Konflikte im Münchner Nachtleben "Wir haben gemerkt, wie wichtig Gespräche sind"

Wenn es laut wird am Wochenende, sind, so wie am Gärtnerplatz, die Konflikt-Manager von Akim gefragt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit fünf Jahren springen die Mitarbeiter vom "Allparteilichen Konfliktmanagement" dort ein, wo es Probleme im öffentlichen Raum gibt. Nun setzen sie neue Methoden ein - und planen einen "Nachtbeauftragten".

Interview: Stefan Mühleisen

Die Tage werden länger, wärmer wird es auch - für viele Münchner ist damit die Saison eröffnet, sich zum Feiern auf öffentlichen Plätzen zu treffen. Damit fällt auch für die Mitarbeiter des "Allparteilichen Konfliktmanagements in München" (Akim) der Startschuss, sich auf Streitfälle zwischen Amüsierwilligen und genervten Anwohnern einzustellen. Die Leiterin der zugehörigen Stabsstelle im Amt für Wohnen und Migration, Eva Jüsten, und Akim-Chefin Brigitte Gans sprechen über das Schlichten von Problemen im öffentlichen Raum - und ihre Vorstellungen von einer "Fachstelle nächtliches Feiern".

Frau Jüsten, Frau Gans, seit fünf Jahren versuchen Sie mit Ihrem Team, Reibereien in der Stadtgesellschaft zu schlichten. Macht einen das nicht mürbe?

Brigitte Gans: Es spornt eher an. Die Arbeit kann zermürbend sein, etwa wenn Anwohnerinnen und Anwohner nach vielen Gesprächen immer noch eine als störend empfundene Gruppe vertrieben haben wollen. Doch insgesamt geht bei den Münchnern der Gedanke auf, dass man Streitereien im Dialog lösen kann, nicht nur mit der Polizei.

Eva Jüsten: Mich motivieren nach wie vor die runden Tische. Die Menschen sind so froh, dass sie gehört werden und ihre Anliegen anbringen können. Das ist aufwendig, aber eben oft auch sehr fruchtbar.

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Und es bleibt anstrengend, nicht wahr? Freiluftfeiern auf öffentlichen Plätzen sind ziemlich angesagt in München.

Eva Jüsten: Ja, es ist mehr geworden. Die Sommer werden wärmer, die Leute sind mehr draußen.

Brigitte Gans: Man merkt auch, dass München wächst und sich immer mehr Leute im öffentlichen Raum bewegen. Und es gilt als hip, diesen für vielfältige Aktivitäten zu nutzen. Zuletzt hat am Weißenburger Platz in Haidhausen jemand seinen Geburtstag gefeiert. Ein Buffet war aufgebaut, und Mädchen in Bikinis planschten mit einem aufgeblasenen Einhorn im Brunnen. Das hat es vor wenigen Jahren so nicht gegeben.

Dafür leben alle Jahre wieder die gleichen Konflikte auf, beispielsweise am Gärtnerplatz.

Eva Jüsten: Der Platz ist natürlich immer noch laut, doch es hat sich etwas getan. Die Anwohnerinnen und Anwohner haben das Gefühl, es kümmert sich jemand. Wobei es nicht unser Bestreben ist, den Platz ruhig zu kriegen, in dem Sinne, dass die Leute gehen. Aber wir sind vor Ort präsent und können Lärmspitzen schnell kappen.

Brigitte Gans: Unser Ansatz ist es, dass der öffentliche Raum fair geteilt wird. Alle, die auf dem Platz sind, haben ihre Daseinsberechtigung. Wir haben über die Jahre sehr viel dazugelernt und unsere Methoden immer wieder angepasst.

Inwiefern?

Brigitte Gans: Wir haben gemerkt, wie wichtig Gespräche sind. Sie sind nicht nur ein Mittel zum Feststellen, was da los ist, sondern sie sind eine Intervention. Wir versuchen, einen Perspektivenwechsel zu erreichen. Das hat zum Beispiel in Untergiesing bei der Trinkerszene, den so genannten Stammstehern, ganz gut funktioniert.

So manche Anwohner in Untergiesing, etwa am Hans-Mielich-Platz, dürften da ihre Zweifel haben.

