Kommentar:Offenbarungseid beim Impfen

Lesezeit: 1 min

Während sich die politisch Verantwortlichen für ihre Impfaktionen feiern, stehen sich die Menschen bei Dunkelheit und Kälte die Beine in den Bauch - und verzweifeln

Von Sabine Wejsada

Booster für alle ab 18 - und das so schnell wie möglich. 2 G in den meisten Bereichen des öffentlichen Lebens - und viele hundert Meter lange Menschenschlangen vor den mobilen Impfbussen, die seit einer Woche in den Städten und Gemeinden im Landkreis München Station machen: Die Appelle und der Druck der Politik scheinen zu wirken. Wer sich jetzt noch nicht hat impfen lassen, der muss es angesichts rekordverdächtiger Inzidenzen und voller Kliniken tun, wenn es seine Gesundheit und sein Alter zulassen - und wenn er halbwegs vernunftbegabt ist und ohne Aluhut auskommt.

Doch das, was sich derzeit im ganzen Land und auch im Landkreis abspielt, lässt einen schier verzweifeln. Mehr noch: Es ist ein Bild des Schreckens. Während sich Kreisbehörde und Lokalpolitiker für die Aktionen mit den mobilen Impfbussen feiern, stehen sich die Leute stundenlang bei frostigen Temperaturen die Beine in den Bauch und müssen nicht selten weggeschickt werden. Weil entweder der Impfstoff ausgeht oder Ärzte und Sanitäter nach mehr als tagesfüllenden Schichten einfach nicht mehr können.

Was am Samstag in Unterföhring passiert ist, wo weit nach 18 Uhr noch an die 50 Impfwillige in Dunkelheit und Kälte ausharren mussten, um nach sechs Stunden überstrapazierter Geduld doch noch ihre Spritze zu bekommen, spottet jeder Beschreibung. Dass die Kommune trotz des zu erwartenden Ansturms und der wenig verheißungsvollen Wetteraussichten nicht einmal heiße Getränke verteilte, ist schlichtweg unverantwortlich. Zum Glück hat die örtliche Wasserwacht in Eigenregie ausgeholfen, nachdem ein Ehrenamtlicher das blanke Chaos vor dem Bürgerhaus gesehen und reagiert hat.

Solch ein dilettantisches Vorgehen der zuständigen Behörden darf sich nicht wiederholen, wenn man die vierte Welle brechen will, falls das überhaupt noch möglich ist. Es ist ein Armutszeugnis, ja fast schon der Offenbarungseid auf dem Höhepunkt der Pandemie.

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