Ausstellung:Keine Angst vor Provokation

Der Kunstpalais Erlangen hat sich auf junge internationale Künstler spezialisiert, die zum ersten Mal in institutionellem Rahmen in Deutschland oder Europa ausstellen, und liefert manche Überraschung.

Von Sabine Reithmaier, Erlangen

Ausstellung: Devan Shimoyamas "Self Portrait with Lissa's Sword" (2021), eine Collage aus Acryl, Glitzer und Strasssteinen auf Papier und Farbstift.

Devan Shimoyamas "Self Portrait with Lissa's Sword" (2021), eine Collage aus Acryl, Glitzer und Strasssteinen auf Papier und Farbstift.

(Foto: Tom Little)

Das Hauptportal am Marktplatz ist geschlossen. Der Seiteneingang versteckt sich an diesem sonnigen Nachmittag hinter Kaffeehausstühlen. Das barocke Palais Stutterheim selbst ist freilich unübersehbar. In dem prunkvollen Bau logiert neben der Stadtbibliothek auch das Kunstpalais Erlangen, eine städtische Galerie mit verblüffendem Innenleben. Kaum hat er die Kasse passiert, steht der Besucher in der opulenten, queeren Welt des afroamerikanischen Malers Devan Shimoyama, ist umgeben von glitzernden Figuren in leuchtenden Neonfarben, deren Outfits jede Dragqueen begeistern würden.

Das Erlanger Kunstpalais hat sich unter seiner Leiterin Amely Deiss darauf spezialisiert, avantgardistische, oft auch brisante künstlerische Positionen in die Stadt zu bringen. "Wir arbeiten sehr international ausgerichtet", sagt Deiss. "Und meist mit jungen Künstlern, die zum ersten Mal in institutionellem Rahmen in Deutschland oder Europa ausstellen." Das trifft sowohl für den 1989 in Philadelphia geborenen Shimoyama zu, der sich auf den 250 Quadratmetern im Erdgeschoss mit einer neuen Werkserie vorstellt, als auch für die Bildhauerin Zuzanna Czebatul, die für ihre Schau im ebenso großen, aber schwierig zu bespielenden Untergeschoß ein vollständiges Raumprogramm entwickelt hat. "Wir stellen Künstler nicht nur vor, sondern finden es spannend, mit ihnen etwas Neues zu entwickeln", erläutert Deiss das Konzept. Meist bleibt den Künstlern auch nichts anderes übrig, als für die kleinen, aber charmanten Räume der Galerie Neues zu entwickeln, bereits Vorhandenes eignet sich oft nicht. Genau diese Freiheit aber bewege manchen Maler oder Bildhauer, nach Erlangen zu kommen, sagt Deiss. "Jedenfalls kassieren wir keine Absagen."

Als Anregung nutzt er Tarotkarten

Die ebenerdigen Räume der Galerie reihen sich wie Perlen an einer Schnur, die Wände sind passend zum Farbverlauf der Bilder Shimoyamas gestrichen. Im ersten Moment wirkt die fast übertriebene Üppigkeit der technisch anspruchsvollen Materialcollagen fast erschlagend. Angst, kitschig zu wirken, hat der Künstler jedenfalls nicht. Der homosexuelle Afroamerikaner stellt auf vielen Bildern sich oder seine Freunde und Freundinnen dar, oft in mythologisch oder spirituell angehauchten Rollen. Tarotkarten dienen ihm als Anregung, aber auch Figuren aus der griechischen Sagenwelt. Ganymed zum Beispiel, jener trojanische Königssohn, in den sich Zeus verliebte. Oder Medusa, deren Schlangen wie widerspenstige Zöpfe abstehen.

Ausstellung: Ein Detail aus "Waning Kiss" (2021), einer Collage aus Öl, Farbstift, Glitzer, Acryl, Stoff, Perlen und Schmuck auf Leinwand.

Ein Detail aus "Waning Kiss" (2021), einer Collage aus Öl, Farbstift, Glitzer, Acryl, Stoff, Perlen und Schmuck auf Leinwand.

(Foto: Tom Little)

Auffallend sind die fülligen, schwarzen Lippen, die Shimoyama aus Magazinen ausschneidet und sie später seinen Figuren aufklebt. Der Grundstein seiner Liebe zu Flitter und Putz sei schon in der Kindheit gelegt worden, berichtet Deiss aus Gesprächen mit dem Künstler. Shimoyama ist in einer Baptistengemeinde aufgewachsen, erlebte mit, wie sich seine Verwandten am Sonntag vor dem Kirchgang aufputzten.

