Energiewende im Landkreis Abschied vom Einsparziel

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Die Einwohnerzahlen steigen rasant im Landkreis München, die Wirtschaft wächst - der Stromverbrauch auch: Angesichts der Zahlen geben die Kreisräte das Vorhaben auf, den Energieverbrauch bis 2050 um 60 Prozent zu senken. Dafür haben sie nun ein anderes Ziel.

Von Iris Hilberth

Die Energievision des Landkreises München gilt in ihrer jetzigen Fassung als gescheitert. Alle im Kreistag vertretenen Parteien sind sich einig, die 2006 beschlossene Version zu den Akten zu legen und sich auf neue Ziele und Handlungsweisen zur Umsetzung der Energiewende zu verständigen. Vor allem die damals festgeschriebene Reduzierung des Energieverbrauchs bis zum Jahr 2050 um 60 Prozent bezeichnen die Mitglieder des noch neuen Ausschusses für Energiewende, Landwirtschaft und Umweltfragen als unrealistisch.

Der Landkreis München hatte sich damals in Anlehnung an die Energieresolutionen der Nachbarkreise nach jahrelanger Diskussion auf eine eigene Vision verständigt und sich als einziger Kreis neben dem vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien die Verringerung des Gesamtverbrauchs zum Ziel gesetzt.

Doch davon ist der Landkreis heute weit entfernt. Die Einwohnerzahlen sind rasant gestiegen, das wirtschaftliche Wachstum und der Wohlstand führten dazu, dass der Stromverbrauch innerhalb von fünf Jahren sogar um 25 Prozent zugenommen hat. Nur sieht das heutzutage keiner mehr so dramatisch wie noch vor etwa zehn Jahren. Im Gegenteil.

Landrat Christoph Göbel (CSU) betonte in der Sitzung des Umweltausschusses: "Wenn man die Elektromobilität fördert, kann man keinen Strom sparen." Ähnlich äußerte sich SPD-Fraktionsvorsitzende Ingrid Lenz-Aktas: "Wir müssen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen und auf den erhöhten Stromverbrauch schauen." Man brauche nicht weiter über Reduktion zu reden, sondern wie man weg von fossilen Energieträgern komme. Auch Grünen-Kreisrat Markus Büchler betonte: "Stromverbrauch aus regenerativen Energien stellt kein wirkliches Problem dar."

Gibt es die Energievision noch?

Die Debatte sei damals eine andere gewesen, der Zuwachs an erneuerbaren Energien auch so nicht absehbar. "Aber es war ein wichtiges Signal, dass wir überhaupt etwas tun wollen", so Büchler. Nun stelle sich aber die Frage, was der Kreis wirklich machen und beeinflussen könne. Laut Oliver Seth (Grüne) muss sich die Kreispolitik vor allem über eine Frage klar werden: "Brennen wir für die Energievision oder gibt es noch Vorbehalte?" Es reiche nicht, motiviert zu sein, solange keiner wisse, wo es hingehen solle. Auch über ein Monitoring müsse man sich Gedanken machen. "Wir dürfen uns nicht in alten Strickmustern verfangen, sondern sollten ganz neu auf weißem Papier noch einmal anfangen", sagte Tobias Thalhammer (FDP). "Von der Erleuchtung sind wir weit entfernt."

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Sich ganz von der Energievision zu verabschieden, stand gleichwohl nicht zur Debatte. Vielmehr soll es bis 2016 darum gehen, einen konkreten Maßnahmenplan zur Umsetzung konkreter Ziele zu erarbeiten und die Rolle des Landkreises festzulegen. Der Ausschuss verständigte sich darauf, diese Entwicklung der "Energievision 2.0" einem Workshop mit fachlicher Begleitung zu übertragen. "Das Ganze soll besser konzipiert werden und einen nachvollziehbaren Weg aufzeigen", sagte Landrat Göbel. Das könne freilich nicht in einer Sitzung aus der Hüfte geschossen werden.

Dem Vorschlag der SPD, erneut einen Arbeitskreis zu bilden, erteilte der Landrat allerdings eine Absage. "Das sollte hier passieren und nicht in irgendwelchen Gremien, die weitere sechs Jahre interessante Diskussionen führen." Man müsse auch zu Beschlüssen kommen. "Jetzt sollten wir uns aufs Handeln fokussieren und Parameter schaffen, die auch messbar sind." Wenn er sich anschaue, was bislang umgesetzt worden ist, "sieht es mau aus".

Wo der Landkreis unabhängig ist - und wo nicht

Das Sparziel müsse man jedenfalls verlassen, sagte auch SPD-Kreisrat Erwin Knapek. "Wir wissen, was wir wirklich können. Auf dem Gebiet der Wärme werden wir mit Geothermie und Biomasse die hundert Prozent erneuerbare Energien erzeugen", ist er überzeugt. Beim Strom hingegen sei der Landkreis "von der großen Politik abhängig". Laut Energieatlas der bayerischen Staatsregierung liegt der Deckungsgrad durch eigenen produzierten grünen Strom im Landkreis derzeit bei elf Prozent.

"Ich war immer vehementer Verfechter von Windrädern, aber sie sind derzeit bei uns nicht wirtschaftlich", sagte Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern (CSU), der allerdings auf eine verbesserte Technik in ein paar Jahren hofft. FDP-Mann Thalhammer mahnte vor allem an, dass die Energie für die Bürger bezahlbar sein müsse und forderte die Konzentration auf die "verlässlichen" erneuerbaren Energien Biogas, Wasserkraft und Geothermie. Vor allem in der Reaktivierung stillgelegter Kleinwasserkraftwerke sei Potenzial. Das bisherige Sparziel sei "absurd". Erst der Stromverbrauch im Alltag mache das Leben schließlich lebenswert.