Literatur:Immer wieder montags

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Literatur: Liebt "präzise Torheit": die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler.

Liebt "präzise Torheit": die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler.

(Foto: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag)

Heike Geißler beschreibt in "Die Woche" nicht nur die Herausforderung einzelner Tage, sondern die Ratlosigkeit einer ganzen Gesellschaft. Im Literaturhaus München liest sie nun aus ihrem Roman.

Von Antje Weber

Sie hüpfte auf Matten herum, wühlte sich aus Massen von Schaumstoffwürfeln heraus: In einem kurzen, einprägsamen Porträtfilm für den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sah man Heike Geißler im vergangenen Jahr dabei zu, wie sie beschwingt durch eine Sporthalle federte. Akrobatik imponiere ihr, sagte die Schriftstellerin dazu, und sie erzählte von einem Bild von Francisco de Goya, das sie vor allem wegen seines Titels "Präzise Torheit" fasziniere. Präzise Torheit bedeute für sie nicht Dummheit, sagte sie, sondern eher "ein Ereignis, eine Maßnahme, die sich in den Weg stellt". Man könne sie als "Hindernis" deuten, aber auch als "eine Bereicherung und eine Erweiterung".

Damit beschreibt Heike Geißler präzise auch ihr eigenes mitunter sperrig wirkendes, immer jedoch bereicherndes Tun. Die Leipziger Schriftstellerin hat vor einigen Jahren zum Beispiel durch ihr Buch "Saisonarbeit" auf sich aufmerksam gemacht, in dem sie so reflektiert wie differenziert den Selbstversuch eines Jobs bei Amazon beschrieb. Ihr neuer Roman "Die Woche" (Suhrkamp) nun - aus dem sie beim Bachmann-Preis Auszüge las, die mit unpräziser Dummheit verrissen wurden - mag manchen Lesern zwar als intellektuelle Zumutung erscheinen, anderen jedoch als kluges Gegenprogramm.

"Wir sind dumm, doof und dämlich."

"Wir sind dumm, doof und dämlich. Wir sind zu nichts zu gebrauchen. Wir sind komplett out of order. Wir merken ja gar nichts." Mit solchen Sätzen beginnt das Buch. Wer spricht da als "Wir"? Vielleicht die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Constanze, auf alle Fälle keine "überlebensgroße, machtvolle Erzählerin, die uns durch die Eingeweide einer Katastrophenwelt jagt und einer mehr oder weniger gut geplanten Katharsis übergibt". Vielleicht ist dieses "Wir" ja auch eine Art "Sprachrohr grob ausformulierter Gedanken anderer Leute", wie es später einmal heißt: "Wir sind die Stimme derer, die wir gar nicht mehr hören wollen." Und ja, man ahnt ganz richtig: Auch eine Handlung im Sinne eines geschmeidigen Storytellings ist in diesem regelsprengenden Roman nicht zu erwarten.

Und doch ist da ganz viel Inhalt drin: "Die Woche" handelt von einer Woche mit erschreckend vielen Montagen, an denen in Leipzig demonstriert und gegendemonstriert wird. Sie handelt von Investoren und Entmietungen, von Freude und Leid einer Mutter mit sichtbaren und unsichtbaren Kindern, von Körperlichkeit und Kapitalismus, von Riesen, Märchen und dem Tod. Vor allem jedoch beschreibt dieses Buch eine große Unsicherheit und Ratlosigkeit angesichts einer Welt, die nicht so ist, wie wir sie gerne hätten, die wir aber auch nicht konsequent zu ändern imstande sind. "Das ist der Text der Vergeblichkeit", heißt es einmal, und das klingt so müde, dass man es gar nicht glauben möchte, denn sonst gäbe es dieses ambitionierte Buch ja nicht. "Wir wollen versuchen, dem Montag in die Knie zu treten", heißt es an anderer Stelle kämpferischer. Und so denken wir uns die Autorin und uns selbst als kollektives "Wir" für heute einmal ganz dynamisch und entschlossen. Und hüpfen federnd, bisweilen um uns tretend, zu Heike Geißlers Lesung im Literaturhaus.

Heike Geißler: Die Woche, Fr., 22. April, 20 Uhr, Literaturhaus, Bibliothek, literaturhaus-muenchen.de

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