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Hotel am Stachus:Abrissbazar im Königshof

Hotel Königshof Ausverkauf Abriss

Alles muss raus - der Königshof verkauft sein Inventar.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Königshof am Stachus muss einem Neubau weichen. Zum Ausverkauf der Möbel ist der Andrang so groß, dass nur 50 Leute gleichzeitig hinein dürfen.

Allzu viele Orte gibt es nicht in München, die Glamour und Luxus ausstrahlen und die große, weite Welt repräsentieren. Die traditionsreichen Luxushotels der Stadt gehören gewiss dazu, auch der Königshof am Stachus, obwohl seine Siebzigerjahre-Fassade in die Jahre gekommen ist, mit ihrer breiten Glasfassade im ersten Stock, die von älteren Münchnern mehr oder weniger liebevoll nur "Aquarium" genannt wird. Mit dem schönen Schein ist es aber bald vorbei, Ende des Monats rücken die Bagger an und zerlegen den Bau in seine Einzelteile. Zuvor aber kommen noch die Münchner zum Zug und nehmen (fast) alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist - gegen ein gewisses Entgelt allerdings. Es handelt sich hier ja schließlich um den Königshof.

Es dauert nur wenige Minuten nach Einlass, und der erste Polsterstuhl für 120 Euro und ein angelaufener Kerzenständer aus Messing finden ihren Weg aus dem Königshof. "Meine Tochter braucht einen Schminkstuhl", sagt die Käuferin, als sie zum Seitenausgang des Luxushotels verschwindet.

Extra früh war sie am Donnerstag gekommen, um pünktlich um elf Uhr etwas von dem Inventar aus 85 Zimmern, dem alten Sterne-Restaurant und der Lobby günstig zu ergattern. Bevor das Luxushotel am Stachus Ende Januar abgerissen und bis 2021 neu aufgebaut wird, soll an einem dreitägigen Bazar alles raus - oder besser gesagt das, was noch übrig ist. Schon in den vergangenen Monaten gingen die Hälfte aller Möbel an Hotelgäste weg, darunter das teuerste Stück: ein Sofa für 2200 Euro. Die Einnahmen des Flohmarkts gehen an das Unternehmen.

Es herrscht Blockabfertigung: Vor dem blauen Baldachin am Eingang stehen an die 150 Leute im Schnee, jeweils 50 Leute dürfen nach und nach rein. Wer drin ist, läuft an Tischlampen mit Marmorbeinen, an Schildern, auf denen in Schnörkelschrift frühere Zimmernummern prangen, vorbei. Für die TV-Geräte aus den Hotelzimmern interessieren sich die Leute hier weniger als für die teils 80 Jahre alten Möbel. Begehrt sind die Sekretäre aus Kirschholz, 600 Euro das Stück. Nach zehn Minuten ist die Hälfte verkauft. Bilder werden in Ikea-Tüten rausgetragen, ein Paravent im Mercedes-Cabrio weggefahren.

Wer hierher kommt, will entweder ein Souvenir als Erinnerung an alte Zeiten in den Händen halten. Oder er möchte überhaupt zum ersten und letzten Mal den Königshof betreten, bevor es zu spät ist. Der Neubau nach Plänen des spanischen Büros Nieto Soejano Arquitetos ist ja erst in drei Jahren fertig. Neun Stockwerke wird er hoch, der provokante Längsschnitt durch die Fassade erzürnte manche Traditionalisten, setzte sich aber letztlich in der Stadtgestaltungskommission durch. 130 Zimmer wird das neue Hotel haben. Ganz oben, im neunten Stock, wird es Restaurants geben, mit herrlichem Blick über die Münchner Altstadt.

Blockabfertigung am Hoteleingang

Doch es geht auch noch vier Stockwerke tief unter die Erde. Nicht ganz unkompliziert ist das, denn unter dem Haus verläuft der S-Bahn-Tunnel zwischen Haupt- und Ostbahnhof, und dort liegt auch das Stachus-Untergeschoss mit dem großen Einkaufszentrum. Sechs Läden dort, das wissen die wenigsten, gehören ebenfalls zum Hotel. Sie müssen nun während der Umbauphase weichen, wenigstens zeitweise. "Die waren sogar mit ein Grund dafür, dass die Sanierung so umfassend ausfällt", sagt Hotelier Carl Geisel, "da muss wegen der strenger gewordenen Auflagen sehr viel gemacht werden". Der Drogeriemarkt dm und die Modeschmuckfiliale Bijou Brigitte werden deutlich verkleinert, die Backwerk-Filiale, die Confiserie Hussel, der Callshop sowie der Imbiss Pizza e Succo müssen erst mal schließen. Wie es hinterher weitergeht, ist noch nicht klar. Man wolle den bisherigen Mietern im neuen Hotel nach Möglichkeit aber etwas anbieten, sagt Geisel.

Vorerst wird aber noch Umsatz gemacht, oben im Hotelfoyer, im Abrissbazar. "Für uns ist das wie ein Familienhotel", sagt Gabriele Stingl. Firmungen und Hochzeiten hat ihre Familie hier gefeiert. Die Münchnerin wollte sich zum Andenken einen goldenen Tischleuchter kaufen, auf dem klebte schon der rote Sticker "verkauft". Über eine Stunde hat sich mit ihrer Tochter angestanden. Zwei Lampen, ein Kunstbuch über Matisse und einen Hotelföhn nehmen sie mit. "Wenn ich den in den Händen halte, denke ich an den Königshof." Neben der Lobby, in der Weinboutique, kauft ein junger Mann eine reduzierte Flasche Rotwein - für einen Freund seiner Eltern, der in den Siebzigerjahren mal im Königshof gegessen habe. Nostalgische Schnäppchen wollen die einen hier machen, andere sind vom Bazar enttäuscht.

So die Münchnerin Petra Hirschmann, die zum ersten Mal im Königshof ist. In ihren Armen hält sie neun kleine Porzellanvasen. Für eine zahlt man einen Euro, das günstigste Teil des Bazars. Erwartet hatte Hirschmann Gläser, Silberbesteck, viel mehr Porzellan. All dies zieht aber mit ein in den neuen Königshof. "Gerade Silber und Porzellan wären heute viel teurer neu zukaufen. Die lagern wir ein für das neue Hotel", erklärt Michael Geisel, einer der drei Brüder, die das Hotel leiten. "Auch die Dinge, von denen es schwerfällt, sich zu trennen, bleiben da", womit er Kunstwerke aus der Lobby meint. Die anderen aber sind noch zu haben - an diesem Freitag und am Samstag, jeweils von 11 bis 20 Uhr.

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