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Garching:Feinstaubentwicklung in Echtzeit

A99 bei München, 2019

Dass der Verkehr auf den Autobahnen, wie auf der A 99, zur Feinstaubentwicklung beiträgt, ist keine überraschende Erkenntnis.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Garchinger Wissenschaftler Thomas Zastrow wertet millionenfach Daten zur Luftqualität im nördlichen Landkreis aus und stellt diese ins Internet.

Von Irmengard Gnau, Garching

Was atmen wir da eigentlich alles ein, wenn wir so durch den Landkreis spazieren? Die acht Kommunen Garching, Ismaning, Oberföhring, Unterföhring, Unterschleißheim, Eching, Hallbergmoos und Neufahrn wollten es genau wissen und haben im vergangenen Jahr eine umfangreiche Untersuchung der Luftqualität auf ihren Ortsgebieten auf den Weg gebracht.

Seit September 2019 messen in den acht Städten und Gemeinden, die sich in der Nordallianz zur interkommunalen Zusammenarbeit zusammengeschlossen haben, insgesamt 35 Sensoren an verschiedenen Standorten, wie viel Stickstoffdioxid, Ozon und Feinstaub sich gerade in der Luft befinden. Die kleinen schwarzen Kästchen der Münchner Firma Hawa Dawa funken ihre Ergebnisse mehrmals pro Stunde, sodass auf der Website der Nordallianz quasi in Echtzeit ersichtlich ist, wie viel Feinstaub gerade an der Münchner Straße in Unterföhring in der Luft liegt oder ob die Ozonbelastung entlang der Kreuzstraße in Unterschleißheim heute besonders hoch ist.

Open data nennt sich das Prinzip

Garching Nordallianz misst Luftqualität 2019 bis 2021 Pilotprojekt: Auswertung Thomas Zastrow, wiss. Mitarbeiter am Rechenzentrum des Max-Planck-Instituts Garching

Ziel des Pilotprojektes der Nordallianz, für das Thomas Zastrow seine Datensammlung erstellt, ist es, Langzeiteffekte herauszuarbeiten. Im Oktober zieht er die erste Jahresbilanz.

(Foto: Privat)

Diese Daten kann jeder, der sich dafür interessiert, auf der Website der Nordallianz einsehen. Open data nennt sich dieses Prinzip, und hier kommt Thomas Zastrow ins Spiel. Der 45-Jährige arbeitet am Rechenzentrum des Max-Planck-Instituts in Garching und untersucht dort beruflich wissenschaftliche Daten. Privat beschäftigt er sich schon seit einigen Jahren mit der Luftqualität.

Mit Hilfe selbstgebauter Sensoren, die man am Gürtel tragen kann, sammelte er zum Beispiel Luftwerte aus seiner Umgebung und wertete diese aus. "Wir wohnen in der Nähe der Großstadt und haben im Münchner Umland viel Verkehr. Da stellt man sich natürlich schon die Frage, was man da jeden Tag einatmet", sagt Zastrow. Als der 45-Jährige auf das Projekt der Nordallianz aufmerksam wurde, war er gleich angetan - solche Datenmengen waren natürlich weit mehr als das, was ein Privatmann erheben konnte.

Über einen Hinweis, dass die Daten auf der Homepage der Allianz nicht im richtigen Format dargestellt waren, kam Zastrow mit Anna Laura Liebenstund, Leiterin der Geschäftsstelle der Nordallianz, in Kontakt - und erklärte sich rasch bereit, die Daten mit seiner eigens programmierten Software privat auszuwerten und seine Ergebnisse wiederum der Nordallianz und allen Interessierten zur Verfügung zu stellen. Auf der Website des Wissenschaftlers finden sich nun erste Forschungsfragen, auf die er in dem Datensatz eine Antwort gesucht hat. Beispielsweise verglich Zastrow, inwieweit sich das Feuerwerk in der Silvesternacht auf die Feinstaubwerte in den einzelnen Kommunen ausgewirkt hat.

Auch der Beginn der Corona-Maßnahmen, als viele Menschen im Landkreis zwangsweise zuhause blieben, ist als Knick in der Datenkurve erkennbar; wenn viele Pendler ihr Auto stehen lassen, wirkt sich das auf die Luftqualität aus. "Das sind natürlich Ergebnisse, die man gewissermaßen erwartet hat", beschwichtigt Zastrow. Er setzt seine Hoffnungen vor allem auf die Zukunft: "Wenn wir Messungen über einen langen Zeitraum hin machen können, ist das sehr wertvoll. Dann kann man wirklich auch Langzeiteffekte nachweisen, nicht nur Momentaufnahmen."

Das Pilotprojekt ist auf 24 Monate angelegt

Bislang haben die 35 Messsensoren bereits etwa 1,3 Millionen Daten gesammelt. Bis Anfang Oktober werden noch einige Hunderttausend dazukommen. Dann läuft das Projekt ein Jahr lang und Zastrow und Liebenstund werden eine erste Jahresbilanz ziehen. Insgesamt ist das Pilotprojekt erst einmal auf 24 Monate angelegt. Doch je mehr Daten man sammelt, desto zuverlässiger werden die Ergebnisse, gibt Zastrow zu bedenken.

Für die Bürgermeister der einzelnen Kommunen sind die Ergebnisse der Datensammlung freilich auch politisch interessant: Sollte sich die Rush Hour morgens und abends, wenn Tausende mit dem Auto über die B 471 und die übrigen Hauptverkehrsstrecken an ihren Arbeitsplatz fahren, als wiederkehrender Berg in den Stickoxidkurven abzeichnen, ist dies vielleicht für manchen ein eindrücklicherer Appell, öfter einmal darüber nachzudenken, das Auto stehen zu lassen.

Damit die Messungen nicht nur im Internet ihren Niederschlag finden, hat die Nordallianz eine "Infobox" konzipiert. In der kleinen, mobilen Ausstellung kann sich jedermann über das Projekt informieren und die wichtigsten Fragen zur Luftqualität beantworten lassen. Eigentlich, erklärt Liebenstund, hätte die Infobox bereits durch alle acht Kommunen der Nordallianz touren sollen, doch die Corona-Maßnahmen haben die Runde unterbrochen. Beim Klimatag in Ismaning, in Unterföhring, Eching und Hallbergmoos war die Ausstellung bereits. In den übrigen vier Kommunen soll sie im Herbst zu Gast sein. Außerdem kann sich jeder auf der Website einen Überblick über die täglichen Werte verschaffen.

Die Werte der Luftqualität aus den 35 Messstationen, Analysen inklusive Visualisierungen sind online unter https://nordallianz.de/luftqualitaet/ zu finden. Die Auswertungen können unter https://luftdaten.thomas-zastrow.de eingesehen werden.

© SZ vom 24.08.2020

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