Schwabing Ladensterben in der Hohenzollernstraße

In der Hohenzollernstraße müssen viele Läden dicht machen. Doch einige versuchen noch, dem Trend trotzen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie ist eine traditionsreiche Shoppingmeile. Doch viele alteingesessene und kleine Händler in der Hohenzollernstraße müssen schließen - auch wegen der hohen Mieten. Es ist ein Wandel, der weh tut.

Von Thomas Anlauf

Da läuft gerade etwas gewaltig schief in der Hohenzollernstraße. Der kleine Modeladen vorn an der Ecke zur Leopoldstraße: "Sonderverkauf wegen Schließung!" steht auf der Fensterfront. Das Geschäft ist bereits zu. Hausnummer 24: Die Eingangstür ist verrammelt, wo früher ein großer Metzger war, ist seit Jahren geschlossen. Hausnummer 27: Der Laden ist zu vermieten. Nummer 31: Das Geschäft steht leer. Nummer 40: ebenfalls Leerstand. "Wenn Ihr das nächste Jahr alle Geschenke online kauft gibt es bald keine kleinen Läden mehr! Checkst Du's?!" hat jemand mit weißem Stift auf das Fenster geschrieben. Es geht so weiter in der Hohenzollernstraße, auf den Fenstern der Hausnummer 43 kleben gelbe Folien, immerhin soll hier bald ein vietnamesisches Restaurant eröffnen, wo vorher "Montgomery Outlet" war. Was ist bloß los in der Schwabinger Shoppingmeile?

Cornelia Schermelleh steht vor ihrem Schreibwaren- und Lottoladen und blickt ihre Straße hinunter. "Der Wandel ist nicht schön", sagt sie. Seit 1. April 1974 betreibt sie in der Hohenzollernstraße einen Laden, zeitweise in einem ehemaligen Fischgeschäft, 1979 wird das Haus luxussaniert, Schermelleh, die alle hier nur Conny nennen, musste umziehen. Zwei Jahre lang verkaufte sie ihre Ware in einem Bauwagen vor der Bank, dann durfte sie beim Apotheker nebenan einen kleinen Laden aufmachen. Seit 2001 gibt es nun "Conny's Laden" an der Hohenzollernstraße 21. Und hier ist im Gegensatz zu den Modeläden um sie herum immer was los. "Wenn die halt auch Sachen verkaufen, die niemand braucht", sagt die Schwabingerin.

Teures Pflaster: Die Ladenmieten in der Hohenzollernstraße explodieren, viele Geschäfte können sich nicht halten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Hohenzollernstraße war viele Jahre lang ein Einkaufsparadies. Viele kleine Läden, manchmal mit skurrilen Dingen, aber auch topmodische Adressen und Ketten. Erst im vergangenen Sommer hat der Immobilienverband Deutschland Süd Schwabing und auch die Hohenzollernstraße wieder zur "interessantesten Lage außerhalb des Altstadtrings" gekürt. Wer es sich leisten konnte, zog in die knapp zwei Kilometer lange Straße zwischen Leopoldstraße und Nordbad. Die Preise waren schon immer hoch. Doch nun scheinen sie zu explodieren. "Es sind zu hohe Mieten, die hier aufgerufen werden", sagt eine Schwabinger Maklerin. Sie möchte namentlich nicht genannt werden, weil ihr Immobilienbüro auch in der Hohenzollernstraße Geschäfte vermietet. Viele Vermieter wüssten um die begehrte Lage, "die sitzen es aus", sagt die Betriebswirtschaftlerin. Soll heißen: Irgendwer zahlt auch Mondpreise. Für die Immobilienexpertin sind aber nicht nur die hohen Mieten der Grund für das derzeitige Ladensterben. Neben dem wachsenden Onlinehandel sieht sie auch die Unprofessionalität einiger Betreiber als Ursache: "Alle haben die gleichen Ideen - irgendwelche Mode, die keiner haben will."

Johanna Schweiger betreibt einen Feinkostladen. Die alteingesessene Schwabingerin trotzt dem Trend, dass viele kleinere Geschäfte zusperren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch viele Immobilienmakler haben die gleiche Idee gehabt und in den vergangenen Jahren Büros in der Hohenzollernstraße eröffnet. Das Geschäft mit der Schwabinger Adresse scheint gut zu laufen. Kein Wunder, bei den vielen Prachtbauten. Acht alte Stadthäuser stehen unter Denkmalschutz, viele sind aufwendig renoviert, was die Preise für Mieten ebenfalls nach oben treibt. Viele Menschen leben seit Jahrzehnten hier zu noch moderaten Preisen im Erhaltungssatzungsgebiet, so versuchen die Eigentümer oftmals, Geld über die Ladenmieten hereinzuholen.

