Kinosterben "Das Kino steckt im Prozess der totalen Veränderung"

Endstation Schwanthalerstraße: Das Atlantis-Kino in der Münchner Innenstadt musste 2012 schließen. Auch das Tivoli und das Eldorado gibt es nicht mehr. Nun steht das Gabriel vor dem Aus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kinos sterben landauf, landab - immer weniger Zuschauer gehen in Lichtspielhäuser. Ein neuer Dokumentarfilm über das Phänomen soll auch in München die Diskussion anregen.

Von Josef Grübl

Sie tragen sehnsuchtsvolle Namen wie Atlantis, Eldorado oder Tivoli und sie haben etwas gemeinsam: Es gibt sie nicht mehr, sie sind aus dem Stadtbild verschwunden. Der Tod des Kinos ist in München ein schleichender, alle paar Jahre verschwindet eines der traditionellen Lichtspielhäuser; jedes Mal protestieren filmbegeisterte Münchner, jedes Mal ohne Erfolg. Vor Kurzem gaben die Betreiber des Gabriel Filmtheaters bekannt, dass sie in absehbarer Zukunft schließen würden. Das Gabriel gilt als eines der ältesten Kinos der Welt, sein Ende wäre ein harter Schlag für die Filmstadt München.

Mal zwingen die Begehrlichkeiten des Immobilienmarkts oder steigende Mieten die Kinobetreiber zum Aufgeben, mal sind es zurückgehende Zuschauerzahlen oder die zunehmende Streaming-Begeisterung des Publikums. Und wenn auf der einen Seite mit Ladengeschäften, Bars oder Cafés viel mehr Geld zu verdienen ist als mit einem Lichtspieltheater und auf der anderen Seite die Fußball-WM, ein endlos langer Sommer und ein schwacher Hollywood-Jahrgang (wie 2018) aufeinandertreffen, gehen in den Kinosälen die Lichter aus - und nie wieder an.

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Dass der Kinotod nicht nur in München, sondern bundesweit die Runde macht, sieht man an Programmkinos, die von Schließungen bedroht sind, oder an den bereits geschlossenen Kinos wie dem Klick in Berlin oder dem Scala in Konstanz. Über Letzteres, ein seit knapp 80 Jahren fest zum Zentrum der Bodenseestadt gehörendes Drei-Säle-Haus, läuft am Donnerstag ein Dokumentarfilm in den Kinos an: In "Scala Adieu - Von Windeln verweht" geht es um kommerzielle Interessen, lokalpolitisches Unverständnis, bürgerlichen Ungehorsam und die kulturelle Zukunft unserer Städte.

Für den Regisseur Douglas Wolfsperger ist der Film die Chronik eines Untergangs: Der Mietvertrag des Kinos lief aus, die Betreiber (die in der Nähe noch ein Multiplex-Kino betreiben) konnten sich mit dem Besitzer der Immobilie nicht einigen. Dann kam eine Drogeriemarktkette, die deutlich mehr bezahlen konnte. Als die Sache öffentlich wurde, gründeten die Konstanzer eine Bürgerinitiative, hielten bei Demos Transparente hoch ("Wim Wenders statt Pampers!") und beklagten die kulturelle Verödung der Stadt. Verhindern konnten sie die Schließung nicht: Jetzt gibt es in Konstanz den fünften Drogeriemarkt derselben Kette, wo Schweizer Shopping-Touristen ihre Windeln kaufen können.

Auch andernorts sind Filmkunsttempel zum Spielball von Investoren geworden: Die knapp 1700 deutschen Kinos stecken in der Krise, bei vielen geht es um die Existenz. Die Besucherzahlen sinken seit Jahren, 2018 war für die Branche ein historisches Negativjahr. Laut Filmförderungsanstalt (FFA) wurden deutschlandweit nur 105,4 Millionen Tickets verkauft. Das ist ein Schwund von 13,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr und von knapp 30 Prozent gegenüber 2015. Schwankungen gibt es immer wieder, die Branche hat schon viele Krisen erlebt - und überlebt. Dieses Mal ist es aber anders: "Das Kino, wie ich es kenne und liebe, ist am Ende seines Weges angekommen", sagte Martin Scorsese im Dezember 2018 beim Filmfestival in Marrakesch. Der US-Regisseur verwies in seiner viel zitierten Rede auch auf den technologischen Wandel und die Allverfügbarkeit von Inhalten.

