Einmal rund um München Unter der Brücke

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 8 treffen wir bei Großhesselohe auf eine Siedlung, die auf den Eisenbahnbau zurückgeht, und auf eine Babyklappe.

Von Claudia Wessel und Wolfgang Krause

Die Landeshauptstadt München endet an der Trambahnhaltestelle Schilcherweg. Aber was kommt danach? Auf dem gelben Ortsschild, auf dem "München" rot durchgestrichen ist, ist die obere Hälfte jedenfalls leer, nur ein schwarzer Pfeil zeigt nach nirgendwo. Ist das hier ein Streifen Niemandsland? Auf gewisse Weise schon, denn der Perlacher Forst auf der linken Straßenseite stadtauswärts ist gemeindefreies Gebiet. Man ist also noch nicht in Grünwald, aber doch schon im Landkreis, wie das hinter ein paar Zweigen versteckte Schild beweist. Ein bissschen berühren sich die Landeshauptstadt und ihr reicher Vorort aber doch. Denn rechts von der Staatsstraße 2072 ist immer noch Münchner Stadtgebiet. Und wenn man weitergeht bis es links zu den Bavariafilmstudios geht, trifft man auf einen 136 Meter langen Abschnitt gemeinsamer Grenze.

Die Grenze läuft etwa einen halben Kilometer neben der Brücke

Hier geht es scharf nach rechts auf den Fuß- und Radweg am Isarhochufer und schon befindet sich der Wanderer oberhalb der Grenze zur Nachbargemeinde Pullach, die sich hier auch rechts der Isar ausbreitet.

Auf der Hochleite geht es zurück bis zur Großhesseloher Brücke. Sie führt über die Isar und damit von Harlaching nach Pullach. Trotzdem befindet sie sich fast komplett auf Pullacher Gebiet. Die Stadtgrenze verläuft etwa einen halben Kilometer weiter nördlich durch die Isar.

Die erste Version der Großhesseloher Brücke wurde im Zuge des Baus der Bayerischen Maximiliansbahn von 1851 bis 1857 errichtet. 1983/84 wurde sie abgerissen. Der anschließend errichtete Neubau ist eine Fachwerkbrücke, die Gleise liegen über dem Rad- und Fußweg. Auf der Suche nach dem mächtigen Bauwerk kommt man über ein kleines Brückchen, von dem aus man auf die Gleise sehen kann, unter denen man gleich durchkommen wird. Die Überquerung der Brücke ist ein durchaus aufregendes Erlebnis. Die Bohlen klappern unter den Rädern, die einen überholen. Werden die Holzbretter halten? Wer dies mit einem Blick nach unten kontrollieren möchte, kann durch die Ritze das Wasser glitzern sehen.

Auch ein Stopp mitten auf der Brücke ist lohnenswert. Durch die Gitterquadrate kann man hier Richtung Norden auf die Pullacher Adolf-Wenz-Siedlung und auf die Stadtgrenze blicken, wo auch immer im Wasser sie genau liegen mag. Das aufregende Brückenerlebnis geht noch ein wenig weiter, denn herunter von den 42 Metern Höhe kommt man über den Höllerer Berg, der nicht etwa so heißt, weil er höllische 17 Prozent Gefälle hat, sondern nach einem Mann benannt ist, der hier ein einen Recyclingbetrieb hatte, wie man von Erwin Deprosse, dem Pullacher Ortschronisten, erfährt.

Nach dem Brückenerlebnis und dem Berg braucht der Grenzgänger dringend eine Pause, und er wäre dumm, würde er sich nicht von dem roten Sonnenschirm und der irischen Fahne etwa 50 Meter zur Rechten locken lassen. Hier erwartet Ronnie die Radler und Wanderer, mit Hot Dogs und kühlen Getränken. Aus dem Radio tönt in voller Lautstärke ein Dialog auf Englisch, denn der Inhaber von "Ronnie's Kiosk" stammt aus Irland. Zur frühen Mittagsstunde hat er Zeit, um zu erklären, wie er hier gelandet ist. Seit 2001 war er selbst Stammkunde beim Vorgängerkiosk, berichtet Ronnie. Nach München war er der Liebe wegen gekommen, er hatte eine Münchnerin in Irland kennengelernt, als diese dort Urlaub machte.

Durch eine "crazy idea" wurde Ronnie aus Irland zum Betreiber des Kiosks

Irgendwann trennten sie sich, er ging wieder nach Irland, doch dann bekam er eine verrückte E-Mail: "Crazy idea" schrieb jemand, der immer noch am Kiosk Stammgast war. Der Kiosk werde verkauft, man suche einen Nachfolger, ob nicht Ronnie... Er war so crazy, es zu tun. Seit 2012 ist er also Kioskbetreiber, und er hat gemerkt, dass es durchaus lustiger war, nur hier Gast zu sein. Jetzt schleppt er Hot Dogs und Brezen täglich mit dem Radl her.

