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Kreis und quer:Hundert Tage und keine Schonfrist

Im Rathaus Neubiberg grübelt der neue Neubiberger Bürgermeister Thomas Pardeller, wie er die Folgen der Corona-Krise meistern kann.

(Foto: Claus Schunk)

Nach drei Monaten im Amt wird die Arbeit der neuen Bürgermeister traditionell erstmals beurteilt. Die Corona-Krise hat auch da vieles verändert.

Von Sabine Wejsada

Als Franklin D. Roosevelt während der Weltwirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten von Amerika zum Präsidenten gewählt worden war, da bat er nach seinem Amtsantritt 1933 um eine Schonfrist von hundert Tagen. Erst nach dieser Zeit sollte sein Reformprogramm, das seinerzeit den schönen Namen "New Deal" trug, Wirkung zeigen und von der Öffentlichkeit bewertet werden. Diese hundert Tage werden noch heute all jenen zugestanden, die einen Job angetreten haben. Erst nach Ablauf der Frist ziehen sie selbst, ihre Anhänger sowie die bei der Wahl unterlegenen Konkurrenten gewöhnlich eine erste Bilanz.

Zeit für einen Zwischenstand nach etwas mehr als drei Monaten Amtszeit ist dieser Tage auch im Landkreis München. Zehn Neue haben nach der Kommunalwahl im März in Aying, Baierbrunn, Feldkirchen, Gräfelfing, Haar, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Neubiberg, Oberschleißheim, Planegg und Schäftlarn das Ruder im jeweiligen Rathaus übernommen. Doch mit Corona hat sich für sie alles verändert. Schon die Vereidigung im Mai ist einzigartig gewesen. In den zu Sitzungssälen umgestalteten Turnhallen und Bürgerhäusern musste virusbedingt mit mindestens anderthalb Metern Abstand oder besser noch mehr auf die Verfassung geschworen werden. Handschläge waren zur Covid-19-Abwehr verboten und sind es immer noch. Glückwünsche wurden und werden mit Ellenbogen-Gruß oder gestrecktem Bein überbracht.

Für das Erinnerungsfoto braucht es Distanz

Zum Erinnerungsfoto brauchte es wegen der vorgeschriebenen Distanz entweder ein Weitwinkelobjektiv oder eine Maske im Gesicht, wenn sich die Nähe vor lauter Freude nicht auflösen ließ. Solche Umstände werden in die Geschichte eingehen oder zumindest in die Ortschroniken - Corona sei dank. Und auch die seit Roosevelt übliche Schonzeit hat es für keine oder keinen der Neuen wirklich gegeben. Die Folgen der Pandemie sind überall spürbar, auch im sonst finanziell so potenten Landkreis München wird das Geld knapp.

Mindy Konwitschny, Thomas Pardeller und Co. dürften seit ihrem Amtsantritt viele schlaflose Nächte verbracht und sich schwere Gedanken gemacht haben - angesichts drohender Einnahmeverluste bei den Gewerbesteuern und größtmöglicher Unsicherheiten für die kommunalen Finanzen. Ganz zu schweigen von der Frage, ob sich all das, mit dem die Neuen angetreten sind und frischen Wind in ihren Heimatort bringen wollten, überhaupt noch realisieren lässt. Natürlich gilt diese Erschwernis auch für alle wiedergewählten Bürgermeister, Gemeinde- und Stadträte. Und für den Landrat und die Kreisräte sowieso.

Die Antwort kennt keiner. Es ist eben alles anders in diesem Corona-Jahr - für jeden Einzelnen. Aber wie sagte der Schonfrist-Erfinder Roosevelt seinerzeit so schön? Das Einzige, vor dem man Angst haben muss, ist die Angst selber.

© SZ vom 14.08.2020

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