Attraktives Programm gibt es heute überall, längst nicht mehr nur auf der großen Leinwand. Fernsehserien wie "Babylon Berlin" kommen opulenter daher als alle deutschen Filme eines Kinojahrgangs zusammen, Oscarprämierte Dramen wie "Roma" landen direkt bei Netflix, stargespickte Shakespeare-Filme wie "King Lear" bei Amazon Prime. Auch Scorsese hat seinen neuen Film "The Irishman" für Netflix gedreht, nachdem er ihn in Hollywood nicht finanziert bekam. Das Kino ist zwar noch Zuschauermagnet, zuletzt etwa bei Filmen wie "Bohemian Rhapsody" oder "Der Junge muss an die frische Luft", den Exklusivanspruch auf die besten Inhalte hat es aber längst verloren.

In München musste schon ein Kino einem Drogeriemarkt weichen

Das hat sich unter den Zuschauern herumgesprochen: Lohnt sich der Kauf eines Tickets, fragen sie sich, manchmal sind die Filme schon kurze Zeit später über andere Kanäle verfügbar. Das weiß auch Thomas Kuchenreuther, der in Schwabing das ABC Kino, das Leopold und die Kinos Münchner Freiheit betreibt. "Das Kino steckt im Prozess der totalen Veränderung", sagt er, die wirtschaftliche Situation habe sich verschärft. Ans Aufgeben denke er nicht, vielmehr überlege er, was sich jetzt ändern müsse. Er kommt auf die Rahmenbedingungen zu sprechen, die Preispolitik der Verleiher etwa oder die Filmabgabe, die Kinos seit jeher an die FFA abführen müssen und die bis zu drei Prozent des Umsatzes betrage. Es geht also um Kostensenkung, gleichzeitig sind die Kinos auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat im Februar das "engagierte Programmkino als unverzichtbaren Kulturort" bezeichnet. Ihr Haus arbeite mit Hochdruck "an einem Zukunftsprogramm Kino, das noch 2019 mit ersten Maßnahmen anlaufen soll".

Von Förderseite gibt es ebenfalls Unterstützung, so zeichnet unter anderem der Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) jährlich Kinos für herausragende Filmprogramme aus. Das Kino muss noch mehr zu einem kulturellen Begegnungsort werden, so wie etwa während der Münchner Filmkunstwochen im Sommer. Dort gibt es Retrospektiven, Previews und Publikumsgespräche, Traditionskinos wie das Rio, Rottmann, Theatiner, Studio Isabella oder die Museum Lichtspiele nehmen daran teil.

Doch auch in München musste schon ein Kino einem Drogeriemarkt weichen, beziehungsweise dem Lager eines Marktes - was die Sache nicht besser macht. Das war 2016, das Kino hieß Eldorado und befand sich im Keller eines Geschäftshauses in der Sonnenstraße. Im selben Jahr gingen auch im Maxim die Lichter aus, hier aber endete es nicht mit dem Kinotod: Das Maxim fand neue Betreiber, wurde renoviert und im Herbst 2016 wiedereröffnet. Zwei Jahre später folgte die rundumerneuerte "Astor Film Lounge im Arri", die jetzt in drei Sälen größtmöglichen Komfort für die Besucher bietet. "Ich wollte ein Kino machen, in das ich selbst gerne gehen würde", sagte der Betreiber Hans-Joachim Flebbe Ende 2018 zur Eröffnung, dafür investierte er mehrere Millionen Euro. Münchens Kinobetreiber setzen auf unterschiedliche Konzepte, um in der Krise zu überleben.

Um den Stellenwert des Programmkinos geht es auch am Donnerstag, 21. März, 17 Uhr, im Monopol-Kino: Dort läuft Wolfspergers Film "Scala Adieu", im Anschluss diskutiert der Regisseur mit Bernadette Felsch von der Stadt München, dem Stadtplaner und Architekten Patric Meier und Marc Gegenfurtner vom Kulturreferat.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass das Kölner Programmkino Cinenova eines sei, das von Schließung bedroht ist. Der Betreiber jenes Kinos hat uns mitgeteilt, dass das Cinenova geöffnet und eine Schließung nicht beabsichtigt sei. Allerdings sammelt das Cinenova auf seiner Internet-Homepage aktuell mit einer Petition Unterstützer für den Erhalt dieses Kinos, weil dieses "mehrfach ausgezeichnete Programmkino" nach eigenen Angaben durch einen neuen Grundstückseigentümer "gefährdet" sei.

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