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Gesundheitsversorgung:Das Ende der Zettelwirtschaft in Kliniken

Sebastian Limmer (links) und Alexander Ewald nutzen das Nida-Pad in ihrem Rettungswagen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Seit rund eineinhalb Jahren werden alle Patientendaten in den Rettungswagen bayernweit elektronisch aufgenommen.
  • Künftig sollen die Informationen an Münchner Kliniken digital in die Notaufnahme übertragen werden.
  • Einige Krankenhäuser stehen dem System und dem finanziellen Aufwand skeptisch gegenüber.

Alexander Ewald füllt die Patientenformulare längst nicht mehr mit der Hand aus. Wird der Münchner Rettungsassistent des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) zu einem Einsatz gerufen, dokumentiert er alle wichtigen Daten des Patienten auf einem Tablet: dem sogenannten Nida. Die Abkürzung steht für Notfall- Informations- und Dokumentationsassistent. Dieses Gerät wird seit etwa eineinhalb Jahren in allen Rettungswagen bayernweit genutzt.

Bisher musste Ewald diese Daten dann unterwegs meist ausdrucken, den Zettel in der Notaufnahme abgeben und weitere wichtige Informationen den Ärzten mündlich mitteilen. All diese Informationen sollen künftig bereits aus dem Rettungswagen digital in die Notaufnahme übertragen werden. Zumindest in einigen Münchner Kliniken. Andere stehen dem System, vor allem dem finanziellen Aufwand, skeptischer gegenüber.

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In der Notaufnahme des städtischen Klinikums Harlaching hängt seit einigen Monaten ein großer Bildschirm. Wird Rettungsassistent Ewald zu einem schweren Autounfall gerufen, laufen hier bereits die Daten ein, die er vom Nida-Pad aus dem Rettungswagen schickt. Das städtische Klinikum hat nun nach einer fünfmonatigen Testphase die digitale Datenübertragung in allen seinen vier Notfallzentren installiert. Die Ärzte bekommen so vor dem Eintreffen des Patienten Informationen. Das spare entscheidende Zeit und könne gerade bei schweren Unfällen, Herzinfarkten oder Schlaganfällen die Vorbereitungen verbessern, sagt Christoph Dodt, Chefarzt im Notfallzentrum Bogenhausen. Für Geräte und Software hat das Stadtklinikum nach Angaben von Dietmar Pawlik, dem kaufmännischen Geschäftsführer, einen niedrigen sechsstelligen Betrag investiert.

Durch das neue System können Ärzte bereits vorab ein EKG erhalten, Bildinformationen von einem Unfall, Messwerte über Blutdruck und Puls sowie Angaben zu Verletzungen. Das Team in der Notaufnahme könne sich anders vorbereiten, wenn es zum Beispiel ein Foto gesehen habe, wie der Patient in seinem Auto eingeklemmt war, sagt Ulrich Heindl, leitender Oberarzt im Notfallzentrum Harlaching. Es bringe auch Verbesserungen für die Rettungsdienste, ergänzt Sönke Lase, Leiter des BRK-Rettungsdienstes. Die Gespräche bei der Übergabe seien kürzer und man könne schneller zum nächsten Einsatz fahren.

Das städtische Klinikum ist nicht das erste Krankenhaus in München, das voll digital alle Daten aus den Rettungswagen empfangen kann. Das Helios Klinikum München West arbeitet bereits seit etwa eineinhalb Jahren mit dem System und hat gute Erfahrungen gemacht. Die Datenübertragung habe die Abläufe extrem beschleunigt, berichtet Alexander Manolopoulos, ärztlicher Leiter der Notaufnahme. "Wir können schneller reagieren." Natürlich müssten dafür alle Beteiligten gut mitarbeiten. "Aber bei uns klappt das gut", sagt Manolopoulos. Besonders für Neurologen sei es entscheidend, da gebe es oft nur ein kurzes Zeitfenster, um Schaden beim Patienten zu vermeiden.

Kritiker fragen: Bringt das System wirklich Zeitvorteile?

Andere Kliniken in München bezweifeln hingegen die Notwendigkeit, solch ein digitales, recht kostenaufwendiges System zu installieren. Johannes Maxrath, Chefarzt für Notfallmedizin vom Rotkreuzklinikum, sagt, er könne sich zwar durchaus gut vorstellen, das System zu implementieren. Es fehlten aber noch die wissenschaftlichen Daten, die belegen, dass das System tatsächlich Qualitäts- und Zeitvorteile für den Patienten bringe. Die aber seien notwendig, um die Anschaffung finanziell rechtfertigen zu können; denn die Kosten tragen die Kliniken. Außerdem erhielten die Kliniken bereits die wichtigsten Daten durch das Ivena-System, so Maxrath. Ivena ist ein Münchner Programm, auf das alle Kliniken und Rettungswagen Zugriff haben. Jeder kann dort online einsehen, welche Kliniken freie Kapazitäten haben. Einige Informationen, wie die, dass ein Patient mit Herzinfarkt eingeliefert wird, erhalten die Kliniken darüber vorab.

Auch Peter Biberthaler, oberster Unfallchirurg am Klinikum rechts der Isar, steht dem Kosten-Nutzen-Verhältnis des neuen Systems kritisch gegenüber. Zusätzliche Informationen wie Fotos vom Unfallort seien nicht unbedingt zielführend. Zudem werde der Patient in der Klinik sowieso noch einmal komplett untersucht. Alexander Manolopoulos dagegen sieht einen deutlichen Mehrwert gegenüber dem Ivena-System, da dieses nur ungefähre und oft nicht so genaue Aussagen und Daten übermittle.

Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und im Klinikum Dritter Orden zeigt man sich der Entwicklung grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. In beiden Kliniken gibt es aber noch keine konkreten Zeitpläne, die digitale Datenübertragung einzuführen.

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