Straßenverkehr:Der Moloch B 304 lässt sich nicht bändigen

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Straßenverkehr: Die B 304 zerschneidet Haar und ist für Fußgänger ein schwer zu überwindendes Hindernis.

Die B 304 zerschneidet Haar und ist für Fußgänger ein schwer zu überwindendes Hindernis.

(Foto: Claus Schunk)

Flüsterasphalt und neue Ampelschaltungen sollen die Belastung Haars durch die Ausfallstraße lindern. Die erhoffte Beschränkung auf Tempo 50 allerdings lehnen die Behörden ab - und die Autos werden immer mehr.

Von Bernhard Lohr, Haar

Staus ohne Ende, dichter Verkehr und Menschen, die von einer Straßenseite nicht auf die andere kommen - der Bürgermeister und Horst Seehofer, der damalige Ministerpräsident, waren sich bereits 2017 einig: So wie bisher geht es nicht weiter. Die B 304 kurz vor der Münchner Stadtgrenze muss entschärft und möglichst in einen Tunnel verlegt werden. Bei der Gemeinde an der B 304 handelt es sich um Karlsfeld und nicht etwa um Haar, das an derselben Ein- und Ausfallstraße liegt, nur eben am anderen Ende der Großstadt. Und auch wenn der Tunnel bisher ein Traum geblieben ist, ist man nordwestlich von München schon weiter als östlich der Landeshauptstadt.

Die Verhältnisse in Haar und Karlsfeld sind nicht nur, was die Kampfbereitschaft angeht, im Grundsatz ähnlich. Beide Gemeinden zählen etwa 20 000 Einwohner und werden brutal von einer Verkehrsschneise zerteilt. Mehr als 30 000 Fahrzeuge täglich zählt man in Haar, 40 000 sind es in Karlsfeld, mit jeweils steigender Tendenz. Die Rufe werden hier wie dort lauter, die Orte nicht vollends unter die Räder kommen zu lassen. In Karlsfeld hat man 2016 tatsächlich einen Etappensieg erreicht. Die Höchstgeschwindigkeit wurde von Tempo 60 auf 50 reduziert. Ein Verkehrsgutachten hatte gezeigt, dass Autofahrer nur marginal ausgebremst werden, weil der Verkehr ohnehin so dicht ist.

In Haar hat man jüngst mit demselben Ansinnen wieder eine Abfuhr bekommen, was die Untere Verkehrsbehörde im Landratsamt unter Verweis auf die Straßenverkehrsordnung vor allem damit begründet, dass Tempo 50 nur geringe Vorteile beim Lärmschutz bringen würde. Die "Eingriffsschwelle" für verkehrsrechtliche Maßnahmen sei hoch, heißt es in dem Schreiben des Landratsamtes im Beamtendeutsch. Diese dürften nur dort erlassen werden, wo es "aufgrund der besonderen Umstände zwingend geboten ist".

Den Vergleich mit Karlsfeld lässt das Landratsamt nicht gelten

Das Gutachten der Gemeinde Haar hatte ergeben, dass bei einer Reduzierung der Geschwindigkeit um zehn Stundenkilometer der Lärmpegel um 1,2 bis 1,3 Dezibel (A) gesenkt werden könnte. Die Verkehrsbehörde verweist darauf, dass das menschliche Gehör erst eine Minderung ab drei Dezibel (A) erfassen könne. Ein strengeres Tempolimit bringe also nichts. Es gehe immer um eine Einzelfallentscheidung. Situationen in zwei Gemeinden - wie Haar oder Karlsfeld - dürften nicht gleichgesetzt werden.

Für Haar ist jedenfalls bitter, dass die B 304 dort breit und gut ausgebaut ist. Bei der Beurteilung der Verhältnisse spielt auch eine Rolle, wie eng die Wohnbebauung heranreicht an die Fahrspuren, was von Behördenseite als ein Aspekt genannt wird, warum wie in Karlsfeld auch auf Münchner Gebiet in Trudering Tempo 50 gilt. Dort verengt sich der Straßenraum deutlich. Auf bis zu sieben Fahrspuren kommt man in Haar an gewissen Kreuzungen. Fußgänger und Radfahrer haben dort eine besonders schwer zu nehmende Hürde.

