SZ-Adventskalender:Von weit oben in die Pleite

SZ-Adventskalender: Manchmal spielt der 71-Jährige Lotto. Mit dem Geld will er in Spanien zwei Dörfer für bedürftige Kinder aufbauen.

Manchmal spielt der 71-Jährige Lotto. Mit dem Geld will er in Spanien zwei Dörfer für bedürftige Kinder aufbauen.

(Foto: Privat)

Philip P. ist so erfolgreich im Beruf, dass er mit Ende 40 in Rente geht. Doch mit dem Finanzcrash verliert er alles, dazu erkrankt er schwer. Nun ist er auf Unterstützung angewiesen.

Von Ariane Lindenbach, Emmering

Philip P. hadert nicht mit seinem Schicksal. Dabei hätte der 71-Jährige allen Grund dazu. Nach einem ebenso erfolgreichen wie abwechslungsreichen Berufsleben, das ihn um die halbe Welt führte und ihm ein Leben im Luxus ermöglichte, "bin ich heute ein Sozialfall". Das stellt der Emmeringer in ganz neutralem Tonfall fest, es schwingt kein bisschen Bitterkeit oder Bedauern mit. Dabei kommt zur finanziellen Eingeschränktheit auch noch eine körperliche: Krankheitsbeding kann er sich in seiner barrierefreien Wohnung nur noch mithilfe eines Rollator fortbewegen. Dennoch glaubt man ihm sofort, wenn er erklärt, er sei dankbar, hier in Deutschland ein weitgehend abgesichertes, wenn auch bescheidenes Leben führen zu können. Als Folge der Bankenkrise in den USA hat Philip P., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sein ganzes Vermögen verloren. Sein bescheidenes Einkommen reicht nicht für größere Anschaffungen. Der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung möchte ihm nun eine Küche finanzieren.

1952 wird Philip P. in München geboren. Die Mutter ist alleinerziehend, die Familie nicht ganz unbekannt. "Ich komme aus einer Sozenfamilie, weil mein Ururonkel Friedrich Ebert war", erklärt P. Er besucht das Wittelsbacher-Gymnasium und läuft als Teenager in den Sechzigerjahren bei den Demos in der Ludwigstraße mit. Noch bevor er 18 ist, packt er seinen Seesack und seine Ersparnisse - etwa 500 Mark, wie er heute schätzt - und stellt sich in Ramersdorf an die Autobahneinfahrt.

"Es war die beginnende Hippie-Zeit", sagt er, damals seien regelmäßig Fahrzeuge mit jungen Menschen in Richtung Indien, vor allem nach Goa, gefahren. "Ich musste nur warten, bis ein bunter Bus vorbeikam." Der junge Mann aus München erreicht sein Ziel in Südindien und bleibt dort ein paar Jahre. In dieser Zeit sammelt er viele wertvolle Erfahrungen und verliebt sich in eine Argentinierin - die Liebe seines Lebens, wie er ein halbes Jahrhundert später in seiner Wohnung in Emmering sagt. Als seine Gefährtin zurück in ihrer Heimat muss, kehrt auch Philip P. zurück nach München.

Damals hat P. das richtige Gespür: Er kauft von seinem letzten Geld in Indien ein Dutzend Jacken aus Ziegenleder und bringt sie mit nach Deutschland, wo er sie gewinnbringend verkauft. Die Mutter ist über seine Rückkehr äußerst glücklich. Und als er dann auch noch Wirtschaftswissenschaften an der LMU studiert, läuft alles super für ihn. Und die Glückssträhne setzt sich fort. Gegen Ende seines Studiums wird er von einer britischen Unternehmensberatungsfirma angeworben, die in München eine Filiale eröffnen will. Seine Erfahrungen in Indien hätten sich wohl herumgesprochen und ihn für den Job qualifiziert, vermutet Philip P.

