Mitgliederversammlung Bürgerverein macht weiter Druck

In der Nähe des Besucherhügels hat der Bürgerverein bei Westwind 108 000 Ultrafeinstaubpartikel pro Kubikzentimeter gemessen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Vorsitzender Reinhard Kendlbacher kritisiert, dass bei Ultrafeinstaub-Messungen nichts vorangeht. Den verantwortlichen Politikern wirft er vor, das Problem zu ignorieren - die Initiative will deshalb nicht locker lassen.

Von Johann Kirchberger, Freising

"Wir drehen uns im Kreis", sagte Vorsitzender Reinhard Kendlbacher bei der Mitgliederversammlung des Bürgervereins in Vötting. Politiker und Flughafen GmbH verwiesen auf fehlende Grenzwerte, die könne es aber gar nicht geben, weil der toxische Ultrafeinstaub gar nicht gemessen werde und Messungen, sprich ein Monitoring, habe die CSU im Landtag einstimmig abgelehnt. So sei es der Politik ein Leichtes, das Problem Ultrafeinstaub weiterhin zu ignorieren und wegzuschauen.

Würde man nämlich das Problem ernst nehmen, so Georg Kölbl von der Bundesvereinigung gegen Fluglärm, "dann müsste man den Flugverkehr einstellen". Wolfgang Herrmann, der heuer schon 15 Messfahrten unternommen hat, zog Parallelen zum Dieselskandal: "Die Bevölkerung lässt man mit den Schadstoffbelastungen leben und man schont die Aktionäre". Wenn es abzuwägen gelte zwischen Mobilität und Gesundheit, dann entscheide sich die Politik für die Mobilität.

SPD-Anfrage im Landtag

Die SPD-Landtags-Abgeordneten Florian von Brunn, Klaus Adelt, Harry Scheuenstuhl und Herbert Woerlein haben sich jetzt mit einer speziellen Anfrage in Sachen Ultrafeinstaub an die Staatsregierung gewandt. Darin wird die Regierung unter anderem aufgefordert, eine unabhängige Untersuchung in Auftrag zu geben, die prüft, welche langfristigen Gesundheitsgefahren Ultrafeinstaub birgt, inwieweit diese Partikel natürlich vorkommen und welcher Anteil vom Menschen verursacht wird. Außerdem soll die Staatsregierung untersuchen und dem Landtag dann berichten, welche Maßnahmen zur Eindämmung von Ultrafeinstaub notwendig und vielversprechend sein können. Gefordert wird ferner, ein Programm für Monitoring von Ultrafeinstaub in die Luftqualitätsrichtlinie aufzunehmen, durch welche die amtlichen Messnetze zur Bestimmung von Ultrafeinstaub verpflichtend werden. Außerdem soll sich die Regierung auf allen Ebenen dafür einsetzen, dass nach ausreichenden Forschungsergebnissen belastbare Grenzwerte für Ultrafeinstaub eingeführt werden.

Erwachsen ist die Idee nach Informationen des Freisinger SPD-Landtagskandidaten Markus Grill aus einem Arbeitspapier, das von ihm während der Erstellung des SPD-Landeswahlprogrammes verfasst worden sei. Zusammen mit Bezirkstagskandidat Victor Weizenegger, Kreisrätin Beate Frommhold-Buhl und dem SPD Kreisvorsitzenden Peter Warlimont habe man sich davor Gedanken gemacht, wie die SPD in der Sache initiativ werden könne. bt

An alle möglichen Minister habe man Briefe geschrieben, berichtete Kendlbacher, und sie über die Belastungen und die Gefahren durch Ultrafeinstaub informiert, der unzweifelhaft von den Flughäfen ausgehe. Geantwortet habe nur Florian Herrmann, und der habe auf die fehlenden Grenzwerte hingewiesen und erklärt, solange kein Grenzwert festgesetzt sei, könne man nichts machen.

Grenzwerte könne nicht die Politik festlegen, sie müsse diese aber fordern, sagt Herrmann

Grenzwerte, so der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Herrmann, könne zwar nicht die Politik festlegen, aber sie müsse diese fordern. Ob eine solche Festsetzung überhaupt sinnvoll sei, bezweifelte allerdings Oswald Rottmann. Es handle sich bei Ultrafeinstaub schließlich um krebserregende Stoffe, "da kann es keine Grenzwerte geben".

Für Empörung sorgte der Bericht von Wolfgang Herrmann, wonach an der Kindertagesstätte "Airporthopser" bei Westwind 108 000 Ultrafeinstaubpartikel pro Kubikzentimeter gemessen worden seien. Die Einrichtung befinde sich ganz in der Nähe des Besucherhügels, dort fänden auch Familientage und andere Events statt. Aber die FMG interessierten diese Messergebnisse nicht. Gesundheitsamt und Umweltbehörden machten nichts, erregte sich Robert Forster, und die Kinder seien diesen enormen Belastungen ausgesetzt, das sei ein unmöglicher Zustand.

Studien über die Auswirkungen des Ultrafeinstaubs würden ignoriert, sagt Müller-Stark

Von Messungen des hessischen Landesamts anlässlich der Aktion "Ufoplan" berichtete Gerhard Müller-Starck. Ein Skandal sei es, wie hier "gravierend schlecht" gerechnet werde. Dazu werde behauptet, es gebe keine Studien über die Auswirkungen des Ultrafeinstaubs. Dabei existierten bereits über 200 Studien von Amsterdam bis Los Angelos. Aber sie würden ignoriert, die Wirtschaft behaupte, das stimme alles nicht, "eine gnadenlose Vorgehensweise". In Bayern verzichte man auf Messungen, weil die angeblich zu teuer, zu aufwendig und zu ungenau seien. Müller-Starck berichtete von Ufireg, einer über sieben Jahre laufenden Langzeitstudie. Danach sei festgestellt worden, dass bereits 1000 Partikel mehr das Risiko um zwei Prozent erhöhten, in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden oder an einer Atemwegserkrankung zu sterben.

Trotzdem glaubt Vorsitzender Kendlbacher, dass sich alles zum Besseren wenden könnte. Vor eineinhalb Jahren, bei Gründung des Bürgervereins, habe das Thema niemanden interessiert. Mittlerweile beschäftigten sich alle möglichen Stellen damit. Der Bürgerverein sei unentwegt damit beschäftigt, bei Vorträgen auf die Gefahren hinzuweisen. Und "wir werden uns nicht beirren lassen", sagte er, "wir kämpfen weiter". Die Mitgliederzahl des Bürgervereins sei von 25 auf 84 gestiegen, gerade sei die Gemeinde Fahrenzhausen neu dazugekommen und habe gleichzeitig 500 Euro gespendet.

Die neuesten Zahlen der Flugbewegungen im Erdinger Moos hatte Kendlbacher auch parat. Danach würden es heuer rund 405 000 werden, 2007 aber seien es 432 000 gewesen, die Kapazitätsgrenze sei laut Planfeststellungsbeschluss bei 480 000. Wenn Flughafenchef Michael Kerkloh glaube, daraus die Notwendigkeit für den Bau einer dritten Startbahn ableiten zu können, dann träume er.

"Gut, dass sich jemand kümmert"

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