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Innere Mission:Das soziale Neuhausen

Früher gefallene Mädchen, heute arbeitslose Frauen und psychisch Kranke: Jenseits der Villenviertel kümmert sich die Innere Mission in Neuhausen um Menschen in Not.

Ein elegantes rotes Kleid ziert die Schaufensterpuppe, vorsichtig fährt eine Kundin mit den Fingern über den glänzenden Stoff. Im Hintergrund beugen sich zwei Frauen über einen Entwurf, aus dem Gartenhaus ist das Klappern der Nähmaschine zu hören. Auf den ersten Blick wirkt das "kleidsam" in der Blutenburgstraße wie eine der Boutiquen, die in Neuhausen auf die betuchtere Kundschaft warten - und nicht wie eine evangelische Sozialeinrichtung.

Mode aus der Blutenburgstraße: In der Secondhand-Boutique kleidsam werden aus Kleiderspenden neue Kreationen.

(Foto: Foto: Fischhaber)

Doch in dem Laden werden ausschließlich umgearbeitete und aufgepeppte Kleiderspenden verkauft. Stolz präsentiert Isabel Ferro ihre neueste Kreation: eine Obelixhose mit grünem Ledergürtel, die sie aus einer alten Jogginghosen und einer Lederjacke genäht hat. "kleidsam" gehört zur Inneren Mission München, die mit dem Laden Arbeitsplätze für Frauen schafft, die wegen ihrer Lebenssituation auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen hätten - Ferro ist eine davon.

Nur ein paar Häuser von der bunten Secondhand-Boutique entfernt, in der Blutenburgstraße 162, eröffnete Ende des 19. Jahrhunderts das erste Projekt des kirchlichen Vereins. In der so genannten Bewahranstalt bekamen Babys und Kleinkinder aus armen Verhältnissen Essen und Trinken. "Bei den Hilfsdiensten ging es damals ums nackte Überleben, von Pädagogik war noch keine Rede", erzählt Günther Bauer.

Der Pfarrer ist der Geschäftsführer der Inneren Mission München - und auch er residiert in Neuhausen. "Hier waren früher Industriebetriebe und Brauereien mit ihren Arbeitern angesiedelt", erzählt Bauer und streicht sein graues Jackett zurecht. 1912 wurde in der Landshuter Allee Münchens erstes großes Kinderheim gebaut: das Löhe-Haus. Heute beherbergt es die Geschäftsstelle des kirchlichen Vereins.

Bauers Büro befindet sich im ersten Stock. Der Ausblick aus den großen Fenstern ist trist - blickt man auf die Landshuter Allee, kann man kaum glauben, dass in Neuhausen heute Münchens gehobene Mittelschicht wohnt. An der Wand erinnert ein schwarz-weiß Foto an Karl Buchrucker, der 1884 die Innere Mission gründete. "Die hygienischen Zustände waren damals unvorstellbar, noch 1873 sind in München 15.000 Menschen an Cholera gestorben", erzählt Bauer.

Der evangelische Stadtdekan Buchrucker wollte den Armen helfen und gleichzeitig die "sündigen Großstädter" missionieren. Neben Kindern und Trinkern waren es die "gefallenen Mädchen", an die sich die Hilfsdienste richteten. Im Jahresbericht von 1906 kann man lesen: "55 wilde Ehen suchten wir zu kirchlicher Eheschließung zu bringen, was in 26 Fällen gelungen ist."

3500 Helfer und 70 Millionen Euro Umsatz

Die Idee, sozial benachteiligten Menschen zu helfen, verfolgt die Innere Mission bis heute - "auch wenn heute in München niemand mehr verhungern muss", wie Bauer betont. Dennoch sind die Aufgabenfelder stetig gewachsen, so dass 125 Jahre nach der Gründung aus dem beschaulichen Verein ein gemeinnütziges Unternehmen mit rund 3500 Helfern und einem Jahresumsatz von 70 Millionen Euro geworden ist, das von Neuhausen aus gesteuert wird.

Zu den Angeboten des kirchlichen Vereins gehören heute Teestuben für Obdachlose, Heime für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Betreuungsangebote für Schuldner und Straffällige. Auch Flüchtlinge und Asylbewerber rücken zusehends in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. "Die Frage, die wir uns immer wieder stellen, ist, wie wir negative gesellschaftliche Entwicklungen abfedern können", beschreibt Bauer die Arbeit der Inneren Mission.

Derzeit werde die Hilfe für alte und psychisch kranke Menschen immer wichtiger. Neue Problemfelder sieht Bauer im Internet, wo das Mobbing immer neue Formen annehme. Gleichzeitig will das kirchliche Netzwerk auch sozialpolitische Akzente setzen. "Wir verstehen uns heute als Lobby für Menschen in Notlagen", sagt Bauer und ballt die Hand zur Faust.

Kämpfen für ein schöneres Leben - das wollen auch die Frauen von "kleidsam". "Das war mal eine Gardine", sagt Ferro stolz und zeigt auf die schicke rosa Weste aus Seide und Wolle, die ihre Kollegin trägt. Hauptsache warm - das war gestern. Heute entsteht in Neuhausen aus Kleiderspenden innovative Mode. Die Ideen sind den Frauen dabei noch lange nicht ausgegangen. Und auch die Innere Mission hofft auf weitere 125 Jahre mit vielen neuen, spannenden Projekten.

Die Feiern zum 125-jährigen Jubiläum der Inneren Mission stehen unter dem Motto "Menschen helfen - Netze knüpfen" und beginnen am 8. März mit einem Festgottesdienst in der Christuskirche. Im Mai und Juni steht die Geschichte der Inneren Mission im Vordergrund - am 27. Mai stellt beispielsweise Helmut Baier sein Buch "Liebestätigkeit unter dem Hakenkreuz" über das Wirken während der NS-Zeit vor. Bis Oktober sind weitere Aktionen geplant - so am 11. und 12. Juli ein Tag der offenen Tür. Mehr Informationen gibt es bei der Innere Mission München in der Landshuter Allee 40, unter 089/1269910 oder unter www.im-muenchen.de

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