Mammendorf Wiedersehen nach vier Jahren

Nach ihrer Flucht aus dem ostafrikanischen Somalia kann eine Mutter am Samstag nach quälend langer Trennung endlich ihre drei Töchter in die Arme schließen. Und zwei Kinder lernen ihre älteren Geschwister kennen

Von Stefan Salger, Mammendorf

Man hält buchstäblich den Atem an angesichts dieser Szene: Am Samstagnachmittag um kurz vor 15 Uhr steigen vor der evangelischen Kirche in Mammendorf drei Mädchen etwas unsicher aus dem weißen Auto. Sie werden in die Arme geschlossen von einer jungen Frau mit schwarzem Kopftuch: Ifrah Mohamed, die vor vier Jahren aus dem ostafrikanischen Somalia flüchten musste. Asylhelfern ist es nun gelungen, ihre drei Töchter aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land nachzuholen. Die drei Mädchen lernen erstmals ihre beiden auf der Flucht sowie in Deutschland geborenen Geschwister kennen. Es fließen Tränen der Freude.

Kafiyo, Sadiyo und Hamd (mit Kopftüchern) werden von ihrer Schwester Mayda sowie Mutter Ifrah Mohamed, Stiefvater Salaad Baschir und Asylhelferin Roswitha Reiser in die Arme geschlossen.

(Foto: Günther Reger)

Eine wahre Odyssee liegt hinter der Familie: Ifrah Mohamed wird vor zehn Jahren in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten ostafrikanischen Land als 15-Jährige mit einem 60 Jahre älteren Mitglied der Al-Shabaab-Miliz zwangsverheiratet. Nach dessen Tod reklamiert sein Clan die Kinder. Und Ifrah, die in der Hauptstadt Mogadischu erneut heiratet und sich weigert, wird von ihnen zum Tod durch Steinigen verurteilt. Ifrah Mohamed und ihr Mann Salaad Baschir, 29, fliehen deshalb vor vier Jahren Hals über Kopf. Die drei Mädchen wollen sie den großen Risiken einer solchen Reise nicht aussetzen und geben sie in die Obhut von Salaads Eltern. Zwei Jahre dauert die Flucht - zwischenzeitlich arbeitet das Paar, um sich die Weiterreise über Sudan, Libyen und Italien zu verdienen. Fehlt es an Schmiergeld, landen sie schon mal im Gefängnis. Vor zwei Jahren gelangen sie schließlich nach Mammendorf. Damals hört Asylhelferin Roswitha Reiser erstmals von der getrennten Familie und dem großen Schmerz der Mutter. Gemeinsam mit weiteren Helfern und unterstützt von der Türkenfelder Bundestagsabgeordneten Katrin Staffler schafft sie es schließlich, die Weichen zu stellen fürs Happy End. Die Kinder werden nach Nairobi gebracht - denn nur im Nachbarland Kenia gibt es eine deutsche Botschaft. Dort nimmt sie der aus Deutschland stammende Pfarrer Johannes Löffler auf, ein guter Bekannter des Grafrather Pfarrers Christian Dittmar.

Willkommensgruß auf Somalisch.

(Foto: Günther Reger)

Löffler trifft mit etwas Verspätung am Samstagnachmittag ebenfalls in der evangelischen Kirche ein. Er wird dort erwartet von einer großen Schar Unterstützer und Freunde. Etwa zehn in Mammmendorf lebende Asylbewerber aus Ländern wie Eritrea, Nigeria, Pakistan und der Zentralafrikanischen Republik sind gekommen, ebenso wie einige in anderen Orten des Landkreises lebende, traditionell gekleidete Frauen aus Somalia. Gekommen sind auch Bürgermeister Josef Heckl, Pfarrgemeinderatsvorsitzender Stefan Bauer, Pfarrerin Sabine Huber, viele Asylhelfer und der frühere Zweite Bürgermeister Erwin Wieser. Vor allem ihm gilt der besondere Dank von Roswitha Reiser. Denn vor ein paar Tagen wäre die Rückreise der drei Mädchen fast noch in Gefahr geraten: Nachdem eine vorübergehende Unterbringung in leer stehenden Räumen der Asylunterkunft aus baulichen Gründen untersagt wurde und die Renovierung der Gemeindewohnung wohl noch drei Monate dauern wird, stellte Wieser eine Wohnung zur Verfügung. Dass jemand ohne Zögern "eine siebenköpfige Familie mit dunkler Hautfarbe" aufnehme, verdiene große Anerkennung, lobt Reiser. Unter ihr am Rednerpult hängt ein Plakat mit der Botschaft "Herzlich willkommen, liebe Mädchen, wir haben euch lieb" - auf Somali. Carina, 14, und Steffi, 10, haben sich dafür eines Übersetzungsprogramms im Internet bedient, wie sie lachend einräumen. Die erste große Aufregung hat sich bei Kafiyo, 9, Sadiyo, 8, und Hamd, 5, bereits gelegt. Sie halten die Hand ihrer Geschwister Mayda, 3, sowie Sakarija, 1, und lassen sich von allen geduldig umarmen und fotografieren. Die Augen von Ifrah Mohamed leuchten. Sie dankt den Asylhelfern. "Das ist wirklich der glücklichste Moment meines Lebens" sagt sie. Ihr Mann Salaad Baschir nickt. Beide sprechen schon ein wenig Deutsch, sind als Flüchtlinge anerkannt und sehen für sich eine Zukunft in Mammendorf. Baschir hat bereits eine Anstellung als Lagerarbeiter gefunden. Gelingt es, die beiden älteren Schwestern in einer Integrationsklasse und Hamd im Kindergarten unterzubringen, wäre das Familienglück perfekt.

Von links: Bürgermeister Josef Heckl, Asylhelfer Günter Mairhörmann, Erwin Wieser.

(Foto: Günther Reger)

Ein Schatten freilich liegt über der kleinen Feier in der Kirche: Eine junge Frau, die die Kinder nach Kenia gebracht hatte, war in die Hände der Terrormiliz gefallen und schwer misshandelt worden. Sie wird in Nairobi von einer Hilfsorganisation betreut. Zurzeit wird geprüft, ob die traumatisierte Somalierin ebenfalls nach Deutschland geholt werden kann.