen. Das Dirndl oder auch die Trachtenjacke, die die Landtagskandidatin für den Stimmkreis München-Land Nord gerne trägt, hat nichts mit Wahlkampf zu tun. Köhler ist bodenständig, tief verwurzelt in ihrem Heimatort Unterhaching und durch und durch bayerisch. In ihren Themen - Integration von Asylbewerbern, Klimaschutz, gesundes Essen, soziale Gesellschaft - aber ist die 51-Jährige absolut grün. Am Idiom erkennt man unschwer, dass sie aus dem Süden der Republik stammt, und wenn sie all ihre Ehrenämter aufzählt, von der Freiwilligen Feuerwehr bis hin zur Kirche, fragen sich Leute mit dem althergebrachten Bild einer Grünen-Politikerin schon, wie das alles zusammenpasst. Denen erklärt sie das so: "Ich bin konservativ im besten Sinne."

Die Grünen mit den Roaga Buam.

(Foto: privat)

Menschen wie Claudia Köhler sind wohl mit ein Grund dafür, dass die Umfragewerte der Grünen in den Wochen vor der Wahl so hoch wie nie liegen. Es erinnert ein wenig an das Phänomen Sepp Daxenberger. Der 2010 verstorbene erste grüne Bürgermeister Bayerns aus Waging am See war auch ganz einfach einer von ihnen im Dorf. "Ich bin kein linker Chaot", hatte der einstige Grünen-Landesvorsitzende mal von sich gesagt, und es damit ganz gut ausgedrückt, warum man in Bayern auch auf dem Land grün wählen kann.

Ehrenamtliches Engagement

Köhlers Engagement in der Feuerwehr passt da ins Bild. Ihr Vater war dort schon aktiv, so war es logisch, dass sie mit zwölf im Spielmannszug anfing. "Ich bin bei der Feuerwehr aufgewachsen", sagt sie. Und weil Mädchen und Frauen damals, 1978, noch nicht ausrücken durften, spielte sie Querflöte und überließ das Löschen den Männern. Geärgert hat sie sich darüber nicht, auch nicht rebelliert. "Da gab es keine Diskussion, das war eben so", sagt sie.

Dass sie aber sonst nicht der Typ ist, der stillhält und abwartet, weiß man in Unterhaching nicht erst, seit Köhler sich in der Kommunalpolitik engagiert. Sie war Klassensprecherin von der fünften Jahrgangsstufe an, und als sich die damaligen Mitschüler kürzlich zum 40-Jährigen trafen, attestierte man ihr: "War ja klar, dass die Claudia mal in die Politik geht."

Ihr selbst kam das lange gar nicht in den Sinn. Ehrenamtliches Engagement hingegen war immer ihr Ding. Auch mit drei Kindern sagte die Betriebswirtin nie nein, wenn es ums Anpacken ging. Sie wartet nicht, ob andere etwas tun, sie macht es einfach, etwa bei der Flüchtlingshilfe. So gelang es ihr, 130 Asylbewerbern einen Job zu vermitteln. Sie hat bei den Firmen angerufen, setzte sich ein, blieb hartnäckig und hatte Erfolg. Auch der Unterhachinger Krautgarten war ihre Idee. Auf einem Feld am Finsinger Weg können unterschiedliche Menschen gemeinsam Gemüse anbauen. Inzwischen ist die dritte Ernte eingefahren. "Langweilig ist mir nie", sagt sie, und das glaubt man ihr sofort.

Claudia Köhler hat Ahmed Zahoor aus Pakistan der Firma Diepold vermittelt. Seit zwei Jahren arbeitet er im "Store" auf dem Campeon von Infineon.

(Foto: Claus Schunk)

Bildungspolitik zählt zu ihren wichtigsten Anliegen

Claudia Köhler ist eine Frau, der die Energie nie auszugehen scheint, die Begeisterung versprüht. Bereits vor 30 Jahren engagierte sie sich als Kirchenpflegerin in der evangelischen Gemeinde, später im Elternbeirat des Lise-Meitner-Gymnasiums. Eines hatte das andere ergeben. "Ich bin niemand, der sich über alles beschwert, aber der klar seine Meinung äußert", sagt sie. Vor zehn Jahren hat sie an den Elternbeirat geschrieben, weil sie sich über die Sparmaßnahmen im Bereich Fremdsprachen ärgerte. "Mein Mann hat damals gesagt, pass auf, in drei Wochen bist du dabei." So lange hat es nicht gedauert. Sechs Jahre war sie in dem Gremium aktiv, auch heute zählt die Bildungspolitik zu ihren wichtigsten Anliegen. "Ich will gerechte Chancen für unsere Jugendlichen", sagt sie, "alle Kinder haben Talente, es nützt nichts, wenn jeder alles ein bisschen kann." Sie fordert mehr Lehrer und kritisiert, dass die Digitalisierung in den Schulen völlig verschlafen wurde.

2011 holten die Unterhachinger Grünen sie dann in ihre Partei, drei Jahre später kandidierte sie für den Posten der Bürgermeisterin und holte auf Anhieb 10,55 Prozent. Seither ist sie Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, hat die Bürgerfragestunden eingeführt, und es vergeht keine Sitzung ohne einen Antrag der Grünen. Inzwischen arbeitet Köhler auch im Münchner Stadtbüro der Grünen, die Landtagskandidatur ist für sie eine logische Folge. Denn Kommunalpolitik und Landespolitik berühren sich dauernd, hat sie festgestellt. "Aber wir stoßen an unsere Grenzen, wenn der Staat seine Hausaufgaben nicht macht." Wenn sie ins Maximilianeum gewählt werden sollte, will sie im Gemeinderat bleiben, "als Bindeglied".

Platz sieben auf der Oberbayern-Liste

Die Chancen stehen mit Platz sieben auf der Oberbayernliste nicht schlecht. Dass sie im Norden des Landkreises antritt, weil sie hofft, so besser mit Erst- und Zweitstimmen punkten zu können, muss sie immer wieder erklären. Allerdings haben auch die Wähler in den Nordkommunen sie inzwischen kennengelernt, und wie sie am Montag auf dem Podium in Unterschleißheim bewies: als engagierte Politikerin, die für ihre Themen kämpft, klare Aussagen macht und mit Wissen, auch über den nördlichen Landkreis, zu überzeugen versucht. Die SZ stellt in loser Folge die Direktkandidaten der sieben größten Parteien im Landkreis vor. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.sueddeutsche.de/muenchen/landkreismuenchen.