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Neue Regelung für Musikkapellen:Die Zweifel überwiegen

Die acht Musiker der Dellnhauser Musikanten dürfen miteinander üben. Im Zweifel auch im Garten von Michael Eberwein.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit diesem Montag dürfen Orchester wieder gemeinsam musizieren, sofern deren Mitglieder den Mindestabstand zueinander einhalten. Den Musikern selbst gehen die Lockerungen allerdings nicht weit genug.

Von Nadja Tausche und Alexandra Vettori, Freising

Seit Montag dürfen Musikgruppen, zumindest die Mitglieder, die nur Instrument spielen und nicht singen, wieder zusammen proben. Die Auflagen freilich sind für manche problematisch: Erlaubt sind nur Instrumentalproben mit bis zu zehn Personen. Dabei sind zwei Meter voneinander Abstand zu halten, bei Blasinstrumenten sogar drei. Ausfallen müssen die Realproben noch für Chöre, weil man beim Singen erhöhte Infektionsgefahr vermutet. Entsprechend verhalten ist das Echo bei Musikgruppen aus dem Landkreis.

Nach Meinung von Helmut Schranner macht die Regelung wenig Sinn. Der Leiter der Musikschule Papageno in Nandlstadt kritisiert vor allem die Beschränkung auf zehn Personen: Die meisten Orchester bestünden aus mehr Personen, sagt er, die Frage sei: "Wen lasse ich da zu Hause?". Auch die Vorgabe des Mindestabstands von drei Metern bei Blasinstrumenten sieht er nicht ein. Eine Kerzenflamme gehe bei einem Abstand von wenigen Zentimetern vom Mund beim Spielen auch nicht aus, argumentiert er, so kritisch könne das Spielen der Instrumente bei der Verbreitung des Virus also nicht sein. Wie Schranner die neuen Vorgaben in seiner Musikschule umsetzt, müsse er sich noch überlegen, sagt er.

Auch das soziale Miteinander fehlt

Bei der Marktkapelle Au ist man dagegen froh über zumindest einen kleinen Schritt in Richtung Normalität. "Das miteinander Musik machen geht einfach wahnsinnig ab", sagt Verena Bauer, zweite Vorsitzende des Fördervereins der Marktkapelle. Denn neben der Musik spiele die soziale Komponente eine Rolle, dass man sich sehe und miteinander unterhalte. Momentan versucht die Marktkapelle, die Besetzung für kommende Proben sinnvoll aufzuteilen: "Die Idee ist, verschiedene kleinere Gruppierungen zu bilden", erklärt Bauer. "Das ganz große Miteinander muss wohl noch warten", denkt sie und meint damit alle 45 Mitglieder der Marktkapelle. Konkret klären muss man die Frage nach den Räumen: Also ausmessen, ob neun Personen plus der Dirigent mit dem Mindestabstand von drei Metern in einen Raum passen. Wenn nicht, muss sich die Kapelle laut Bauer eine zusätzliche Halle suchen oder ins Freie ausweichen.

Einzelunterricht ist an den Musikschulen schon seit einiger Zeit wieder möglich, allerdings nur mit Trennwänden und regelmäßigem Desinfizieren, erzählt Bauer. Davor gab es Unterricht per Onlinevideos. Auch das sei aber alles andere als einfach gewesen, so Schranner: Der Lehrer könne etwa nicht einfach die Hand des Schülers am Instrument korrigieren, auch viele Kosten blieben an der Musikschule hängen. Generell fühlt sich Schranner von der Politik in der Corona-Krise zu wenig unterstützt: "Sie lassen Musiker am langen Arm verhungern", kritisiert er, die aktuellen Lockerungen ändern daran ihm zufolge wenig.

Die Befürchtung auf lange Sicht: Eine Verödung des Kulturlebens

Das sieht Michael Eberwein von den Dellnhauser Musikanten genauso: "Diese Lockerungen sind Augenwischerei." Selbst wenn Aufführungen ab 15. Juni mit einer Besucherzahl von 50 Personen in geschlossenen Räumen und 100 Besuchern im Freien wieder möglich seien, werde das wenig bringen. "Da wird kaum einer eine Veranstaltung machen, für die er Geld in die Hand nehmen muss, weil das rechnet sich einfach nicht", so Michael Eberwein. Für hauptberufliche Musiker heiße das, dass sie nicht gebucht werden.

Was er befürchtet, ist langfristig eine Verödung des Kulturlebens, weil die Kulturschaffenden verschwinden. Klar gebe es staatliche Soforthilfe, aber zumindest von den Musikern aus seinem Bekanntenkreis habe niemand etwas bekommen. Angesichts sinkender Infektionszahlen sieht Eberwein nur in einer baldigen Aufhebung sämtlicher Beschränkungen einen Weg. "Das sieht man ja an der Gastronomie, dass die Leute dann auch nicht sofort kommen. Das wird alles sehr langsam wieder anlaufen."

Für die Dellnhauser Musikanten sei die neue Lockerung "recht und schön". Acht Musiker zählt man, immerhin dürfen alle zusammen üben. Sein Garten sei groß genug, auch dafür, dass sechs der acht Bandmitglieder Blasinstrumente spielen. Zeit zum Üben haben sie, der nächste Termin ist eine Rundfunkaufnahme im Herbst.

© SZ vom 09.06.2020/nta

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