Brigitte Gans: Am Hans-Mielich-Platz haben wir sehr intensiv mit der Stammsteher-Gruppe gearbeitet und klar gemacht: Es ist schwierig, wenn Ihr das Schachspiel blockiert - und dabei erreicht, dass sie sich zurückziehen. Das Problem war nur: Im nächsten Jahr waren es andere, die sich dort aufhielten und andere, die sich beschwerten. Dann fängt man von vorne an.

Eva Jüsten: Wenn es ums nächtliche Feiern geht, hört man von Anwohnern oft: Jede Nacht ist da Party, jede Nacht bleibt der Müll liegen. Wir lassen inzwischen die Menschen Protokolle führen, wie oft das wirklich vorkommt. Die stellen dann mitunter fest: So schlimm ist es doch nicht.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Jugendlichen? Sind sie zugänglich für Konfliktgespräche?

Brigitte Gans: Absolut. Ein schönes Erlebnis war für mich die Wiesentfelser Straße in Neuaubing-West, wo sich Nachbarn vom Treiben der jungen Leute gestört fühlen. Es gab einen runden Tisch mit der Polizei, Anwohnern und Streetworkern, die die Jugendlichen vertraten. Irgendwann fiel uns auf, dass die Jugendlichen von draußen durch die Scheibe hereinschauen. Wir haben sie hereingebeten - und sie sind geblieben. Der nächste Termin soll jetzt mit den Jugendlichen stattfinden.

Was planen Sie für die kommende Saison?

Eva Jüsten: Wir werden neben dem Gärtnerplatz auch regelmäßig an der Gerner Brücke und am Platz der Menschenrechte in der Messestadt Riem präsent sein. In Riem wird es auch Sprechstunden geben. Diese Gespräche werden wir dann der anderen Gruppe zurückspiegeln.

Brigitte Gans: Wir hatten vergangenes Jahr, zusätzlich zu den genannten Hotspots, 43 Fallanfragen und 35 Konfliktorte zu bearbeiten. Es wird sich zeigen, wie viele es dieses Jahr werden. Irgendwann wird eine Obergrenze erreicht sein, was wir bearbeiten können.

Sie arbeiten mit fünf Festangestellten und 20 Honorarkräften. Braucht München mehr Konfliktmanager?

Eva Jüsten: Ich fände es schön, wenn der Schwerpunkt in München insgesamt mehr auf Dialog gelegt würde. Wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht gleich nach Polizei und Ordnungsdienst rufen würden. Bei Irritationen im öffentlichen Raum ist die Ansprache auf Augenhöhe oft viel angemessener.

Was halten Sie von der Idee eines "Nachtbürgermeisters" wie in Mannheim, also eines Vermittlers zwischen Verwaltung, Wirten, Anwohnern, Partyszene?

Eva Jüsten: Den Begriff Bürgermeister halten wir für irreführend. Wir schlagen "Nachtbeauftragter" vor. Dazu bereiten wir gerade eine Beschlussvorlage für den Stadtrat vor. Unser Vorschlag ist es, eine "Fachstelle nächtliches Feiern" einzurichten, die bei Akim integriert wird. Seit zwei Jahren läuft ein Strategieprozess zum Thema nächtliches Feiern mit Beteiligten aus Stadtverwaltung, Bezirksausschüssen und Wirten. Das ist eines der Ergebnisse.

Was genau soll die Fachstelle beziehungsweise der oder die Nachtbeauftragte tun?

Brigitte Gans: Der oder die Nachtbeauftragte und die Fachstelle sollen das nächtliche Feiern in München insgesamt in den Blick nehmen - und dabei auch die Anwohner miteinbeziehen. Es geht darum, zugleich den Finger am Puls der Zeit zu haben und das Ohr am Menschen. Die Fachstelle soll deshalb die Repräsentation des Themas in Politik und Verwaltung übernehmen.

Eva Jüsten: Wir haben uns Jahre lang bemüht, ein Netzwerk mit Nachtkulturbetreibern aufzubauen. Die Arbeit würden wir gerne weiterführen, zukünftig auch stadtviertelspezifisch. Die Fachstelle kann dafür eine zentrale Stelle sein, gerade auch, weil wir viel Erfahrung mit Konflikten mit Anwohnern und einen sehr guten Draht zu Club-Betreibern haben. Nächtliches Feiern ist ein Querschnittsthema, das es so bisher nicht in der Verwaltung gibt.

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