Straßenverkehr: Sehbehinderten soll der Übergang über die Bundesstraße mit Piepser-Ampeln erleichtert werden.

Sehbehinderten soll der Übergang über die Bundesstraße mit Piepser-Ampeln erleichtert werden.

(Foto: Imago)

Jüngste Gespräche der Gemeinde mit dem Staatlichen Bauamt in Freising haben etwas Bewegung gebracht, um diese Hürde für Sehbehinderte zu senken. Der Behindertenbeirat hatte darauf gedrängt, Ampeln mit Piepsern auszustatten. Nach Angaben des Beirats gibt es solche bisher nur an einer der sechs Ampelanlagen an der B 304, und dort sei der Piepser seit Monaten kaputt. Das Staatliche Bauamt spricht von sieben Ampeln, von denen zwei mit Piepsern ausgestattet sind. Laut Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) sollen die Übergänge über die 304 nun "Schritt für Schritt" blindengerecht ausgebaut werden. Vor allem am Übergang von der Kirchenstraße zum Jagfeldring müsse gehandelt werden.

Auch sonst sind einige Umbauten geplant, die allerdings vor allem helfen sollen, den wachsenden Autoverkehr zu bewältigen. So soll die B 471 an der Kreuzung zur B 304 im Norden eine Rechtsabbiegespur erhalten. Die Gemeinde will laut Bukowski dem Einwohnerzuwachs im Jugendstilpark und dem Verkehr aus dem neuen Gewerbegebiet im Grasbrunner Gemeindeteil Keferloh Rechnung tragen. Die Planungen würden im ersten Quartal 2022 abgeschlossen. Dabei wird die Ampelschaltung neu justiert.

Wie eine Ampel geschaltet wird, ist in Haar und Karlsfeld eine heiß diskutierte Frage. Immer wieder stranden Senioren oder andere Fußgänger mit eingeschränkter Mobilität auf Mittelinseln. Wie in Haar schon oft geschehen, fordert auch Karlsfelds Verkehrsreferent Bernd Wanka (CSU), Grünphasen auf Fußgänger und Radfahrer auszurichten, und er bezeichnet diesbezüglich das Staatliche Bauamt als "knallharten Verhandlungspartner". Er will aber nicht locker lassen und argumentiert mit zahlreichen Unfällen an den Kreuzungen. In Haar gibt es die in diesem Ausmaß nicht. Die Verkehrsbehörde im Landratsamt betont, dass die B 304 dort eine gut funktionierenden Straße mit zahlreichen Abbiegespuren sei.

Die Verkehrsbehörde im Landratsamt betont, dass in Haar 2017 mit großem Aufwand und bei hohen Kosten eine grüne Welle für den fließenden Verkehr programmiert worden sei, was laut Gutachten eine Senkung des Lärms um drei Dezibel gebracht hat. Weitere fünf Dezibel könnte Flüsterasphalt bringen, der nach Aussage von Bürgermeister Bukowski im Straßenbauprogramm für das Jahr 2025 vorgesehen ist. Nach Angaben des Staatlichen Bauamts soll der lärmmindernde Belag auf der B304 in Haar aufgetragen werden, wenn die Kreuzung von B 304 und B 471 umgebaut wird.

Mancher in Haar stellt mittlerweile den Zuschnitt der Straße selbst infrage, um mehr Platz für Radler und öffentliche Verkehrsmittel zu schaffen. Bürgermeister Bukowski verfolgt auf Haars Hauptverkehrsader weiter den von ihm und dem Bürgermeisterkollegen in Vaterstetten vorgebrachten Plan für einen Radweg auf Stelzen. Die Grünen würden auf der B 304 am liebsten eine Tram fahren sehen und den Individualverkehr zugunsten des Öffentlichen Personennahverkehrs zurückdrängen.

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