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Kommunalwahl in Aschheim:Die Bürgerentscheide haben den Ort verändert

Dass das alte Rathaus abgerissen werden soll, finden nicht alle Kandidaten gut. Das Foto zeigt den Umzug ins Interimsgebäude.

(Foto: Claus Schunk)

Rathauschef Thomas Glashauser von der CSU muss sich diesmal gegen drei Gegenkandidaten erwehren. Zwei davon haben die Proteste gegen die Schlachthofpläne und die Straßenerschließungsbeiträge organisiert.

Von Christina Hertel, Aschheim

Die Geschichte, wie Eugen Stubenvoll beschloss, Bürgermeister in Aschheim zu werden, beginnt 2017 mit Angst vor einer Rechnung: Etwa 24 000 Euro soll er bezahlen - für ein Stück Asphalt, das um sein Grundstück führt, für eine Straße, die aus den Siebzigerjahren stammt und für deren Ausbau er nun die Rechnung begleichen soll. Er ärgert sich, wendet sich an das Rathaus, wo ihm niemand richtig zugehört hat, wie er sagt. Das ärgert ihn noch mehr und er beginnt Unterschriften zu sammeln. Es kommt zu einem Bürgerentscheid. 78 Prozent, etwa 2600 Wähler, stimmen dafür, dass Hausbesitzer wie Stubenvoll nicht die vollen Kosten ihrer Straßenerschließung tragen sollen.

"Die Straßen sind inzwischen ja überhaupt kein Thema mehr", sagt Stubenvoll, der für die Freien Wähler antritt und der für seine Straße letztlich gar nichts zahlen musste: Die Beiträge sind inzwischen abgeschafft. Und doch könnte der Bürgerentscheid von 2018 die Kommunalwahl dieses Frühjahr beeinflussen. Denn es ist die zweite Abstimmung, die Bürgermeister Thomas Glashauser von der CSU während seiner ersten Amtszeit verlor. Auch, als es zwei Jahre zuvor darum ging, ob ein Schlachthof nach Aschheim kommt, schätzte er die Meinung der Bürger falsch ein. Fast 90 Prozent der Wähler stimmten gegen das Bauprojekt. Die eine Initiatorin des Bürgerentscheids, Sabine Maier, gründete danach einen Ortsverband der Grünen in Aschheim. Auch sie möchte Bürgermeisterin werden. Die andere, Sabine Freser-Specht, will für die Freien Wähler in den Gemeinderat.

Dass er und seine Partei in den vergangenen Jahren an Infoständen und Haustüren so häufig mit den Menschen über ihre Sorgen gesprochen haben, sieht Eugen Stubenvoll, der als Richter am Amtsgericht München arbeitet, als seinen größten Pluspunkt. Noch nie habe ihn ein Wähler nach seinem Programm gefragt. Und große Umbrüche hat er mit der Gemeinde auch nicht vor. "Ich möchte das Idyll erhalten", sagt er. Verändern soll sich das vor allem das Gefühl: Er wolle jedes Anliegen ernstnehmen, die Menschen zuhause besuchen. "Der persönliche Kontakt ist doch das Schöne in einer kleinen Gemeinde."

Auch Ingrid Lenz-Aktaș, die für die SPD Bürgermeisterin in Aschheim werden möchte, spürt, dass sich durch die Bürgerentscheide die Atmosphäre im Ort verändert habe: "Gegenüber dem Gemeinderat hat sich eine misstrauische Haltung entwickelt." Für die SPD ist das besonders bitter: Wahrscheinlich hat kaum eine Partei im Gemeinderat so viele Anträge durchgesetzt. Dass Aschheim Mieträder, eine Obdachlosenberatung, das Siegel "Demenzfreundliche Kommune" und ein Verbot von Neonicotinoiden, einem Pflanzenschutzmittel, hat, geht auf Ideen der Sozialdemokraten zurück. Doch oftmals fehle es den Bürgern an Information, sagt Lenz-Aktaș. Sie wolle deshalb das Ratsinformationssystem, über das die Gemeinderäte ihre Sitzungsunterlagen herunterladen können, für die Allgemeinheit öffnen und jüngere Menschen durch ein Jugendparlament an die Kommunalpolitik heranführen. Lenz-Aktas ist sich sicher, dass diese Wahl Aschheim entscheidend verändern wird. Tatsächlich könnte die CSU ihre absolute Mehrheit verlieren. Und mit den Grünen wird wohl eine neue Partei in den Gemeinderat einziehen.

2014, bei der vergangenen Kommunalwahl, hatten die Grünen in Aschheim nicht einmal eine eigene Liste. Diesmal steht in Sabine Maier sogar eine eigene Bürgermeisterkandidatin zur Wahl. Maier zog 2003, als ihr Kind zur Welt kam, weg von dem Lärm der Stadt nach Aschheim. Die Aussicht auf einen Schlachthof in der Nachbarschaft habe sie umgehauen, sagt sie - so sehr, dass sie begann, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Gerade arbeitet sie wieder daran, einen Beschluss des Gemeinderats zu kippen: Maier will verhindern, dass das Aschheimer Rathaus abgerissen wird. Sie möchte einen Erweiterungsbau schaffen und diesen über Brücken mit dem alten Rathaus verbinden. "Wenn wir alles abreißen schaffen wir tote Orte ohne Seele", sagt sie.

Im Prinzip findet den Abriss auch Bürgermeister Thomas Glashauser schade. Doch die Mängel beim Brandschutz und der Statik seien zu groß. Zudem sei das Gebäude nicht barrierefrei und noch dazu zu klein. "Die Fakten haben uns zu der Entscheidung gezwungen", sagt er. Glashauser kennt die Vorwürfe, dass sein Rathaus zu intransparent sei. Doch wieder gebe es Zwänge: die Gesetze, der Datenschutz. Glashauser sagt, er könne sich nichts Schöneres vorstellen, als die Gemeinde zu gestalten, in der er aufgewachsen sei. Deshalb hofft er nun, dass die Wähler sehen, was er erreicht hat: Viel Betreuungsplätze für Kinder, viel Förderung für Vereine - wie viel genau kann er am Telefon nicht sagen, eine schriftliche Nachfrage beantwortet er fast zwei Wochen lang nicht.

Und plötzlich spürt man, was Eugen Stubenvoll mit dem Gefühl meint, das er ändern will. Dabei sind sich der Bürgermeister und sein Herausforderer von den Freien Wählern eigentlich einig: Aschheim geht es gut - am besten sollte alles so bleiben, wie es ist.

© SZ vom 27.01.2020

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