Kritik:Im Abgrund

Kritik: Engagierter Animator ohne Showallüren: Daniel Grossmann dirigiert das JCOM.

Engagierter Animator ohne Showallüren: Daniel Grossmann dirigiert das JCOM.

(Foto: Robert Brembeck)

Das Jewish Chamber Orchestra Munich überwältigt mit Sarah Nemtsovs Celan-Oper "Herzland".

Von Reinhard Brembeck

"Ich kenne die Worte, auf die du hoffst und die ich nicht sagen kann." Das schreibt Gisèle 1968 an ihren Mann Paul Celan, er hatte in den Jahren davor erst Gisèle und dann sich umzubringen versucht. Der zitierte Satz findet sich zentral in Sarah Nemtsovs Kurzoper "Herzland", die von Gisèle und Paul via Briefen und Gedichten erzählt.

Deren für Kammerorchester und nur zwei Sänger gesetzte Musik wühlt sich dabei immer tiefer in die Seelenschründe Celans, in Regionen, die sich der Sprache entziehen, die nur der Musik zugänglich sind. Sarah Nemtsov hat dieses beängstigende und aufwühlenden Meisterstück für das heute als Jewish Chamber Orchestra Munich firmierende und vor fast 20 Jahren gegründete Ensemble und seinen Dirigenten Daniel Grossmann geschrieben, die es jetzt in den Kammerspielen im Rahmen eines Celan gewidmeten Konzerts wiederaufführten.

Dichteropern sind in der Moderne nicht selten, meist scheitern sie, weil die Beziehung zwischen Leben und Werk durch die Musik nicht vermittelt werden kann. Bei Nemtsovs Celan-Annäherung ist das anders. Die Komponistin verzichtet fast völlig auf die Hüllkurve der Äußerlichkeiten, sie lässt stattdessen die in Worte gefassten Verzweiflungen und Verliebtheiten von Gisèle und Paul aufeinanderkrachen.

Die Musik ist deren Verlängerungen ins Schmerzliche, ins Apokalyptische, dem sich Celan zuletzt nur durch den Freitod zu entziehen wusste. Christina Daletska und Peter Schöne stürzen sich zunehmend intensiv in den Kampf zweier Menschen umeinander, der nicht deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil die beiden nicht zueinander passen, sondern, die Musik deutet das unabweislich an, weil der Völkermord der Deutschen an den Juden sich für Celan zunehmend zum unbeherrschbaren Psychomonster auswächst.

Sarah Nemtsovs Dichterportrait gelingt auch deshalb, weil ihre Kammeroper ausgerechnet in den Kammerspielen ohne jede Szene aufgeführt wird. Nur die wunderbaren Musiker des Jüdischen Kammerorchesters sind auf der Bühne, Dirigent Grossmann ist engagierter Animator ohne Showallüren, die Düsternis der Bühne wird getoppt durch die zahllosen schwarzen, grauen und dunklen Farben dieser beständig um Luft und Leben ringenden Musik.

Dagegen haben es die beiden anderen Stücke des Abends schwer. Selbst die beiden für Orchester arrangierten Nummern aus Arnold Schönbergs einst revolutionärem Klavierzyklus Opus 11 klingen dagegen fast schon wie Unterhaltungsmusik, während Johannes X. Schachtners uraufgeführte "Rudimente" nach Gedichten von André du Bouchet, Celan hat sie übersetzt, nobel auf Distanz bleiben. Nemtsov geht da viel weiter. Sie reißt die tiefen Verletzungen in Celans Seele für den Hörer auf, sie verletzt damit ihrerseits.

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