Hotel Vier Jahreszeiten Bulva wurde quasi in die Großbourgeoisie hineingeboren

Mehr als dreimal wurde versucht, Bulvas Finger operativ zu retten. Doch er stand immer in fast rechtem Winkel ab, an Bewegung, gar künstlerischer Art, war nicht zu denken. Um diesen Lebensbruch zu meistern, zog Josef Bulva nach Monaco und mischte dort im Finanzgeschäft mit. Mit sichtbarem Erfolg, wie er jedenfalls in der SZ-Interview-Reihe "Reden wir über Geld" vor einem Jahr erzählte. Doch die Suite in den Vier Jahreszeiten behielt er. Wohl auch, weil er München schätzt über alles, und weil sich zwischen Josef Bulva und dem Vier Jahreszeiten fast so was wie eine eheliche Beziehung gebildet hat über die Jahre. "Ich bin das älteste Faktotum des Hauses", sagt er gerne, wohl wissend, dass dies ein wenig arg kokett klingt.

Aber auch nicht ganz falsch ist. Was sich heute zum Beispiel daran zeigt, dass Josef Bulva nicht müde wird, über das Hotel zu lästern, zum Teil in einer Wortwahl, die man nur damit entschuldigen möchte, dass Deutsch halt eine Fremdsprache ist für ihn, die er erst anfing zu erlernen, als er aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen war. Damals, als er, der "Staatskünstler" von drüben, in Münchens bessere Gesellschaft plumpste wie ein seltener Vogel, der keine Lust mehr hat zum Weiterfliegen und einfach landete.

Vom Fenster über dem Schreibtisch sieht man auf die Staatskanzlei.

(Foto: Catherina Hess)

Nach kurzem Unterschlupf privat bei einer Familie kam dann bald der Umzug an die Maximilianstraße. Die Beziehung begann sich schnell für beide Seiten zu lohnen. Bulva machte der damaligen Direktion beispielsweise klar, wie geschäftsfördernd es sei, Künstlern vor allem von der nahen Oper günstige Raten zu gewähren, weil dann, nach der Oper, die Besucher schon deswegen gerne ins Hotelrestaurant kämen, um neben der Gruberova zu speisen. Bulva selbst ließ in München keine relevante Party aus und galt bald als das, was man heute mit "gut vernetzt" beschreibt. Er kannte jeden in der Kulturszene, und jeder kannte ihn, jede sowieso. Denn Bulva hat nur eine Dauergefährtin: die Musik. Ansonsten war er, wie man so sagt, lebensflexibel.

Für einen wie Josef Bulva, der in die Großbourgeoisie quasi hineingeboren wurde und sich in ihr bis heute wohlfühlt wie ein Fisch im Wasser. Dagegen schwärmt er noch immer von manchem Opernbesuch mit anschließendem Dinner im Hotel "mit der Anneliese". Und weil es in München nur eine Anneliese gibt, die eines Begleiters wie Josef Bulva würdig und damals schon verwitwet war, mag man sich nur zu gerne vorstellen, wie die beiden, kulturverständig und mit Charme und Klugheit gesegnet, sich vielleicht nach dem "Don Giovanni" über Wolfgang Brendels Verführungskünste unterhalten haben. Und wie Bulva ihr die Zigarette in Brand setzte, eleganter noch als es der einstige AZ-Chefredakteur Udo Flade bei seiner Herausgeberin zelebrierte.

Josef Bulva sitzt auf dem Schemel wie im Konzert

Josef Bulva spielt auch heute noch gerne mit Zitaten wie "der diskrete Charme der Bourgeoisie" oder davon, dass "ich unbescheidenerweise etwas Ahnung habe von dem, was weltmännisch ist". Er liebt das Imperial von Wien als eines der besten Hotels, er fährt ein 13 Jahre altes Mercedes Coupé 600 ("in 87 Minuten von der Stuttgarter Liederhalle bis zur Jet-Tankstelle an der Münchner Verdistraße"). Er schwärmt von der Küche Alfred Walterspiels, die einst dem Vier Jahreszeiten zu erstem Ruhm verhalf. Er ist froh und nicht ganz ohne Stolz, dass heute, möchte er einen Griesbrei, "ich auch einen Griesbrei hier bekomme", dass er einen eigenen Weinschrank hat, weil ihm das offizielle Angebot nicht gut genug erscheint (er, der Champagner verabscheut und gerne Rotwein trinkt, hat auch dafür einen sehr drastischen Vergleich).

Und er ist natürlich zum Gespräch in dezenter Eleganz gekleidet, nicht übertrieben, aber doch so, dass er ganz wunderbar ins Ambiente der noblen Suite passt. Auch wenn ihn das Zimmermädchen, das gerade seine Arbeit verrichtet, stört wie der hauseigene Klempner mit der Aussage, man könne jetzt die Dusche nicht reparieren, man sei halt hier im siebten Stock und leide folglich unter mangelndem Wasserdruck. Josef Bulva, so scheint es zu sein, möchte schier verzweifeln ob solch profaner Vorkommnisse um ihn herum.

Da setzt er sich dann doch lieber ans Klavier und donnert für die Fotografin den Anfang von Beethovens Waldstein-Sonate herunter. Der ganze Raum füllt sich mit Musik. Der Eingangsbereich mit dem weiß lackierten Tisch und dem Äpfelstillleben drauf, der von den Mansardenbalken leicht abgetrennte Sofaraum, ein gewaltiger gemalter Engel an der Wand gegenüber, der an alte venezianische Hotelsuiten erinnert, der hintere Raum mit Schreibtisch, viel schwarzem Schleiflack und dem dunkelroten Kühlschrank. Überall Beethoven. Und Josef Bulva sitzt auf dem Schemel wie im Konzert: Den Oberkörper kerzengerade aufgerichtet, die Finger jagen über die Tasten, auch der kleine links außen.

"Ja, ich bin wieder da", sagt er dann, sichtlich zufrieden mit dem Eindruck, den er gerade hinterlassen hat, zündet sich eine Zigarette an und schaut aus dem Fenster rüber zur Staatskanzlei.

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