Was seine Protagonisten auf den teils großformatigen Leinwänden eint, ist die selbstbewusste Gelassenheit, mit der sie auf den Betrachter blicken. Die Geschlechtszugehörigkeit bleibt oft uneindeutig. Spielt auch keine Rolle, geht es Shimoyama in seinen Bilder doch um nichts weniger als das eigentlich selbstverständliche Recht, sich selbst zu definieren und positionieren.

Ausstellung: "Probably a Robbery" hat Zuzanna Czebatul ihr Karyatidenpaar aus Styropor genannt, eine feine Anspielung auf die endlosen Raubkunstdebatten.

"Probably a Robbery" hat Zuzanna Czebatul ihr Karyatidenpaar aus Styropor genannt, eine feine Anspielung auf die endlosen Raubkunstdebatten.

(Foto: Ludger Paffrath)

Im Untergeschoss - man könnte auch Keller sagen - wartet "The Happy Deppy Ecstasy Institute". Was Zuzanna Czebatul, 1986 in Polen geboren und in Berlin lebend, konkret damit meint, wird nie so ganz genau erklärt. Auf jeden Fall beschäftigt sich ihr Institut auf eine ironisch hintersinnige Art und Weise viel mit den Mechanismen der Macht. "Probably a Robbery" nennt die Bildhauerin ihre innig aneinandergeschmiegten Doppel-Karyatiden aus gefrästem Styropor, eine originalgroße Kopie eines Louvre-Fassadenteils und eine feine Anspielung auf endlose Raubkunst-und Restitutionsdebatten.

Ihre Kunst ist reich an politischen Anspielungen

Eine homogene Klammer in den Räumen bildet ein eigens verlegter knalliger Teppichboden in "End of Days Orange", der Pantone-Farbe des Jahres 2020, als die Wälder in Australien brannten und den Himmel orange erleuchteten. Czebatuls Kunst ist reich an politischen Anspielungen. Fünfmal hat sie das Time-Magazine-Titelfoto eines Straßenkämpfers in voller Montur, entstanden 2019 während der Proteste in Honkong, von einer chinesischen Gemäldemanufaktur kopieren lassen. Die Unterschiede sind minimal. Die Firma, spezialisiert auf Kopien von Ölgemälden, dürfte sich mit der Reproduktion eines Fotos mit zensiertem Inhalt am Rande der Legalität bewegt haben. Abgesehen davon, dass sich derlei Ängste anscheinend überall mit Geld besänftigen lassen, ist es schon witzig, wie Czebatul die eigentliche Problematik wieder nach China zurückgeschmuggelt hat.

Ausstellung: Zuzanna Czebatuls "Columns of Empire I - IV" lösen in ihrer dunklen Bedrohlichkeit Assoziationen an Polizeigewalt aus.

Zuzanna Czebatuls "Columns of Empire I - IV" lösen in ihrer dunklen Bedrohlichkeit Assoziationen an Polizeigewalt aus.

(Foto: Ludger Paffrath)

Die hängenden "Columns of Empire I - IV" erinnern weniger an schwarze Säulen als an Boxsäcke, zusammengesetzt aus Brustpanzern, Knie- und Ellenbogenschützern. In ihrer massiven dunklen Bedrohlichkeit wecken sie Assoziationen an Polizeigewalt. Dass Czebatul einen Hang zu monumentalen Skulpturen hat, dokumentiert auch die riesige, grüne Pipeline "Energy Circlusion", die einen Gewölbekellerraum fast ausfüllt und an Klimakrise, fossile Brennstoffe und nicht zuletzt an die Debatten um Nord Stream 2 denken lässt.

Die Sammlung des Hauses umfasst mehr als 4500 Werke

Doch das Team des Kunstpalais' kümmert sich nicht nur um Einzelausstellungen. Das Haus besitzt auch eine große Sammlung von mehr als 4500 Grafiken, Multiples, Künstlerbüchern und Mappenwerken. Das Künstlerverzeichnis liest sich wie ein Who's Who der Kunstgeschichte nach 1945, es fehlt kein großer Name. Zuständig für deren Pflege und Erweiterung ist vor allem der stellvertretende Museumsleiter Malte Lin-Kröger. "Leider fehlt uns für eine Dauerpräsentation der Platz", sagt er. Nur alle paar Jahre werden Arbeiten für Ausstellungen aus dem Depot geholt, das letzte Mal im Jahr 2017.

Vier bis sechs wechselnde Ausstellungen schultert das Team alljährlich. Entscheidend für deren Erfolg sei die eigene Begeisterung für zeitgenössische Kunst, glaubt Amely Deiss. "Gut findet man ja vieles, aber nur wenn Leidenschaft dahinter steckt, ist die Kunst und die Welt dahinter vermittelbar."

Devan Shimoyama: All The Rage / Zuzanna Czebatul: The Happy Deppy Ecstasy Institute, bis 14.11., Kunstpalais Erlangen

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