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Energiewende:Vier Gigawatt fürs Bayernland

Strommasten vor Alpenpanorama in der Nähe von Assling.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der Bau neuer Trassen wäre ein gigantisches Projekt in Bayern. Aber welche Variante ist besser: Freileitung oder Erdkabel? Und gibt Alternativen zu den Stromautobahnen?

Wie sehen die umstrittenen Stromautobahnen aus, wenn sie als Freileitungen errichtet werden?

Optisch unterscheiden sie sich nicht von konventionellen Höchstspannungsleitungen, die überall in Bayern die Landschaften durchziehen. Die Masten sind 60 bis maximal 80 Meter hoch, die Abstände zwischen ihnen betragen 300 bis 500 Meter. Die Trassen, die für die Freileitungen freigehalten werden müssen, sind ungefähr 80 bis 100 Meter breit.

Und wie fügen sich die Stromautobahnen in die Landschaft ein, wenn sie unterirdisch verlaufen?

Unterirdische Leitungen sind sehr viel unauffälliger als Freileitungen, da sie in etwa 1,50 bis zwei Metern Tiefe im Erdreich liegen. Allerdings muss das Land über ihnen frei gehalten werden. Bäume oder gar Wälder dürfen nicht darauf wachsen. Es dürfen auch keine Ställe oder anderen Gebäude über unterirdischen Leitungen errichtet werden. Landwirtschaft ist allerdings möglich.

Was ist unterm Strich besser für die Natur und die Landschaft - Freileitungen oder unterirdische Kabel?

Das lässt sich so eindeutig nicht sagen. Erdleitungen sind zwar verträglicher für das Landschaftsbild. Dafür sind die Zerstörungen, die während des Baus von unterirdischen Leitungen angerichtet werden, massiver - allein schon deshalb, weil der Boden auf der gesamten Länge der Leitung aufgegraben werden muss. In ökologisch besonders wertvollen Gebieten - in Moorlandschaften etwa - wären diese Schäden nicht wiedergutzumachen.

Müssen Anwohner von Stromautobahnen Gesundheitsschäden befürchten?

Die neuen Fernleitungen sind Gleichstromleitungen. Das heißt, anders als bei Wechselstromleitungen gibt es in ihrem Umfeld keine elektromagnetischen Wechselfelder, wie sie sonst zum Beispiel bei Handymasten auftreten, die von einigen Menschen als große Gesundheitsgefahr angesehen werden. Die Strahlenschutzkommission erwartet durch die neuen Stromautobahnen keine Gesundheitsgefahren, da alle Vorsorgegrenzwerte um ein Vielfaches unterschritten werden. Vor allem bei diesigem Wetter geht auch von Gleichstromleitungen ein Surren aus, das harmlos, aber vielen Leuten unheimlich ist.

Wie teuer sind unterirdische Stromautobahnen?

Die Netzbetreiber rechnen, dass ein Kilometer Freileitung etwa 1,4 Millionen Euro kostet. Für unterirdische Leitungen reichen die Schätzungen vom Dreifachen bis zum Zehnfachen dieser Summe. Sie kosten also zwischen vier und 14 Millionen Euro je Kilometer. Der Grund für die extreme Bandbreite: Der Betrag ist abhängig vom Untergrund, in dem die Leitungen verlegt werden. Muss man dafür eine Wiese aufgraben, ist das sehr viel billiger, als wenn man sie unter einem Fluss hindurch oder über ein Gebirge führen muss.

Wer bezahlt die Leitungen?

Zunächst einmal die jeweiligen Netzbetreiber. Sie refinanzieren ihre Investitionen allerdings über die Netzentgelte, die von der Bundesnetzagentur festgelegt und auf den Strompreis umgelegt werden. Letztlich bezahlen also die Stromverbraucher die Leitungen. So wie auch die Renditen, welche die Netzbetreiber mit den Leitungen erwirtschaften. Sie werden ebenfalls von der Bundesnetzagentur festgelegt.

Wie viele Kraftwerke kann man sich sparen, wenn man die beiden Stromautobahnen nach Bayern baut?

Beide Leitungen haben eine Leistung von jeweils zwei Gigawatt, zusammen sind das vier Gigawatt. Das entspricht der Leistung von ungefähr drei Atomkraftwerken oder beinahe fünf hochmodernen Gaskraftwerken vom Typ Irsching.

Ist es nicht ein großes Risiko, wenn man die Sicherheit der Stromversorgung Bayerns nur auf zwei Stromautobahnen stützt? Was ist, wenn beide ausfallen?

Die Stromautobahnen werden gleichsam auf das vorhandene Leitungsnetz aufgesetzt. Deshalb müsste bei ihrem gleichzeitigen Ausfall - der nach Angaben der Netzbetreiber und unabhängiger Experten ein äußerst unwahrscheinliches Szenario ist - die Stromversorgung über den bereits vorhandenen Kraftwerkspark und das bisherige Leitungsnetz laufen. Das wäre nicht ganz einfach, aber vorübergehend durchaus machbar, sagen Experten.

Können die Leitungen überhaupt noch bis zur Abschaltung des letzten Atomkraftwerks 2022 fertig werden?

Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Aber mit der Übertragung der Genehmigungsverfahren auf die Bundesnetzagentur hat die Bundesregierung das Prozedere beschleunigt. Denn damit werden die Überlandleitungen nicht mehr wie bisher abschnittsweise von den Behörden der Bundesländer geprüft, durch die sie verlaufen. Sondern als Ganzes. Natürlich können auch in Zukunft Anwohner und Verbände gegen die Genehmigungen klagen - allerdings durchlaufen die Klagen nicht den üblichen Instanzenweg. Sie werden sofort vor dem Bundesverwaltungsgericht verhandelt. Auch das ist eine Beschleunigung.

Was wäre die Alternative zu den Stromautobahnen?

Gaskraftwerke. Allerdings sind Strom aus Wind, Sonne, Atom und Kohle so günstig, dass zumindest derzeit kein Energieversorger in Gaskraft investiert. Anders wäre das womöglich mit einem sogenannten Kapazitätsmechanismus. Das sind Zahlungen an einen Investor alleine dafür, dass er ein Gaskraftwerk bereit hält - für den Fall, dass die Öko-Energien zu wenig Strom liefern, aber auch für die Stabilität des Netzes. Der Kapazitätsmechanismus ist genauso umstritten wie die Stromautobahnen. Aus Sicht der Wirtschaft ist er ein neues Millionengrab, das den Strompreis weiter nach oben treibt.

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