Mitten im Landkreis:Goethe, Söder und die Gallier

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Viele Orte in der Umgebung feiern oder planen derzeit große Jubiläen - mit Theater-Klassikern und Politprominenz, aber ganz ohne Wildschweine.

Glosse von Alexander Kappen

Also klar, es sind schwere Zeiten. Corona. Energiekrise. Inflation. Aber wie einst schon der legendäre Fußball-Trainer Dragoslav Stepanovic sagte: "Lebbe geht weider." Und wie! In den Landkreisen Freising und Erding feiern sie Land auf, Stadt ab derzeit ihre großen Ortsjubiläen. Also die einen haben schon gefeiert. Die anderen feiern permanent, und das noch bis zum Jahresende. Wieder andere planen für die Feier im kommenden Jahr. Und die ganz anderen versuchen zumindest zu planen, dass sie im kommenden Jahr irgendwie feiern.

Die Ansätze sind dabei vielfältig, teils kreativ, teils traditionell und teils anspruchsvoll-ambitioniert. So lobten sie in Isen zum 1275. Geburtstag des Ortes heuer einen Kunst- und Literaturwettbewerb aus. Und auch in Dorfen stellen sie zum Jubiläum im kommenden Jahr nicht etwa nur schnöde ein Festzelt auf, in dem es erfahrungsgemäß mit steigendem Bierkonsum auch mal handfester zugehen kann ("Vier Fäuste für ein Halleluja"), sondern wollen einen Goethe-Klassiker als Freilufttheater zur Aufführung bringen ("Ein Faust für Dorfen"). Das städtische Archiv dort mag zwar ein bisschen wie Kraut und Rüben daher kommen, aber ein Dokument war dann trotzdem noch aufzutreiben, das die erste urkundliche Erwähnung des Ortes im August 723 belegt. Und so kann man 2023 dann in Dorfen ruhigen Gewissens den runden Geburtstag feiern und dabei einen Jedermann-Faust mit Profis und Laien auf die Bühne bringen.

Apropos Laien: Auch in Eching feien sie kommendes Jahr das 1250-jährige Bestehen des Ortes. Und zwar mit . . . nun ja, mit was genau, das wissen sie dort noch nicht so ganz. Aber immerhin haben sie schon geplant, wie sie planen wollen, auf welche Weise sie feiern. Das Zauberwort lautet, wie in so vielen planlosen Planspielen: Arbeitskreis. Dieser weiß zwar noch nicht, welches Programm er zusammenstellen wird, aber wenigstens, was das noch nicht existierende Programm kosten darf. 120.000 Euro hat der Gemeinderat fürs Jubiläum zugesichert. Wobei man die Summe mit ein bisschen mehr Fantasie in Anlehnung an die Jubiläumszahl auch auf 125.000 Euro hätte aufstocken können - ein Hunderter für jedes Jahr, das sollte schon drin sein.

1250 Jahre, 125 Meter und nur ein Ministerpräsident

In Moosburg haben sie ja bekanntlich ein Faible für solche Zahlenspiele. Da gab es heuer zur 1250-Jahr-Feier bereits eine 1250 Meter lange Festtafel. Und als nächstes Highlight ist der Herbstschau-Umzug mit 125 Beiträgen (das ist immerhin noch einer für alle zehn Jahre) und einem 125 Meter langen Hefezopf geplant, der gegen Spenden für einen guten Zweck unters Volk gebracht werden soll. Der Zopf wird zwar weder von 1250 noch von 125 Ministerpräsidenten angeschnitten, aber immerhin von einem Markus Söder. Und der ist schließlich Regierungschef in Bayern und somit mindestens 125 Mal so bedeutend wie jeder andere Ministerpräsident.

Eine Spur kleiner haben sie übrigens gerade erst im Wanger Ortsteil Bergen ihr Jubiläum über die Bühne gebracht. Ganz ohne Ministerpräsident und Goethe-Klassiker, dafür mit Umzug, Zeltparty und Festgottesdienst. Mit 1300 Jahren ist das kleine Dorf so was wie der Senior unter den Jubilaren und feierte dementsprechend bodenständig und allürenfrei. Als einzige Extravaganz gönnte man sich, Bergen als "gallisches Dorf" zu bezeichnen, weil in der Nähe irgendwo zwei alte Römerstraßen vorbeiführen. Auf die Idee, aus gegebenem Anlass 1300 Legionäre zu verkloppen oder 130 Wildschweine zu erlegen, kam man hier aber nicht.

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