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"Bavaria One" :Mit neuem Schub ins All

Besichtigung des Satelliten Sentinel-2A vor seinem Start

Schon jetzt wird in Ottobrunn und Taufkirchen für die Raumfahrt gearbeitet: ein Satellit bei der Firma IABG.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ottobrunn und Taufkirchen sollen zum Luft- und Raumfahrtstandort Nummer eins werden. Das bayerische Kabinett beschließt, in den kommenden Jahren 700 Millionen Euro in die dort geplante TU-Fakultät zu investieren.

Von Lars Brunckhorst, Ottobrunn/Taufkirchen

In Ottobrunn und Taufkirchen greifen sie schon länger nach den Sternen. Erst siedelte der Luft- und Raumfahrtpionier Ludwig Bölkow in den Sechzigerjahren die Firma Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB) an, die Hubschrauber, Kampfjets und Satelliten herstellte, heute lässt Airbus hier an der Trägerrakete Ariane arbeiten. Nun folgt der nächste Schritt, mit dem die bayerische Staatsregierung den Südosten Münchens zum Luft- und Raumfahrtstandort Nummer eins in Deutschland machen will: Der Ludwig-Bölkow-Campus soll Hauptsitz der neu gegründeten Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie der Technischen Universität (TU) München werden. Dafür will der Freistaat 700 Millionen Euro in Ottobrunn und Taufkirchen investieren.

Das bayerische Kabinett hat am Dienstag die mit dem Förderprogramm verbundene und auf zehn Jahre angelegte Strategie mit dem Titel "Bavaria One" beschlossen. Dazu zählt die Gründung der Fakultät - der größten für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie - mit 50 Professuren und knapp 2000 Studienplätzen.

Weitere Punkte sind der Bau einer Hyperloop-Teststrecke, in der sich Transportkapseln fast mit Schallgeschwindigkeit bewegen, der Bau eines bayerischen Erdbeobachtungssatelliten und der Ausbau des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. "Bavaria One" sei kein Hirngespinst, sondern ein strategisches Technologiekonzept, das wirtschaftliche Anbindung und wissenschaftlichen Nutzen bringe, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nach dem Beschluss im Ministerrat.

Seitens der CSU im Landkreis kommt viel Zustimmung zu dem Programm. Sozialministerin Kerstin Schreyer, zugleich Stimmkreisabgeordnete im Landtag, und der Bundestagsabgeordnete Florian Hahn sprechen in einer gemeinsamen Pressemitteilung von einem guten Tag für den Landkreis und den Freistaat. "Der Landkreis München ist ein großer Profiteur von Bavaria One." Ausschlaggebend für den Standort Taufkirchen/Ottobrunn seien die vorhandenen Kompetenzen in den Bereichen Luft- und Raumfahrt.

Seit der Gründung des Ludwig-Bölkow-Campus hätten sich dort diverse international führende Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen niedergelassen. "Die Staatsregierung hat sich nun dafür entschieden, dass vorhandene Know-how zu bündeln und neue Kompetenzen in den Bereichen unbemannte Flugkörper, Erdbeobachtung, Fernerkundung oder Satellitengeodäsie aufzubauen", so Schreyer.

Und Hahn: "Das sind gerade für einen so erfolgreichen Forschungsstandort, wie es der Landkreis München ist, sehr erfreuliche Entwicklungen und unterstreichen einmal mehr seine überragende Innovationskraft." Weniger euphorisch klingt die Opposition im Landtag. Für SPD-Landeschefin Natascha Kohnen ist "Bavaria One" nur eine großspurige Ankündigung. "Von den versprochenen 700 Millionen ist kein einziger Euro im Nachtragshaushalt", warnt die SPD-Spitzenkandidatin aus Neubiberg. Hubert Aiwanger, der Fraktionschef der Freien Wähler im Landtag, stellt seinerseits fest: "Bayern soll erst mal die nahe liegenden technischen Probleme unseres Wirtschaftsstandortes wie Mobilfunklöcher und fehlendes flächendeckendes Internet lösen, bevor wir in den Weltraum abheben."

In Ottobrunn und Taufkirchen ist das Echo zwiespältig. Taufkirchens Bürgermeister Ullrich Sander (parteilos) spricht von einer "wahnsinnigen Aufwertung" seiner Gemeinde. "Da freut man sich natürlich riesig." Zusammen mit der Nachbargemeinde Ottobrunn werde man als gemeinsamer Standort mit "breiter Brust" in die folgenden Gesprächen gehen. Ein erstes ist bereits für diesen Donnerstag mit Landrat Christoph Göbel (CSU) und den Eigentümern der Grundstücke terminiert, die für den Ausbau des Campus benötigt werden.

"Taufkirchen und Ottobrunn werden damit nicht günstiger werden"

Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) zeigt sich zwar ebenfalls erfreut, dass der Freistaat in den Standort investieren wolle. Allerdings kenne er noch keine Details. Loderer verweist außerdem auf die mit dem Projekt einhergehenden Herausforderungen: weiter wachsenden Verkehr und noch mehr Druck auf den Wohnungsmarkt. Weil der Ludwig-Bölkow-Campus in erster Linie auf Taufkirchner Flur liegt, sieht Ottobrunns Rathauschef für seine Gemeinde zudem wenig Vorteile. "Außer dass der Name Ottobrunn positiv auftaucht, haben wir im Moment nichts." Es dürfe nicht sein, dass Ottobrunn einseitig die Lasten trage. In einem Punkt stimmt ihm Amtskollege Sander zu: "Taufkirchen und Ottobrunn werden damit nicht günstiger werden."

Parallel zu der Entscheidung des Ministerrats haben der Luftfahrtkonzern Airbus und der Landkreis München eine Vereinbarung über den Aufbau eines Gründerzentrums am Ludwig-Bölkow-Campus in Taufkirchen/Ottobrunn geschlossen. Geschäftsideen aus Luft- und Raumfahrt, Mobilität der Zukunft, Sicherheit und Industrie 4.0. sollen hier zu marktreifen Produkten entwickelt werden.

"Der Standort ist ideal für eine solche Initiative", sagt dazu Landrat Christoph Göbel. Technologieunternehmen wie Airbus, zahlreiche Start-ups, die Münchner Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen seien bereits am Standort. Mit der geplanten Fakultät für Luft- und Raumfahrt der TU München werde das "innovative Potenzial des Clusters" vor den Toren Münchens weiter steigen, zeigt sich Göbel überzeugt. "Airbus und Taufkirchen/Ottobrunn - das steht seit vielen Jahren für eine einzigartige Symbiose", so Dirk Hoke, CEO von Airbus Defence and Space.

"Uns ist es ein wichtiges Anliegen, in der Münchner Region neue, innovative Einrichtungen anzusiedeln und hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen." In Taufkirchen/Ottobrunn liegt die Zentrale der Airbus-Sparte Defence and Space, die weltweit mehr als 32 000 Mitarbeiter beschäftigt.

© SZ vom 04.10.2018

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