"Das ist alles ganz schlimm"

Tatsächlich gibt es aber auch einige Ladenbesitzer, die wohl kaum bei den hier üblichen hohen Mieten überleben könnten. Da ist das alte Geschäft für Berufsbekleidung, das es schon seit 1931 gibt. Oder Johanna Schweiger, die in ihrem Feinkostladen für heimische Wurstspezialitäten hinterm Tresen steht. In dem kleinen Geschäft drängen sich am Mittag die Kunden, während auf der Straße nichts los ist. Seit 1956 gibt es den Laden, Johanna Schweiger hat ihn von ihren Eltern übernommen. "Das ist alles ganz schlimm", sagt sie über den Leerstand um sie herum. Die Deutsche Bank ein paar Häuser weiter, seit längerem leer. Doch ihr Wurstwarenladen bleibt. "Wir haben halt sehr viel Stammkundschaft", sagt Johanna Schweiger. Die ist es vielleicht auch, die den neuen, hippen Läden fehlt, die schnell aufmachen und schnell wieder fort sind.

Antiquar Manfred Wambsganss.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neben dem kleinen Wurstparadies berät Ingrid Staab seit mittlerweile drei Jahrzehnten ihre Kundinnen in der "Strumpf-Tante". Noch kann sie ihre Miete bezahlen, die Vermieter wollen nicht das Maximale herausholen. Ingrid Staab ist aber auch eine Institution in der Straße. Seit vielen Jahren kommen regelmäßig Prominente, um sich mit Strümpfen einzudecken. "Die Veronika Ferres war in ihren Anfangsjahren da, auch Ingrid Steeger und Michaela May", sagt Ingrid Staab. Sogar Erich Kästner, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schwabinger Fuchsstraße lebte, soll hier seine Wollsocken gekauft haben - die "Strumpf-Tante" gibt es seit mittlerweile acht Jahrzehnten. Sie überstand alle Versuche und Unternehmungen, die Straße vollends zu gentrifizieren. Für Ingrid Staab sind die Mietpreise in der Gegend "einfach eine Unverschämtheit. Die sollen doch froh sein, wenn sie gute Mieter haben".

Ingrid Staab ist seit drei Jahrzehnten Inhaberin der"Strumpf-Tante".

(Foto: Stephan Rumpf)

Manfred Wambsganss muss ein guter Mieter sein, schließlich betreibt er seine "Kunst Oase" an der Hohenzollernstraße 58 schon seit 1984. Am Ordnungssinn kann das nicht liegen, wer den Hinterhof betritt, könnte glauben, er ist in einem großen Basar gelandet. Vor dem Eingang in den Keller, wo der Kunstmaler und Antiquar sein eigentliches Reich hat, stehen furchteinflößende goldene Tempelwächter neben einer großen asiatischen Vase, von der Decke hängen kunterbunte alte Lampenschirme. Unten ist kaum ein Durchkommen vor lauter Spiegeln, Rahmen und alten Möbeln. Er hat es sich eingerichtet hier und viele Menschen, die alte Lüster, historische Möbel oder ein Gemälde suchen, kommen von weit her. Vor vier Jahren besuchte eine thailändische Prinzessin mit Entourage den Sammler, "sie hat hier gut eingekauft", sagt Wambsganss und lacht. Auch Regisseur Helmut Dietl sei früher öfters bei ihm gewesen. Und es schauten auch oft Menschen in seinen Keller, die gerade auf der Hohenzollernstraße für einen Einkaufsbummel unterwegs waren. Doch heute kommen viel weniger Leute in die Schwabinger Shoppingmeile, "das Internet ist schuld, das ist jammerschade. Ich lebe ja von meinen Kunden."

Das Ladensterben in der schönen Hohenzollernstraße - es hat wohl mehrere Gründe, es gibt nicht nur Gut und Böse. Wie ein Symbol der Ambivalenz werben am Ende der Straße große weiße Eingangsschilder für Firmen in einem Haus. Da gibt es eine Weinboutique, die sich "Ehrliche Münchner" nennt, darüber heißt ein Unternehmen "Wucherer & Partner".

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