Heimlicher Star Die dritte Hand des Pianisten

Helfer mit Taktgefühl: Der 22-jährige Angelo Volpini aus Ebersberg ist Pianist - und ein gefragter Notenwender.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn Angelo Volpini aus Ebersberg bei Kammerkonzerten die Noten umblättert, kommt es auf die Sekunde an.

Von Rita Baedeker, Ebersberg

Einmal, da hat auch er, der ansonsten unauffällige Notenwender, seinen verdienten Applaus bekommen. Angelo Volpini aus Ebersberg muss bei der Erinnerung lachen: In einem modernen Stück, es heißt "Techno Parade", "da gibt es eine Stelle, da müssen mehrere Stapel Papier auf bestimmten Saiten im Gehäuse des Flügels platziert werden. Dann muss die Pianistin mit der linken Hand die betreffenden Tasten anschlagen. Mit der Rechten streicht sie dann mit einer Zahnbürste über die Saiten. Da war das Umblättern schwierig, weil wir darauf achten mussten, uns nicht gegenseitig zu behindern. Anschließend musste ich das Papier wieder aus dem Flügel entfernen. Das alles zu üben, war ein wichtiger Teil der Proben", erzählt Volpini. Klingt nach einer sportlichen Aktion. "Es war das Schwierigste, was ich als Notenwender je erlebt habe. Danach hat die Pianistin mich auf die Bühne geholt, und ich durfte mich mit den anderen Musikern verbeugen".

Der Name des Notenwenders steht in keinem Programmheft, dabei ist seine Arbeit unentbehrlich. Ein Patzer von ihm kann den Fluss des Konzerts empfindlich stören. Er muss den Notentext Zeile für Zeile mitlesen, muss auf die Signale des Pianisten achten und immer vorausdenken. "Das Zeitfenster beim Umblättern ist klein", sagt Volpini. Wenn der Pianist beim letzten Akkord auf einer Seite angelangt ist, muss er bereits die erste Note auf der nächsten vor Augen haben, Verzögerungen darf es nicht geben.

Kurz bevor es soweit ist, erhebt sich Volpini geräuschlos von seinem Schemel, ergreift mit der linken Hand die rechte obere Ecke des Notenblatts, blättert zügig, aber ohne Hast um und setzt sich ebenso leise wieder hin. So kommt er dem Pianisten nicht ins Gehege. Wie anspruchsvoll die Arbeit des Notenwenders sein kann, zeigt ein berühmtes Beispiel: Ignaz von Seyfried, der bei der Uraufführung des dritten Klavierkonzerts von Ludwig van Beethoven diesen Dienst versah, berichtete anschließend, dass der Notentext aus "unverständlichen egyptischen Hieroglyphen" bestanden habe.

Angelo Volpini, 22 Jahre jung, stammt aus einer Musikerfamilie. Sein Vater ist Geiger, die Mutter Cellistin. Der klangvolle Name ist das Erbe seines italienischen Großvaters. Er selbst hat als Pianist bereits etliche Meriten erworben. Er nahm mehrmals am Landkreiswettbewerb teil, war bei "Jugend musiziert" erfolgreich. Zuletzt erreichte er zusammen mit einer Klarinettistin einen ersten Preis auf Bundesebene. Heute gehört er zum "Club der Pianisten" in München und konzertiert unter anderem in Nymphenburg, der Seidlvilla und bei der Langen Nacht der Musik.

Dem Kammermusikpublikum im Landkreis ist der elegante junge Mann mit den blonden Haaren längst vertraut. Als vor ein paar Jahren sein Vorgänger beim Kulturverein Zorneding-Baldham wegzog, wurde Volpini gefragt, ob er den Job übernehmen wolle. Bald darauf wurde er auch von Kurt Schneeweis, dem Leiter der Rathauskonzerte Vaterstetten, engagiert. Seither wird er nicht bloß für Konzerte gebucht. Oliver Triendl, künstlerischer Leiter der Zornedinger Reihe, hat den Ebersberger auch schon für eine CD-Einspielung ins Studio geholt.

Das Verhältnis zwischen Pianist und Notenwender sei eigen und fragil, erklärt Volpini, Zuverlässigkeit oberstes Gebot. Musiker und Beisitzer kommunizieren mit Hilfe kleiner Signale. Meist gibt der Pianist seine Kommandos mit einem kurzen Kopfnicken. "Es gibt aber auch Klavierspieler, die machen gar nichts. Sobald allerdings der Pianist einen anschaut, bedeutet das: Wir haben ein Problem!" Mit Triendl zum Beispiel laufe die Zusammenarbeit wunderbar. "Er und ich sind ein eingespieltes Team. Ich kenne seine Signale genau, und er kennt meinen Stil."

Damit alles klappt, muss sich der Notenwender schon vor der Aufführung intensiv mit den Stücken beschäftigen. Besonders zeitgenössische Werke seien oft kompliziert. Volpini erinnert sich noch gut an die Aufführung der Etüde "Herbst in Warschau" von György Ligeti. "Das ist ein atonales Werk ohne klare Melodielinie mit parallel abfallenden Tonleitern, begleitet von Sechszehntelnoten in beiden Händen." Ganz exakt musste er da mitlesen. Zudem habe der Pianist nur wenige Signale gegeben. "Da geriet ich ziemlich ins Schwitzen." Volpini wählt einen anschaulichen Vergleich: "Meist ist die Musik im Notenbild erkennbar. Wie bei einem Buch, da muss man auch nicht jeden Buchstaben einzeln lesen, um ein Wort, einen Satz zu verstehen. Nicht so bei Ligeti. Den muss man Note für Note lesen."

Schaut man Volpini bei seiner Arbeit am Klavier zu, dann wirkt er, als sei er die Ruhe selbst. Aufgeregt ist er vor seinen Einsätzen als dritte Hand des Pianisten nicht mehr. "Ich freue mich jedes Mal auf die Konzerte und habe eine gewisse Routine. Außerdem bietet sich mir so die Chance, erstklassige Konzerte zu erleben, ohne Eintritt zu zahlen und bedeutende Musiker live und aus der Nähe zu erleben."

Allerdings muss die Musik sich Angelo Volpini mit einer Wissenschaft teilen, die als nahe Verwandte gilt: der Mathematik. Das Studium von Algorithmen betreibt er mit derselben Akribie und Leidenschaft wie das der Akkorde und Tonsätze. Allerdings tut er das nicht im Hinblick auf einen späteren Beruf, wie er erklärt. Sondern einfach, weil es ihm in beiden Welten so gut gefällt.

Das nächste Mal als Notenwender zu erleben ist Angelo Volpini am Freitag, 11. Mai, um 17 Uhr im Ebersberger Alten Kino bei einem Konzert von Nina Karmon (Violine) und Oliver Triendl (Klavier)