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SZ-Serie: Sound des Sommers:"Mähdreschen ist für mich Entspannung"

Max Kraus saß zum ersten Mal mit 13 oder 14 Jahren auf einem Mähdrescher. Damals gab es noch nicht einmal eine Kabine.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Landwirt Max Kraus sitzt zur Erntezeit gerne im Führerhaus seiner großen Maschine. Dass man dort sein eigenes Wort kaum versteht, ficht ihn nicht an.

Es ist 0.20 Uhr, ein Samstag, und Max Kraus sitzt auf seinem Mähdrescher - vor ihm Getreide, um ihn herum die dunkle Nacht. Der Landwirt aus Ismaning, 56 Jahre alt, hält diesen Moment fest und teilt ihn mit der Welt auf Facebook. "Endspurt für heute" - schreibt er, 52 Mal geht der Daumen nach oben.

Am Montag danach sitzt er wieder in der Kabine. "Das war mein persönlicher Rekord. Um vier Uhr in der Früh war ich daheim, hab ich mir noch eine Halbe aufgemacht, dann bin ich ins Bett", sagt er - oder ruft er eher, denn da ist viel Lärm, gegen den Kraus anreden muss. Die Rolle vorne am Mähdrescher dreht sich, das Schneidewerkzeug säbelt, monoton, gleichförmig, zack, zack, zack. In den nächsten zwei Stunden wird die Reporterin, die neben ihm auf der Maschine sitzt, oft "was?" rufen und "wie bitte?". Und Kraus wird immer wieder brav wiederholen, was er zuvor schon einmal erzählt hat.

Beschwert habe sich noch kein Anwohner bei ihm, wenn er nachts Getreide gedroschen habe, sagt Max Kraus. "Ich weiß aber, dass bei Kollegen auch schon mal die Polizei da war." Laut ist so ein Mähdrescher tatsächlich, besonders beim Zurückfahren, wenn das Alarmsignal piepst. Hunderte Meter weit sei das zu hören, sagt Kraus. Natürlich müsse man da Rücksicht nehmen. Einerseits.

Ungefähr zehn volle Tage ist Max Kraus mit dem Mähdrescher unterwegs, manchmal bis spät in die Nacht.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Für die Landwirte gibt es den "Fahrerknigge"

Andererseits: Das Getreide sei eben reif, wenn es reif sei, und die Zeit, es zu ernten, begrenzt. Wenn es regnet, können Landwirte nicht ernten. Und wenn das Getreide bei der Ernte noch nass ist, müssen sie es hinterher trocknen - das brauche Heizöl und koste Geld. Nicht besonders viel zwar, zehn Euro pro Tonne, schätzt Bauer Kraus. "Aber es läppert sich doch."

80 bis 105 Dezibel

So laut kann ein Mähdrescher laut sein. Trotzdem dürfen Landwirte in den meisten Fällen auch nachts ihr Getreide dreschen. Für das Ernten bleibt Landwirten häufig nur ein kleine Zeitfenster, denn sie müssen die Zeit abpassen, in der das Wetter passt. Werden reife Körner nass, beginnen sie zu keimen. Dadurch verringert sich der Mehlanteil und das Korn eignet sich nicht mehr Brotgetreide, sondern kann bloß noch als Tierfutter genutzt werden. Doch das können Bauern nicht so teuer verkaufen. Daher dreschen Landwirte manchmal auch in der Nacht oder am Feiertag. Dafür gibt es Ausnahmeregelungen. Sonntagsarbeit ist Bauern etwa nur erlaubt, wenn es sich um "unaufschiebbare Arbeiten" handelt. Nachts müssen Landwirte Grenzwerte einhalten - gegenüber Dorfgebieten, Mischgebieten und auch einzelstehenden Wohnhäusern gilt etwa ein Beurteilungspegel von nachts 45 Dezibel und gegenüber reinen Wohngebieten 35 Dezibel. Einzelne kurzzeitige Geräuschspitzen dürfen die Werte in der Nacht nochmals um bis zu zehn Dezibel überschreiten. Das Fazit, das das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt daraus zieht: Die überwiegende Zahl der Feldarbeiten - besondere während der Ernte - sind auch nachts erlaubt. Auf etwa einem Drittel der Grün- und Ackerfläche im Landkreis München bauen Landwirte Getreide an - also laut Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf 6700 von 18 700 Hektar. Auf den Feldern wächst hauptsächlich Braugerste und Winterweizen, der für Backwaren genutzt wird. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Kartoffelanbau. Außerdem hat sich die Fläche für Gemüse- und Beerenanbau in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte ausgeweitet. chrh

