Ismaning:Die Geduld des Jägers

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Ismaning: Perfekt getarnt: Gottesanbeterin auf einem Bild, das eine japanische Vulkanlandschaft repräsentiert.

Perfekt getarnt: Gottesanbeterin auf einem Bild, das eine japanische Vulkanlandschaft repräsentiert.

(Foto: Florian Peljak)

Lebendige Gottesanbeterinnen sind Teil der Ausstellung "Mutual Adaption", die Kallmann-Preisträger Chris Bierl für Ismaning konzipiert hat.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Mantiden, auch Gottesanbeterinnen genannt, passen sich an ihre jeweilige Umgebung an. Mit jeder Häutung nähert sich der Farbton des Leibes der Fangschrecken dem ihres Lebensraums ein wenig mehr. Auf diese Weise sind sie ideal getarnt. Der Mensch geht einen anderen Weg. Er passt die Umwelt sich und seinen Bedürfnissen an, macht sie sich untertan, oft ohne viel Rücksichtnahme. Diese beiden so kontrastierenden Wege stellt der Künstler Chris Bierl, geboren 1980 in der Oberpfalz, heute Wohnsitz in Berlin, ins Zentrum seiner Arbeit. Dabei begnügt sich Bierl nicht damit, Tiere zu beschreiben, er bezieht sie direkt in sein Werk mit ein - lebendige Gottesanbeterinnen sind Teil der Ausstellung, die nun das Kallmann-Museum in Ismaning zeigt.

Bierls Ansatz, die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse von Menschen, Tieren, Umwelt und Lebens-Raum auf diese Weise zu hinterfragen, überzeugte die Jury des Kallmann-Preises. Aus etwa 300 Bewerberinnen und Bewerbern hat sie dem Künstler die mit 8500 Euro dotierte Auszeichnung beim Wettbewerb im vergangenen Jahr zuerkannt, der unter dem Titel "Tier" stand. Noch bis 27. März sind Bierls Installationen, Fotografien, Ton- und Videowerke in Ismaning zu sehen, in einer eigens für das Museum erarbeiteten und ergänzten Zusammenstellung.

Das wohl ungewöhnlichste Erlebnis erwartet Besucher dabei in Raum drei. Sechs großflächige, monochrom gehaltene Leinwände hängen an den Wänden. Die Farben gleichen verschiedenen Erdtönen, von hellbraun bis schwarz, Remineszenz an Bierls längere Aufenthalte und Wanderungen in Japan. Erst beim näheren Hinsehen erfasst das Auge eine Bewegung auf den Bildern. Auf jeder Leinwand sitzt eine asiatische Gottesanbeterin. Sie können sich auf der Fläche frei bewegen. Als genügsame Lauerjäger verlassen sie ihre Umgebung nicht, sondern warten, in der Natur oft tagelang, darauf, dass sich eine Beute nähert. Gleich einem Blatt im Wind wiegt sich eines der Insekten sanft hin und her. Tanz, Locken, Tarnung zugleich. Das Kunstwerk ist lebendig, es verändert sich ständig ohne den Einfluss des Künstlers. Der Betrachter wird zum Betrachteten.

Ismaning: Kunst vom Namensgeber: Werke von Hans Jürgen Kallmann zeigen norwegische und isländische Landschaften.

Kunst vom Namensgeber: Werke von Hans Jürgen Kallmann zeigen norwegische und isländische Landschaften.

(Foto: Florian Peljak)

Mit dieser Serie mit dem Titel "Anime" stößt Bierl intensiv wie kaum ein anderer Künstler auch persönliche Fragen im Betrachter an. Was sehen wir hier? Kunst oder Natur? Wem oder was billigen wir welchen Schutz zu, halten es für erhaltenswert? Ist ein so stark reduzierter Lebensraum, wie ihn eine einfarbige, grobporige Leinwand darstellt, möglicherweise die Zukunft des Planeten, auf die wir hinsteuern, karg und leer? Oder weist die Genügsamkeit und Anpassungsfähigkeit der Gottesanbeterin, die immerhin zu den ältesten Lebewesen auf der Erde gehört, einen Weg? Empfinden wir Furcht, Ekel, Neugier beim Anblick des Insekts?

Im Ostflügel des Museums sind Werke von Hans Jürgen Kallmann zu sehen

Mit elementaren Fragen konfrontiert Bierl auch in seinen weiteren Arbeiten. Bierl studierte zunächst Fotografie an der Hochschule München, bevor er Meisterschüler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig wurde. Ein besonderes Interesse gilt abgelegenen Regionen, die er mit der Kamera dokumentiert. Beeindruckende Fotografien aus Island und Norwegen zeigen scheinbar vom Menschen unberührte Landschaften, Felsklüfte und Seen, die in ihrer Rauheit zugleich Macht, Bedrohung, aber auch zarte Beseeltheit ausstrahlen. Im Kontrast dazu stehen die Bilder, die Bierl in der russischen Weite nahe der Stadt Karabasch angefertigt hat. Dort wird seit Jahrzehnten Kupfer in großen Mengen hergestellt. Die Produktion hat das gesamte umgebende Ökosystem zerstört und hinterlässt eine Landschaft, die für Mensch und Tier unwirtlich ist.

Im Ostflügel des Museums ist zeitgleich eine Auswahl von Werken des Namensgebers zu sehen. Der 1991 gestorbene Maler Hans Jürgen Kallmann nahm sich besonders in seinem Frühwerk gern Tiere zum Motiv, denen er mit feinem Pinselstrich eine eigene Persönlichkeit verlieh. Die stillen, teils düsteren Landschaftsbilder, die Museumsleiter Rasmus Kleine mit den Tiermotiven kombiniert hat, stellen eine Verbindung her zu Chris Bierls Arbeiten, deren akustische Elemente noch aus dem Nebenraum herüberwabern.

Die Ausstellungen "Mutual Adaption" von Chris Bierl sowie "Tiere" von Hans Jürgen Kallmann sind noch bis 27. März im Kallmann-Museum Ismaning zu sehen. Dort gilt wie überall für Kulturstätten die 2-G-plus-Regel: Zutritt haben Geimpfte und Genese, die zusätzlich einen negativen Test vorweisen können (kein Selbsttest). Besucherinnen und Besucher mit einer Booster-Impfung sind - nach Ablauf von 14 Tagen - von der Testpflicht ausgenommen. Das Tragen einer FFP2-Maske ist verpflichtend.

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