Kritik:Instrumentaltheater

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Patricia Kopatchinskaja und das Philharmonia Orchestra London berauschen in der Isarphilharmonie.

Von Harald Eggebrecht

Wer so fulminant, risikoreich und furchtlos geigen kann wie die einzigartige Patricia Kopatchinskaja, der darf seinen Auftritt als meist zauberhaftes, manchmal eigensinniges, aber immer fesselndes Instrumentaltheater inszenieren. Bei Gelingen gehören Konzerte mit dieser besonderen Musikerin zu den bleibenden Erlebnissen. Dieses Mal erschien sie in der Isarphilharmonie mit dem rundherum souveränen, im Gesamtklang imponierend ausbalancierten Philharmonia Orchestra aus London unter der wohltuend leichthändigen, aber keineswegs leichtgewichtigen Leitung seines jungen Chefdirigenten Santtu-Matias Rouvali, auch er einer jener Staunen erregenden finnischen Orchesterleiter, die alle aus der Lehre des Dirigiergurus Jorma Panula kommen.

Kopatchinskaja und Rouvali boten das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven natürlich nicht als zähe Weihestunde für Sologeige und mitgrummelndes Orchester, wie man es leider nur allzu oft erleiden muss. Beethoven hatte ein fesches Konzert im Sinn, das er in rund sechs Wochen für den Geiger Franz Clement niederschrieb. Kopatchinskaja und Rouvali führten es als kühne, vielgesichtige Musik auf. Die Geigerin spielte wahrhaft mit dem Orchester, ging auf jedes Bläsersolo ein und machte die Kadenz, die Beethoven zur Klavierfassung geschrieben hatte, zum Diskursabenteuer zwischen Pauke, Violine und Orchester. Ovationen, denen eine witzig-schräge Dialog-Zugabe zwischen Violine und Klarinette folgte.

Mit seinen Londonern bot Rouvali nach der Pause eine fein ausgearbeitete, nie dröhnende oder fatal laute Aufführung von Antonin Dvořáks 7. Symphonie. Mit keinem anderen seiner großen Orchesterstücke kommt der Komponist dem Vorbild und Freund Johannes Brahms näher. Dunkle Klangfarben mischen sich mit leuchtenden Aufhellungen, d-Moll-Melancholie und -dramatik von Kopfsatz und Finale werden gemildert im ausschwingenden Poco Adagio und wehmütig-heiter ins Tänzerische verwandelt im hinreißend musizierten Scherzo. Tosender Applaus und eine elegante Dvořák-Zugabe.

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