Konzert Udo Lindenberg: Zwischen Altherren-Rocker und Queer-Ästhetik

Udo Lindenberg live in der Olympiahalle.

(Foto: Stefan M. Prager)

Der erste deutsche Rocker tritt in der Olympiahalle mit allem auf, was ein Groß-Pop-Spektakel heutzutage braucht: eine abgedrehte Show, viel Nostalgie und am Ende tanzt die Zuckerfee.

Von Rita Argauer

Am Ende tanzt eine Zuckerfee im Tutu, es gibt Tänzerinnen im Arzt-Helferkittel, Vampire und Matrosenromantik. "Candy Jane", ausgedehnt auf eine zehnminütige Coney-Island-Freak-Show, ist ein erstes Finale der Udo-Lindenberg-Show in der ausverkauften Olympiahalle; und verbindet alles, was sich in den vorangegangenen zwei Stunden in kleinen Kapiteln zeigte: Pathosreicher Größenwahn und Kitsch, breitbeiniger Altmänner-Rock, aber auch queere Camp-Ästhetik.

Eingeleitet wird der Abend jedoch mit seinen neuen Songs. Als eine Art Präambel dienen sie Lindenberg als Rechtfertigung, warum er in dem Alter noch einmal die richtig große Rock-Show fährt. Das lakonische "Einer muss den Job ja machen", das trotzige "Mein Ding" und schließlich, als Erklärung warum er hier nun auf der Bühne herumsteppt, "Coole Socke" mit einem Kinderchor, quasi als performative Bestätigung seiner Selbst durch die jüngste Generation.

Dann geht es mit "Cello" in die Vergangenheit und von da an wird es ziemlich nostalgisch. Denn man begegnet in dieser Show auch den verschiedenen Versionen des Udo Lindenberg über die Jahrzehnte hinweg: Von Udo als "Rock'n'Roller", in projizierter Gesellschaft von Cobain, Joplin, Falco oder Hendrix, geht es zu Udo, dem politischen Friedensaktivisten zur Zeit des Kalten Krieges, gefolgt vom 'Kapitel Udo und die Frauen'.

Ein bisschen grapschen, ein bisschen Weltgeschichte

Letzteres ist ein bisschen heikel, wenn er jovial und Altmänner-träumend die jungen Tänzerinnen und Sängerinnen begrapscht. Das bekommt aber auch eine herrlich bescheuerte und durchaus reflektierende Note, wenn er sich dazu von projizierten Frauenfiguren der Weltgeschichte (die beiden britischen Königinnen Elisabeth I und II, Marlene Dietrich, Nina Hagen, Angela Merkel, aber auch Conchita Wurst) kritisch beäugen lässt.

Oder wenn in "Ich brech' die Herzen der stolzesten Frauen" im Duett mit Stefanie Heinzmann, die die Geschlechter zum Schluss einfach umdreht: Sie bricht die Frauenherzen, er die Männerherzen. Ja, und dann tritt auch noch Carola Kretschmer an der Gitarre auf - langjährige Begleiterin Lindenbergs, großartige Gitarristin und Transfrau - die genauso per Kuss verabschiedet wird, wie alle andere Frauen auf dieser Bühne.

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Der erste deutsche Rocker tritt mit allem auf, was Groß-Pop-Spektakel heutzutage so bieten müssen. Es ist ein äußerer Pomp, den sich auch die großen US-Pop-Acts leisten. Doch während bei denen streng choreografiert wird und jeder Schritt auf dem Bühnenboden vorher markiert wurde, gibt es bei Lindenberg Anarchie. Es wuseln die Bläser, drei Gitarristen wechseln sich im Solieren ab, ab und an schnappt sich eine Background-Sängerin die E-Gitarre und gibt auch ein Solo zum besten, dazwischen tritt eine Hula-Hoop-Tänzerin als Wikinger-Braut auf.

Lindenberg wird zum neuen Major Tom

In einer Bühnenecke gibt es eine Bar, dort wird getrunken, wenn man gerade keinen Einsatz hat - alle bis auf den Kinderchor hängen dort bisweilen ab, während Udo vorn die Show weiter treibt und, wenn die Worte nicht mehr ausreichen für den Ausdruck der Lässigkeit, das Sakko von der Schulter zieht, die Sonnenbrille abnimmt und an seiner Zigarre zieht.

Lindenberg ist lässig, auf eine gewisse Art natürlich unglaublich von sich selbst als Figur eingenommen und gleichzeitig humorvoll damit (das beste Beispiel dafür ist "Mein Body und ich" vom aktuellen Album, dem er den Spruch voran setzt, wenn er früher in eine Kneipe gekommen sei, sei die erste Frage gewesen: "Was muss hier noch weg""). So stolziert mit zwischen ernster Wehmut, Lust an Nostalgie und Gegenwartsbewusstsein über die Bühne. Eine Haltung, die bei gealterten Popmusikern recht selten ist.

Vor dem Finale gibt es ein Erste-Hits-Medley. Hier muss nachher keiner mehr Zugabe brüllen, der "Sonderzug nach Pankow" geht nach zwei Strophen sofort zu "Andrea Doria" über. Ganz am Ende, nach gut zweieinhalb Stunden, spielt die Band "Woddy Wodka", während Lindenberg sich von einer Art fliegendem Käfig abholen lässt, der ihn auch schon auf die Bühne gebracht hat. Die Bühnenhelfer tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Panik Ground Control", die Tänzerinnen stecken Lindenberg in einen Astronauten-Anzug.

So, ohne dass man sein Gesicht sieht, wirkt er plötzlich schmal, ja fast gebrechlich, wenn er zu seinem Flugkäfig geführt wird. Doch dann segelt er mit dem passendsten Bild des Abends von dannen: Lindenberg, der erste deutsche Rocker als Major Tom; zu gleichen Teilen in Reminiszenz an Peter Schillings Neue-deutsche-Welle-Version wie an Bowies "Space Oddity".

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