Wie oft sich Menschen über den Erntelärm im Sommer beschweren, ist schwer zu sagen. Der Bauernverband hat dazu keine Zahlen. Grundsätzlich ist es erlaubt, dass Landwirte nachts dreschen. Es gibt zwar bestimmte Lärmgrenzen, allerdings auch viele Ausnahmen. Um für mehr Akzeptanz zu werben, hat der Bauernverband Informationskampagnen gestartet. In einem "Fahrerknigge" etwa wirbt der Verband bei Bauern dafür, die Straße nicht zu verschmutzen, möglichst nicht nach 22 Uhr zu dreschen, die Verkehrsregeln zu beachten und in Ortschaften höchstens 30 Kilometer pro Stunde zu fahren. Denn zwar komme es nur selten zu Unfällen mit großen Maschinen, wenn etwas passiert, würden aber überdurchschnittlich häufig Menschen verletzt oder getötet.

Kraus sagt, er habe noch nicht einmal einen Hasen überfahren. Als er das erste Mal auf einem Mähdrescher saß, war er 13 oder 14 Jahre alt. Damals hatte das Fahrzeug keine Kabine, heute sind da viele Displays und Schalter. Wenn er zu viel Getreide verschwendet, leuchten zum Beispiel rote Lämpchen auf. Dabei sei seine Technik vergleichsweise moderat, erklärt Kraus. Es gebe Maschinen, bei denen sich alles mit GPS und Computern einstellen, programmieren und steuern lasse - "fast ein wenig langweilig", sagt Kraus, wäre es ihm dann.

Ungefähr zehn volle Tage im Jahr fahre er Mähdrescher. Etwa 200 Tonnen Braugerste hat Kraus dieses Jahr gedroschen, zehn Prozent weniger als im vergangenen. Bei der Wintergerste lief es noch schlechter. Da erntete er etwa 30 Tonnen, fast ein Drittel weniger als 2019. Einbußen gab es heuer in ganz Bayern - im Mittel fiel die Erntemenge laut dem Statistischen Landesamt um 3,6 Prozent geringer aus. Als Grund nennt die Behörde die Witterung: Der Juni und der Juli seien zu trocken gewesen. Kraus sieht das entspannt: "Bessere und schlechtere Jahre gab es schon immer." Wenn es mit dem Getreide nicht so gut läuft, könne er das meistens mit Kartoffeln oder Kraut ausgleichen. Doch daran, dass der Klimawandel existiert, glaube er - und daran, dass der Mensch etwas tun muss, die Natur zu bewahren auch.

Die Sportplatzpflege ist ein guter Ausgleich

"Mähdreschen ist für mich Entspannung", sagt Kraus. Da denke er über alles Mögliche nach: "Was gestern war. Und morgen sein wird." Zwei Dingen hätten in seinem Leben praktisch schon immer festgestanden: Dass er einmal Landwirt wird - so wie alle in seiner Familie - seit mehr als hundert Jahren. Und dass er in Ismaning zu Hause ist und nirgendwo sonst auf der Welt wohnen möchte.

Kraus sitzt für die Freien Wähler im Gemeinderat, hat eine Dauerkarte für den FC Bayern und ein Unternehmen für Sportplatzpflege. Er gründete es Mitte der Neunziger, als die Pfanni-Werke in München schlossen und aus der Kartoffelfabrik am Ostbahnhof eine Gegend für Feiernde, Kneipen und Clubs wurde. Seine Tiere, 45 Mastbullen, verkaufte er wenig später, weil er den Stall hätte umbauen müssen. Schlimm sei das für ihn gewesen, emotional. Andererseits habe er heute mehr Freizeit - wenn er mit seinen Spezln ein Bier trinken will, sei er nicht mehr der Letzte, der auftauche, weil er vorher noch Tiere füttern und den Stallgeruch wieder losbekommen musste. Außerdem sei die Sportplatzpflege in Jahren, wenn die Ernte schlechter ausfalle, ein guter Ausgleich.

Inzwischen mäht er den Rasen auf 70 Sportplätzen in Ismaning und Umgebung - immer mit Ohrenschützern, anders als auf dem Mähdrescher. "Da ist schließlich eine Kabine um mich herum." Und wenn nicht gerade eine Reporterin neben ihm sitzt und viele Fragen stellt, schalte immer das Radio an. "Von Rock bis Schlager höre ich alles gern." Dass der Lärm zum Problem wird und Bauern schwerhörig werden, kommt allerdings nicht selten vor. Ein Online-Portal, das sich ausschließlich dem Thema Gehör widmet, geht davon aus, dass 78 Prozent der Landwirte an Schwerhörigkeit leiden. Kraus lässt sich davon nicht beeindrucken. "Im Alter", sagt er, "hören doch alle schlechter."