Gedenkfeier "Nein, meine Damen und Herren: Es liegt nicht hinter uns"

"Auftrag an die Politik, dass es nie wieder passieren darf": Ministerpräsident Markus Söder (rechts) und Oberbürgermeister Dieter Reiter flankieren bei der Gedenkfeier Charlotte Knobloch.

(Foto: Robert Haas)

Vor genau 80 Jahren wurde Charlotte Knobloch Augenzeugin, als in München die Ohel-Jakob-Synagoge in Flammen stand. Heute fragt sie sich, wie Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig werden konnte.

Von Martin Bernstein

"Warum kommt denn nicht die Feuerwehr?" Das sechsjährige Mädchen steht auf der Herzog-Rudolf-Straße in der Altstadt. Ganz fest hält es die Hand des Vaters. Die Ohel-Jakob-Synagoge steht in Flammen, Glas splittert, Brandgeruch hängt in der Luft. Kurz zuvor ist ihr Vater, der Rechtsanwalt Fritz Neuland, gewarnt worden: "Es ist etwas gegen die Juden im Gange. Gehen Sie mit Ihrer Familie auf die Straßen." Das Mädchen wird Augenzeugin, wie der antisemitische Mob durch Münchens Straßen tobt. Wie jüdische Menschen misshandelt und verschleppt, Geschäfte zerstört und geplündert werden. Das Signal zu diesem planmäßig vorbereiteten Pogrom hat Joseph Goebbels gegeben, in einer Rede vor NSDAP-Mitgliedern im großen Saal des Münchner Rathauses am 9. November 1938.

Auf den Tag genau 80 Jahre später steht Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), in eben diesem Saal am Mikrofon. Sie war das kleine Mädchen aus der Herzog-Rudolf-Straße. Sie hat überlebt. Sie berichtet, was sie in jener Nacht gesehen, gehört, gefühlt hat. Und sie warnt. Ein leiser Satz ist es, den die 86 Jahre alte Münchner Ehrenbürgerin sagt - und zugleich ein Aufschrei: "Nein, meine Damen und Herren: Es liegt nicht hinter uns." In ihrem Redemanuskript hat sie das Wort hervorgehoben.

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Und sie meint damit nicht die letzten noch lebenden Täter. Sie spricht von der Dauerhaftigkeit des Judenhasses. "Diesen Hass, diese Abneigung erleben wir heute genauso rein und ungefiltert", sagt Charlotte Knobloch, "wie ich ihn 1938 als kleines Mädchen in den Gesichtern der Menschen gesehen habe, die taten- und teilnahmslos danebenstanden, als die rauchenden Überreste der Synagoge in sich zusammenstürzten."

Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Leipzig sagt einer von zehn Deutschen ausdrücklich, "dass Juden etwas Besonderes an sich haben und nicht so recht zu uns passen", weitere 20 Prozent stimmen dieser Aussage latent zu. Rund 40 Prozent der Befragten liebäugeln mit autoritären Strukturen - nur 30 Prozent sind überzeugt demokratisch orientiert. In Bayern hat sich die Zahl rechtsextremistisch motivierter antisemitischer Delikte binnen vier Jahren nahezu verfünffacht. Die Münchner Polizei registrierte in diesem Jahr schon mehr als 50 antisemitische Straftaten. "Ich frage mich wirklich", sagt Charlotte Knobloch, "wie wir 80 Jahre nach 1938 heute wieder an diesem Punkt stehen können". Die Lage sei nicht direkt mit der von damals vergleichbar, "aber sie ist noch schlimmer, als ich es lange für möglich gehalten habe".

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Knoblochs Vorredner, haben es noch vermieden, direkt auf die AfD einzugehen. "Erschreckend" sei es, sagt Reiter, wie sich "derzeit das Parteienspektrum ändert und damit antisemitische Einstellungen oder besser gesagt Zumutungen verstärkt in den öffentlichen Diskurs hineingetragen werden". Söder wendet sich in seiner Rede gegen "alte Parolen von neuen Rechten in den Parlamenten" und fordert, die Demokraten müssten sich "unterhaken". Denn Rechtsextremisten befänden sich weltweit auf dem Vormarsch.

Ermordete, misshandelte und verschleppte Menschen, zerstörte und geplünderte Geschäfte: "Bis heute sehe ich die eingeschlagenen Fensterscheiben des Kaufhauses Uhlfelder im Rosental", erinnert sich bei der Gedenkfeier Charlotte Knobloch an die Pogromnacht vom 9. November 1938.

(Foto: Stadtarchiv München)

Charlotte Knobloch, die als Sechsjährige ohne es damals zu wissen Zeugin wurde, wie am 9. November 1938 das Tor zu Auschwitz aufgestoßen wurde, fragt, was aus dem Versprechen des "nie wieder" geworden sei, das man ihrer Generation gegeben habe. Der Hass, sagt sie, sei "unter uns". Und er manifestiere sich "in einer politischen Partei, die sich inzwischen in allen Parlamenten unseres Landes festgesetzt hat und die gerade keine Alternative für unser Land ist". In und mit dieser Partei habe der Antisemitismus erneut eine politische und gesellschaftliche Heimat gefunden.

"Die Gefahr von heute ist die gleiche wie die Gefahr von damals"

Antisemitismus werde weiterhin kleingeredet, geleugnet und relativiert, stellt die IKG-Präsidentin fest, oder er werde wegerklärt - als angeblicher Witz, als Missverständnis, als Überempfindlichkeit, werde als Kunstform getarnt oder als "Israelkritik". Alles, was jüdische Menschen in Deutschland wollen, so Knobloch, sei es, "in diesem - unserem - Land in Freiheit und Sicherheit zu leben, so wie jeder andere auch". Wo jüdisches Leben ohne Angst nicht möglich sei, liege etwas Grundsätzlicheres im Argen.

"Die Gefahr von heute ist die gleiche wie die Gefahr von damals", sagt Charlotte Knobloch. Bloße Bekenntnisse gegen Judenhass genügen ihr nicht mehr. Den Worten müssten Taten folgen. Vielleicht hat Söder das auch gemeint, als er das "Unterhaken" der Demokraten anmahnt, und Reiter, als er von "der ganzen Kraft unserer Demokratie, Kultur und Humanität" spricht. Ein Satz des kleinen Mädchens Charlotte Neuland wartet indes nach 80 Jahren noch immer auf Antwort: "Warum kommt denn nicht die Feuerwehr?"

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