bedeckt München

Baden im "Fidschi" oder gar im "Fiji":"So stimmt das nicht"

Sommer, am Heimstettener See

Sommer am Heimstettener See.

(Foto: Florian Peljak)

Elfriede Ziegler aus Vaterstetten kennt die wahre Geschichte des beliebten Badesees bei Kirchheim.

Von Christina Hertel, Kirchheim/Vaterstetten

"Eigentlich", sagt Elfriede Ziegler, "müsste ich allmählich lernen, langsam mal den Mund zu halten". Doch weil es nun mal schwer ist, sich mit 91 Jahren plötzlich etwas anzugewöhnen, was man zuvor nicht schaffte, lädt Elfriede Ziegler an diesem Vormittag in ihre Wohnung in Vaterstetten ein.

Auf dem Tisch liegt ein roter Ordner. Die Zeitungsausschnitte, Artikel und Texte darin beschäftigen sich mit dem Gewässer, in dem sie als Kind badete und um das sich seitdem die Legenden ranken, wie sein Name richtig lautet. Schaut man auf die Landkarte, ist die Sache klar: Heimstettener See steht neben dem blauen Punkt im Dreieck zwischen Kirchheim, Aschheim und Feldkirchen. Im Volksmund sagt das aber kaum einer. Da wird der Badesee Fidsche oder gar Fidschi genannt. Doch woher kommt diese Bezeichnung? Und ist diese Aussprache überhaupt korrekt?

Erst kürzlich stand auch in dieser Zeitung wieder zu lesen, der Name rühre von dem kristallblauen Wasser her, dass an das Meer bei den Fidschi-Inseln erinnere. Doch kann es sein, dass ein See, der irgendwo hinter München an einer S-Bahnlinie liegt, einen Namen tragen soll, der nach Palmen und Südsee klingt? Elfriede Ziegler hat in ihrem Ordner die Antwort.

Die 91-jährige Elfriede Ziegler ist für Ortschronisten eine ergiebige und hilfreiche Quelle.

(Foto: Christian Endt)

Zunächst holt die Vaterstettenerin einem einen alten Wikipedia-Artikel hervor. Ein Bahnwärter namens Velasco habe an dem See gewohnt, aus dessen Namen sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung Fidsche entwickelte, heißt es darin. "Wenn ich das lese, sträubt sich bei mir alles", sagt Ziegler. "Denn ich weiß: So stimmt das nicht." Weil sie sich darüber so ärgerte, schrieb Ziegler einst selbst einen Text für ihre Lebenserinnerungen - der es allerdings nicht ins Internet schaffte.

Die Geschichte, die Elfriede Ziegler verfasste, beginnt vor ihrer Geburt mit dem, was ihr Vater über den See zu erzählen pflegte. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hieß das Gewässer nicht Heimstettener See, Fidschi oder Fidsche - die Leute nannten es "Schwemm" und brachten ihre Pferde dorthin, um sie nach der Arbeit zu erfrischen. Entstanden war das Gewässer durch den Kiesabbau, und es glich anfangs einem Tümpel. Doch je mehr Kies die Bevölkerung benötigte, je mehr die Arbeiter abbauten, desto höher stieg der Grundwasserspiegel.

"Beim Vilatschko da draußen"

Mit der Zeit fiel es den Arbeitern immer schwerer, den Kies zu gewinnen. Sie schafften deshalb einen neuartigen Schaufelbagger an. Nur ein Monteur konnte diesen bedienen - dieser kam aus Italien und hieß Velasco. Doch sein Name ging den bayerischen Bauern schwer von der Zunge, weshalb sie ihn lieber "Vilatschko" nannten. So erzählte es ihr Vater und so schrieb Ziegler es in ihren Lebenserinnerungen auf. Irgendwann sagten die Leute nicht mehr "Schwemm" zu der Kiesgrube, sondern "beim Vilatschko da draußen".

Elfriede Ziegler zieht aus dem Ordner ein Schwarz-Weiß-Foto heraus. Eine Gruppe Jugendlicher im Frühling 1939 oder 1940, so genau kann sie das heute nicht mehr sagen, ist darauf zu sehen. Sie war damals elf Jahre alt und lebte in Baldham, das heute zu Vaterstetten gehört. Ihr Vater betrieb dort eine Brennerei - nicht für Schnaps, sondern für Industriealkohol. "Wir sind damals eigentlich gerne ins Haarer Freibad", erinnert sich Ziegler. "Aber das hat eben Eintritt gekostet."

Also fuhren sie zu der Kiesgrube. "Wir waren damals die Leute, die aus dem Vilatschko den Vidschä machten." Wie im bairischen Dialekt aus dem Alfons der Fonsä wird, so wurde eben aus dem Vilatschko mit der Zeit der Vidschä. Und später, geschrieben, der Vitsche. Weil ein Ä am Ende des Wortes eben doch allzu fremd aussieht. Als sie Jahre später an den See fuhr und dort ein Café mit dem Namen Fiji sah, habe sie sich aber doch gewundert.

Doch wie kommt nun der Bahnwärter aus dem Wikipedia-Artikel ins Spiel? Das liegt wohl an einem Missverständnis, schätzt Ziegler - und an einem tragischen Ereignis, das sie in ihrer Erzählung aufgeschrieben hat (siehe nebenstehenden Text). Zu der Zeit spielte der See in Zieglers Leben aber schon keine große Rolle mehr. Nach der Kindheit wurden andere Dinge wichtiger: die Arbeit, die Liebe, die Familie, der Tod. Ziegler begann als erste Auszubildende 1945 im Kaufhaus Hertie am Münchner Hauptbahnhof, das heute Karstadt heißt. Mit 17 Jahren verliebte sie sich in ihren späteren Ehemann, der aus seiner Heimat, dem heutigen Serbien, vertrieben worden war und der - obwohl er Deutsch sprach - lange als Fremder galt.

Gemeinsam baute das Paar einen Maschinenbaubetrieb auf und bekam drei Kinder. Doch Elfriede Zieglers Mann starb an einer verschleppten Hepatitis-Infektion, als ihre jüngste Tochter gerade 14 Jahre alt war. Daraufhin verkaufte sie das Unternehmen, das sie als Geschäftsführerin geleitet hatte, fing bei einer Versicherung an und stieg dort schnell zur gehobenen Sachbearbeiterin auf. Ziegler zog nie weg aus Vaterstetten und beschäftigte sich viel mit der Geschichte des Ortes. Der Gemeindearchivarin ist sie eine willkommene Quelle und auch der ehemalige Bürgermeister Georg Reitsberger lässt sich von ihr mit Anekdoten für seine Ortsführungen versorgen.

Von ihrer Mutter habe sie gelernt, Wichtiges aufzuschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät, sagt Ziegler. Und so schrieb sie ein Buch über ihre Kindheit, Zeitungsartikel über vergessene Straßennamen - und eben diese Geschichte über den Heimstettener See, dem sie und ihre Freunde den Namen Vitsche gaben. Ob die Leute ihn heute mit t oder d in der Mitte schreiben, mit ä oder e am Ende, sei ihr egal, sagt Ziegler. "Wenn man Bairisch kann, spricht man es so oder so richtig aus." Hauptsache nur, sie sagen und schreiben nicht Fidschi.

© SZ vom 08.08.2020/belo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite