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Fürstenfeldbruck:Wintersport ist mehr als Sport

Im vergangenen Februar hat Richard Müller noch das 40-jährige Bestehen seines Betriebes gefeiert. Dann kam ein Lockdown nach dem anderen. Der Blick auf verschneite Berghänge ist getrübt - und das Foto an der Wand nur ein schwacher Trost.

(Foto: Günther Reger)

Die Skischule Müller darf zwar Ausrüstung verleihen, im Lockdown aber keine Kurse mehr anbieten. Inhaber Richard Müller betont, dass dies nicht nur ein finanzieller, sondern auch sozialer Verlust ist. Er glaubt, dass viele Senioren ihre Skier nun gar nicht mehr aus dem Keller holen

Von Patricia Unterlechner, Fürstenfeldbruck

Eine Skischule ohne Skikurse, geht das ? Nein, sagt Richard Müller, 66, Chef der gleichnamigen Skischule in Fürstenfeldbruck. Dabei geht es ihm gar nicht vorrangig um die finanziellen Einbußen, die ihm die Corona-Pandemie beschert. "Eine Skischule definiert sich über die sozialen Bindungen zwischen den Kunden untereinander und zu den Skilehrern". Und die Bindung gibt es gerade gar nicht mehr.

Im Februar vor einem Jahr feierte die Skischule Müller ihr 40-jähriges Bestehen. Im März musste sie dann coronabedingt schließen. Alle Skikurse wurden abgesagt, die täglichen Busfahrten waren passé. Auf die erste Welle folgte im Herbst die zweite. Und wieder ruhte der Betrieb. Während des Lockdowns light Anfang November durfte nur noch ein Skiservice mit Verleih und Verkauf angeboten werden. Die Kurse aber mussten wieder abgesagt werden - so ist das bis heute. Für Richard Müller ist es ein herber Dämpfer, ebenso wie für seine Kunden. "Da gibt es Gruppen, die über zehn oder zwanzig Jahre entstanden sind und die sich beispielsweise dann jeden Mittwoch zum Skifahren treffen", erzählt er. "Oder andere, die sich im Januar nach dem Kurzurlaub in Osttirol gleich wieder fürs nächste Jahr anmelden".

Seit 1979 hat sich die Ski- und Surfschule rund um Müller zu einer festen Institution im Zentrum von Bruck entwickelt. Angefangen haben sie mit den Kleinsten. Von Fürstenfeldbruck aus geht es für die Vier- bis Sechsjährigen Richtung Lenggries/Wegscheid ins Skigebiet Brauneck. Die Jugend von 14 Jahren an fährt dann eher nach Garmisch-Partenkirchen, wo für alle Leistungsklassen die richtige Piste zu finden ist. Gestartet wird meistens um 7.30 Uhr in und um Fürstenfeldbruck, damit man dann gegen neun Uhr die Skier anschnallen kann. Doch der Kurs beginnt nicht erst mit der Liftfahrt nach oben, sondern bereits im Bus. Mit einem Kasperletheater rund ums Thema Skifahren können die Kinder spielerisch lernen. Auch für Schulen und Kindergärten hat die Skischule immer wieder "Wandertage" für den Skianfang organisiert. Normalerweise wäre die Skischule jetzt jeden Tag in kleinen Gruppen von fünf bis acht Mitgliedern unterwegs. Dabei gibt es für die kleinen immer einen Tag Erholung zwischen zwei Skitagen.

Dass ihm seine Stammkundschaft nach Corona wegfallen könnte, davor hat Richard Müller keine Angst. Mehr Sorgen bereiten ihm "seine" Senioren. Es gibt viele Gruppen, in denen die jüngsten Mitglieder mindesten 65 Jahre alt sind, die sich das letzte Jahr nicht getroffen haben. Er hat Angst, dass nach der Corona-Pause viele nicht mehr zurückkommen und die Skiausrüstung für immer in den Keller verbannen. Auch einige der älteren Skilehrer haben mit Beginn der Corona-Pandemie ausgesetzt, aus Angst, sich anzustecken. Einige von Ihnen haben als Studenten ihre Skilehrerprüfung bei ihm gemacht und sind dann geblieben. Möglicherweise kommen auch sie nicht mehr zurück. Dazu kommt, dass eine neue Generation Skilehrer, die jeweils im November auf den Gletschern ihre Ausbildung absolviert, in dieser Saison wegfällt.

Eine Ausbildung beginnt mit einer viertägigen technischen Schulung für alle Absolventen. Dieser erste Abschnitt ist absichtlich kurzgehalten, denn bereits nach den ersten Tagen entscheiden sich einige dafür, nicht mit der Ausbildung weiterzumachen. "Vielen wird hier klar, dass sie lieber für sich Skifahren gehen als mit einer Kindergruppe", erklärt der Gründer. Die Übriggebliebenen hospitieren dann für ein paar Tage bei den älteren und erfahreneren Skilehrern. Dabei geht es darum, ein Zeitmanagement zu entwickeln und ein Gefühl für den Tagesablauf zu bekommen. "Beispielsweise unterschätzen neue Lehrer gerne, wie oft kleine Kinder eine Pinkelpause einlegen müssen", so Müller.

Seine festangestellten Mitarbeiter hat er bereits in Kurzarbeit geschickt. Doch auf das Kurzarbeitergeld von November warten sie noch. Inzwischen musste die Skischule ihnen für die letzten drei Monate das Gehalt vorstrecken. Lange können sie das nicht mehr machen, denn irgendwann wird auch die Bank nicht mehr mitspielen. Den jungen Skilehrern, die in ihrem Urlaub und in den Ferien Kurse gegeben haben, mussten sie sagen: "Sucht euch etwas anderes."

Bliebe noch die Surfschule: Der Sommer in Bayern ist freilich meist kurz: Juli und August. Die Skischule von Dezember bis Ostern bleibt also das Hauptgeschäft. Eigentlich haben sich die Winter in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Februar oder März verschoben. Meist wird bereits im November und Dezember durch Kunstschnee ein solider Untergrund auf der Piste geschaffen, so dass es für Januar und Februar reicht. Für die Kinderskikurse in Lenggries am unteren Hang ist wenig Schnee ein kleineres Problem als für ältere Gruppen, die das ganze Skigebiet nutzen wollen. Für Erwachsen bietet die Skischule auch Touren über mehrere Tage in die Schweiz oder nach Frankreich an. Es gibt es einen Trend zu kürzeren Urlauben. Auch das Thema Skitouren ist im Wandel: Der kleine Bestand an Skitourenausrüstung war in diesem Jahr schnell ausverkauft. Da die Lifte in Bayern weiter geschlossen bleiben, suchen mehr Skifahrer nach einer Alternative. Viele haben sich deshalb eine Skitourenausrüstung zugelegt, um auf den präparierten Pisten die Berge zu besteigen.

Immerhin soll von diesem Montag an in Bayern nun doch das "Click and Collect"-System möglich sein. Auch die Skischule kann dann wieder online Ausrüstung zur Abholung im Laden anbieten. Aber das wird an der eigentlichen Lage wenig ändern. Richard Müller: "Im nächsten Winter werden wir wohl wieder bei null anfangen müssen."

© SZ vom 11.01.2021/van
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