Fürstenfeldbruck Ein Kampf ums Überleben

Eskortiert von den Beamten und sieben Hundeführern mit ihren Tieren mit Maulkörben, setzt sich um 9.08 Uhr der Zug der Demonstranten Richtung Gerblkeller in Bewegung. Als Polizeibeamte nachdrücklich versuchen, einige Männer im Bereich des Gerblparks von der Fahrbahn zu drängen, kommt es doch noch zu Handgreiflichkeiten. Ein Mann in roter Jacke wird von drei Beamten am Boden fixiert und, ebenso wie eine Frau, abgeführt. Auf der Straße bleibt ein grünes Transparent liegen. "We need Freedom" - wir brauchen Freiheit, steht darauf. Die Lage droht erneut zu eskalieren, bellende Hunde werden in Position gebracht, die Beamten halten demonstrativ ihre Schlagstöcke hoch.

Gegen 10 Uhr beruhigt sich die Lage aber langsam. "Wir brauchen Hilfe", erklären mehrere Asylbewerber, die auf einer Bank sitzen. Ebenso wie viele andere Bewohner der Asylunterkunft am Fliegerhorst kommen sie aus Nigeria, sind über Italien eingereist und leben teils seit mehr als einem Jahr in Sechs- oder Achtbettzimmern der mit etwa 1000 Bewohnern voll belegten Sammelunterkunft.

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Im Zuge des sogenannten Dublin-Verfahrens haben sie in Deutschland aber kaum Aussicht auf Asyl. Sie sollen vielmehr nach Italien zurückgeführt werden. Das Taschengeld und die MVV-Monatskarte seien gestrichen worden, das Essen ungenießbar, die medizinische Behandlung sei schlecht und Säuglinge bekämen nicht die richtige Babynahrung.

Ein anderer mutmaßt, das Essen werde mit Drogen versetzt, um die Bewohner ruhigzustellen. "Wir leben mit zwei anderen Familien in einem Raum", schimpft eine Frau. "Das ist Rassismus." "Sie behandeln uns wie Tiere", pflichtet der 28 Jahre alte Timothy aus Ghana bei. Die Regierung solle endlich einen hochrangigen Vertreter in die Unterkunft schicken, der sich ein Bild von den unhaltbaren Zuständen machen solle, fordert ein Wortführer. Dann machen sich alle auf den Weg zurück in die Unterkunft, eskortiert von Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei.

Willi Dräxler, Integrationsreferent im Brucker Stadtrat, sieht das Landratsamt in der Mitverantwortung. Der Kreis entscheidet darüber, wer wegen einer zumutbaren, aber verweigerten Rückreise ins erste Einreiseland - meist Italien - sanktioniert wird. Gewinnt die Behörde den Eindruck, dass ein Asylbewerber nicht mitzieht, streicht sie die 95 Euro Taschengeld sowie das Zugticket. Nach SZ-Informationen sollen etwa hundert Personen betroffen sein.

Dräxler hat Verständnis dafür, dass niemand bereit sei, nach Italien zurückzukehren. Dort kümmere sich niemand um die Flüchtlinge, für sie werde es dann ein Kampf ums Überleben. Dräxler ärgert sich aber auch über die Regierung von Oberbayern. Die habe die Asylunterkunft in Manching bei Ingolstadt auf 500 Personen gedeckelt und vor allem Männer nach Bruck geschickt, die bereits auffällig geworden seien. Sein Fazit: Bis zu 1100 Asylbewerber, vor allem aus Nigeria und damit ohne echte Perspektive, das sei eindeutig zu viel für eine Kleinstadt wie Bruck.

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