Aber es muss ihm auch Spaß machen, denn der Platz ist sehr liebevoll gestaltet. Viele Bierbänke stehen hier und ein Grill, den jeder benutzen darf. Ronnies Stammgäste sind eine große Familie, die auch um Verluste trauert. Ronnie zeigt das Sterbebildchen eines Herbert W., geboren 1949. "Er war vier, fünf Mal die Woche hier, hat keinen Alkohol getrunken und war Nichtraucher." Irgendwann hatte er Rückenschmerzen, "aber das Problem war im Bauch", fasst Ronnie die Sache kurz.

Viele von Ronnies Stammgästen kommen aus der Nachbarschaft, aus der kleinen Adolf-Wenz-Siedlung, die noch zu Pullach gehört, ebenso wie der Kiosk, obwohl ein Schild behauptet, Pullach sei noch 2,5 Kilometer entfernt. Die Wenz-Siedlung sei beim Bau der ersten Großhesseloher Brücke 1851 entstanden, erzählt Ortschronist Erwin Deprosse. Dort befand sich die Ziegelbrennerei von Adolf Wenz, der die Backsteine für die Brücke und Tonplatten für Münchner Fußwege herstellte. Zunächst standen dort nur die Brennerei und Unterkünfte für die Arbeiter.

Grenznah betrachtet

Schlafen in München, frühstücken in Pullach

Das Pflegeheim "Kursana Domizil Pullach - Haus Georg" steht teils auf Münchner Flur, zwei Gebäude gehören zum Pullacher Ortsgebiet.   Von Claudia Wessel

Die ehemaligen Arbeiterwohnhäuser findet man noch am Ende der Straße An der Isar. Auch das ehemalige Maschinenhaus von Adolf Wenz existiert noch. In dem Bau mit der Adresse An der Isar 13 wohnt Werner Hupfauer. Es wurde von seinem Großvater einst erworben, der "die Ruine", so Werner Hupfauer, renovierte. Hupfauer ist in dem Haus geboren. "Da im ersten Stock", sagt er. Und er lebt noch heute hier. In seinem Garten finden sich noch historische Zeugnisse: ein Stapel Pflastersteine, die aus der Ziegelei stammen. Auf einigen steht noch "A. Wenz", andere haben hübsche Muster.

Adolf Wenz war mit seinem Geschäft sehr erfolgreich. Doch mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wurde die Ziegelei geschlossen, so Deprosse. Weil der Isartalverein schon vorher gegen das Gewerbegebiet am Fluss gewesen war, wurde es nach dem Krieg nicht mehr als solches verwendet, erzählt der Ortschronist. Alle anderen Häuser, die heute in der kleinen Siedlung stehen, seien in den Siebzigerjahren entstanden, sagt Deprosse.

Werner Hupfauer ist in der alten Ziegelbrennerei geboren, er lebt bis heute dort

Wer jetzt der Stadtgrenze folgen möchte, muss am Ende der Siedlung den steilen Hohlweg hinauf, der seine Fortsetzung im Münchner Carusoweg findet. Wenn man dann nach links in die Knotestraße einbiegt, bleibt man genau auf der Grenze, landet aber in einer Sackgasse an der Bahnlinie.

Auf der rechten, Münchner Seite stehen Häuser, links geht ein Trampelpfad durch den Wald bis zur Großhesseloher Straße. Die führt auf einer Brücke über die Gleise, die hier von alten Bahnwärterhäuschen und verfallenen Baracken gesäumt werden. Danach biegt ein Fußweg rechts ab, der einen unter der S-Bahn hindurch zurück zur Stadtgrenze bringt. Wieder rechts und man steht in einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern, in dem immer wieder Ortsschilder die Grenze markieren. Großhesselohe und München-Solln sind in diesem Bereich eins.

Auf Pullacher Seite geht es weiter auf der Rosen- und der Wettersteinstraße mit ihren herausgeputzten alten Villen, an der Abzweigung der Alpspitzstraße rechts und gleich wieder links auf einen Fußweg. Durch ein Wäldchen führt er um die Pullacher Geothermie-Bohrung herum, von der nur ein paar Rohre zu sehen sind, und über eine große Lichtung bis zur Münchner Straße. Hier hält Pullach noch Abstand zur Stadt - aber nicht mehr lange, denn der Gemeinderat hat beschlossen, auf dieser Wiese ein neues Freizeitbad zu bauen.

Das Kloster liegt auf Münchner Flur, das Haupttor weist nach Pullach

Noch ein paar hundert Meter durch die Straßen des Wohngebiets und man erreicht die Wolfratshauser Straße. An der steht nicht nur das Kursana-Altenheim, das teils zur Stadt und teils zur Nachbargemeinde gehört, sondern auch der markante neobarocke Bau des katholischen Pater-Rupert-Mayer-Gymnasiums, hinter dem die gemeinsame Grenze von Pullach und München endet. Davor aber kommt noch das Kloster St. Gabriel. Es liegt auf Münchner Flur, doch das Haupttor ist nur von Pullach aus zugänglich. Und gleich an der Pforte, praktisch direkt auf der Stadtgrenze, unterhalten die Schwestern zum Guten Hirten eine Babyklappe, in der ungewollt schwanger gewordene Frauen anonym ihr Kind abgeben können.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

Hart an der Grenze Fliegender Wechsel

Einmal rund um München

Fliegender Wechsel

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 4 geht es über das einstige Flughafengelände zwischen Riem und Haar.   Von Bernhard Lohr