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Klimaschutz:"Zum Ökobauern gehen reicht nicht"

Zusammengekettete Einkaufswagen in Dachau

Streich oder Statement? Diese zusammengeketteten Einkaufswagen in Dachau kann man auch als Kritik am immerwährenden Kaufen-kaufen-kaufen verstehen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Nicht nur das Fliegen schadet der Umwelt, sondern auch das viele Einkaufen. Soziologin Birgit Blättel-Mink erklärt, wie nachhaltiger Konsum funktionieren kann.

Alle debattieren über Flugscham, von Konsumscham aber war bislang noch keine Rede. Dabei verbrauchen die vielen Einkäufe Unmengen Ressourcen, und schaden auch dem Klima. Die Lösung könnte nachhaltiger Konsum sein. Nur ist der nicht ein Widerspruch in sich? Ein Anruf bei Professorin Birgit Blättel-Mink. Sie forscht am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt und eines ihrer Seminare trägt den Titel "Konsum und Nachhaltigkeit".

SZ: Frau Blättel-Mink, nachhaltiger Konsum - geht das überhaupt?

Birgit Blättel-Mink: Wenn man seine Lebensmittel nur in kleinen, inhabergeführten Geschäften einkauft, ist das ein erster Schritt. Aber das reicht nicht. Da sind wir bei der Debatte um die Suffizienz, die sich um die Frage dreht: Kann der momentane westliche Lebensstil überhaupt nachhaltig sein?

Umwelt Auf die Hülle kommt es an
Nachhaltig einkaufen

Auf die Hülle kommt es an

Wer im Supermarkt vor Regalen und Kühlfächern steht, kann nicht nur nach Inhalt, sondern auch nach Verpackung auswählen. Doch welche schont die Umwelt am meisten? Ein Überblick.

Und kann er?

Kann er schon, aber nur zum Ökobauern gehen reicht nicht, sondern wir müssten systematisch und in allen Bereichen unseren Konsum reduzieren. Wir beobachten seit den Neunzigerjahren eine extreme Expansion der nachhaltigen Waren, aber auch eine Anpassung an konventionelle Strukturen. Große Produktpaletten, Bio-Discounter und Erdbeeren im Winter.

Viele Firmen verpassen sich nun einen grünen Anstrich. Wie definieren Sie nachhaltigen Konsum?

Er muss sozial, ökonomisch und ökologisch verträglich sein. Die Produzenten der Waren sollten davon leben können, und in einer kapitalistischen Gesellschaft auch Gewinn machen. Es sollten keine Menschen ausgebeutet, und alles getan werden, um die ökologischen Ressourcen weitgehend erhalten zu können. Wir sollten also von unseren Zinsen leben, und nicht das Kapital angreifen.

Aber wir greifen das Kapital doch permanent an. Unser gesamtes Wirtschaftsmodell basiert auf Konsum.

In den Neunzigerjahren habe ich an einigen Projekten mitgearbeitet, unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei denen es um genau diese Frage ging: Gibt es eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum? Lösungen wären zum Beispiel langlebigere Produkte, die man reparieren kann, und eine Sharing Economy. Nehmen wir als Beispiel das Carsharing. Die Wirtschaft könnte ja trotzdem wachsen, in dem sie Dienstleistungen dazu anbietet. Die Reparaturen zum Beispiel. Es gab viele solcher Ideen, aber sie haben sich nicht durchgesetzt.

Birgit Blättel-Mink, 62, ist Professorin für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

(Foto: Uwe Dettmar)

Worauf führen Sie das zurück?

Konsum ist ein soziales Konstrukt. Wir wollen mit unseren Einkäufen distinguieren.

Aber momentan distinguiert man sich auch durch Biomilch und faire Shirts.

Aber nur in bestimmten Gruppen. Der Unverpackt-Laden in Heidelberg, wo ich die Semesterferien verbringe, liegt zum Beispiel in einem Viertel, in dem vor allem bildungsbürgerliche Familien wohnen. Wir haben einmal Studenten befragt, in welchen Läden sie einkaufen und viele waren sich bewusst, dass sie besser nicht bei H&M einkaufen sollten.

Machen es dann aber doch?

Ja, und dann sagen die Unternehmen: Sehen Sie, die Leute wollen das. Umgekehrt sagen die Kunden, wir kriegen zu wenig Information. Man darf aber nie vergessen, dass es eine Wechselwirkung zwischen Konsum und Produktion gibt. Deshalb müssen sich beide Seiten ändern.

Was kann man also selbst tun?

Gut ist, wenn man reflexiv konsumiert: Brauche ich das wirklich? Man sollte innehalten, überlegen und nicht routinemäßig zugreifen. Lokale Produkte sind in der Regel zudem besser als globale Wertschöpfungsketten. Saisonale Produkte besser als Erdbeeren im Winter.

Glauben Sie, dass sich von nun an etwas verändern wird, weil Nachhaltigkeit gerade ein so großes Thema ist?

Ich bin ein bisschen desillusioniert, weil es immer solche Wellen gab und dann auch wieder Gegenbewegungen. Man muss sich nur die SUVs anschauen. Aber vielleicht ist das diesmal aufgrund der großen Aufmerksamkeit, die das Thema zurzeit erfährt, anders.

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