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Gräfelfing/Haidhausen:"Ich schaue nach vorne"

Nach ihrer Abwahl als Bürgermeisterin musste sich Uta Wüst beruflich neu orientieren. Nun leitet sie die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung

Interview von Annette Jäger, Gräfelfing/Haidhausen

Früher sah sie durch ihr Bürozimmer im Gräfelfinger Rathaus über grüne Baumwipfel, heute hat sie im 4. Stock an der Haager Straße am Ostbahnhof Bürohäuser, Gewerbe und ein Riesenrad im Blick. Nicht nur die Aussicht hat sich von dörflich zu urban gewandelt, auch der Job: Uta Wüst, bei den Kommunalwahlen im März überraschend abgewählte Bürgermeisterin von Gräfelfing, ist jetzt Leiterin der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS). Ein Gespräch über neue berufliche Chancen.

Frau Wüst, wie gefällt Ihnen Ihr neuer Arbeitsplatz?

Uta Wüst: Es ist wirklich alles sehr anders hier, viel urbaner und rundherum eine einzige Großbaustelle. Als Bürgermeisterin dauerte mein Arbeitsweg ins Rathaus zehn Minuten zu Fuß, jetzt bin ich Pendlerin. Ich finde es spannend hier, es geschieht gerade viel Stadtentwicklung vor meiner Tür, aus dem Fenster kann ich den Neubau der Philharmonie verfolgen.

Nach der Wahlniederlage im März waren Sie tief getroffen, enttäuscht und beruflich fehlte eine Perspektive. Wie sind Sie mit dem Tiefschlag umgegangen?

Von ihrem Bürositz aus hat Uta Wüst einen weiten Blick auf die Stadt - vor allem das im Werden befindliche Werksviertel.

(Foto: Gino Dambrowski)

Nach der verlorenen Wahl im März konnte ich tatsächlich keinen Plan B aus der Tasche zaubern. Mein Mann ist im TV-Geschäft tätig und hatte aufgrund der Pandemie keine Aufträge mehr, alle Drehtermine waren abgesagt. Wir wurden wie im Schleudersitz in die existenzielle Unsicherheit katapultiert. Für mich stand eine komplette Neuorientierung an. Es gab drei Monate lang Übergangsgeld, dann brauchte ich einen neuen Job. Zeitlich fiel das direkt in die Corona-Hochphase, das machte die Jobsuche nicht leichter. Am 1. Mai habe ich das Amt übergeben, am 2. Mai habe ich mit der Suche angefangen. Dabei habe ich mir überlegt, wo meine beruflichen Erfahrungen gebraucht werden könnten: als Bürgermeisterin und studierte Stadtgeografin, mit Erfahrung im Stadtmarketing, zudem war ich zehn Jahre lang selbständig als Immobilienmaklerin für denkmalgeschützte Häuser. Dabei fiel mir die MGS ein.

Hatten Sie Verbindungen zur MGS?

Haidhausen war tatsächlich das erste Sanierungsgebiet der MGS vor 40 Jahren. Damals war ich Geografie-Studentin und habe ein Referat über die MGS gehalten, auch über das gelungene Sanierungsviertel Haidhausen. Und dann war da die Stelle der Leitung der MGS ausgeschrieben.

Worin besteht Ihre neue Aufgabe?

Ich habe mehr als 40 Mitarbeiter, die in vier Teams und zum Teil in den diversen Stadtteilläden im Bereich der Städtebauförderung arbeiten. Ich koordiniere die Teams und bin Schnittstelle zwischen dem Planungsreferat und den Stadtsanierungsteams, stehe also zwischen Politik und praktischer Umsetzung von Entscheidungen. Das ist thematisch kein Neuland für mich. Ich habe als Bürgermeisterin viele Einladungen zu Tagungen und Vorträgen über Bauen und Wohnen bekommen, die Projekte der MGS sind mir also bekannt.

Die Stadt sozial erneuern

Die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) ist eine Tochter der städtischen Wohnungsbaugesellschaft München GWG. Sie versteht sich als Dienstleister für die Stadt bei allen Themen der Städtebauförderung. In dieser Rolle stößt sie unter anderem Projekte in sanierungsbedürftigen Quartieren an. Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit den Bewohnern Stadtviertel lebenswert und lebendig zu gestalten: mit sozialen und kulturellen Angeboten und guter Wohn- und Arbeitsqualität. Haidhausen und Giesing sind die Vorzeigequartiere dieser sogenannten sozialen Stadterneuerung, die die MGS seit mehr als 40 Jahren verfolgt. Aktuell ist die MGS in Moosach und Neuperlach aktiv. jae

Wie können Sie Ihre Erfahrungen als Bürgermeisterin einbringen?

Ein Team führen, Verständnis haben für Entscheidungswege und Abläufe im Stadtrat und zu wissen, wie ein Haushalt funktioniert - das sind wertvolle Kenntnisse, die ich mitbringe. Beim Einstellungsgespräch hieß es, auf dem Posten bräuchte man viel Geduld - die habe ich. Dass Projekte dauern, ist mir gut bekannt (lacht). Die Themen sind durchaus ähnlich, nur die Größenordnungen sind andere.

Was ist der größte Unterschied zum Bürgermeisteramt?

Dass ich jetzt eine Chefin habe! Ich stehe dafür nicht an vorderster Front, muss nicht mehr dauerpräsent sein und nicht für alles Verantwortung tragen, von großen Bauprojekten bis hin zu nichtgeleerten Mülleimern. Das ist durchaus ein angenehmer Aspekt.

Haben Sie Ihre Wahlniederlage inzwischen verarbeitet?

Das Büro zu räumen war ein schmerzhafter Abschied. Aber ich kann Person und Amt gut trennen und die Wahlniederlage inzwischen wegstecken. Ich gräme mich nicht täglich, sondern erfahre auf der Straße von Bürgern viel Zuspruch und Bedauern. Ich habe nicht das Gefühl, versagt zu haben. Mein Fokus liegt jetzt auf meiner neuen Aufgabe, und ich schaue nach vorne. Kommunalpolitisch bleibe ich bei der IGG (Interessengemeinschaft Gartenstadt Gräfelfing) aktiv und möchte mich bei der nächsten Mitgliederversammlung als Vorsitzende zur Wahl stellen.

© SZ vom 18.09.2020

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