Er ist damals Mitte 20, es sind die Siebzigerjahre. Und er bekommt einen Anfangsgehalt von 4000 Mark. "Das war unfassbar viel Geld für mich", erzählt er. Der Übergang ins Berufsleben erfolgt also sehr vielversprechend. Seine Auslandserfahrung und insbesondere seine Spanischkenntnisse dank seiner argentinischen Freundin, zu der er bis heute Kontakt hat, kommen ihm später ein weiteres Mal zugute. Wieder wird er von einem großen internationalen Konzern angefragt. Diesmal soll er in Panama den Aufbau einer Filiale unterstützen. Er sagt zu und bleibt letztlich mit Unterbrechungen bis 1998 in dem mittelamerikanischen Staat. In dieser Zeit verdient er so viel Geld, dass er beschließt, in den Ruhestand zu gehen, vermeintlich gut abgesichert mit drei Lebensversicherungen und weiteren finanziellen Sicherheiten.

Mit nicht einmal 50 Jahren kauft er sich als Alterssitz in Grünwald eine Wohnung, "eine kleine Dachterrassenwohnung, und ich habe natürlich Golf gespielt" - im ältesten Golfclub Bayerns in Straßlach. "Ich war so verrückt, ich hatte damals einen Bentley in der Garage", lacht Philip P. Und ergänzt: "Ich habe ein angenehmes, gesittetes, wohlsituiertes Leben geführt. Ein völlig sinnloses, faules, Geld ausgebendes Leben."

Den Großteil seines Vermögens hat er bei einer US-amerikanischen Bank angelegt, das sei damals in Panama so üblich gewesen. Mehrere Jahre genießt P. seinen Ruhestand. Dann kommt die Bankenkrise, die 2007 zunächst Kreditinstitute in den Vereinigten Staaten und dann rund um den Globus in den Ruin stürzt - auch seine Bank ist dabei. In der Folge verliert der Emmeringer sein gesamtes Vermögen. "Ich habe meine Investments verloren, ich habe meine drei Lebensversicherungen verloren, ich habe sogar meine Ansprüche an meinen Arbeitgeber verloren." Auch seine Wohnung ist weg, weil er die Kredite nicht mehr bedienen kann. "Ich hatte nur noch eine kleine Barreserve im fünfstelligen Bereich."

Durch eine Krankheit wird er berufsunfähig

Natürlich habe er damals mit Mitte fünfzig versucht, noch einmal ins Berufsleben einzusteigen, alte Kontakte zu nutzen. Doch dafür sei seine Pause zu lange gewesen; seine Versuche blieben ohne Erfolg. Seit 2009 ist Philip P. auf staatliche Unterstützung, damals Hartz IV, angewiesen. Zudem wird bei ihm eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert, die ihn berufsunfähig macht und zunehmend seine Mobilität einschränkt. Dennoch ist er mit seinem Leben nicht unzufrieden. "Ich bedaure meine jetzige Situation nicht", sagt der 71-Jährige und ergänzt: "Man hat im Leben keinen Anspruch, dass es einem immer gut geht." Er sei dankbar für das, was er habe: ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und viel Zeit zum Lesen und Nachdenken.

Philip P.'s sozialistische Prägung schlägt bis heute durch. Gelegentlich spielt er Lotto, jedoch nur, wenn der Jackpot zig Millionen Euro hoch ist. Denn er hat einen Traum: Sollte er gewinnen, will er nach dem Vorbild der SOS-Kinderdörfer in Spanien zwei Dörfer herrichten; dort sollen Kinder eine gute Ausbildung erhalten. Auch während seiner Zeit in Mittelamerika hat der Emmeringer sich sozial engagiert. Einem indigenen Volk auf den San-Blas-Inseln bei Panama organisierte und finanzierte er medizinische Versorgung. Und einer bedürftigen Frau in München sponserte er anonym regelmäßig Essen. Vielleicht hilft das nun dabei, dass auch ihm Gutes widerfährt. Jedenfalls glaubt P. an so etwas wie Karma: "Ich bin überzeugt, wenn man Gutes tut, solange man es kann, dass das wieder zu einem zurückkommt."

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