Hochkarätiges Politkabarett Irrfahrt im Europapark Frust

Ganz schön ausgeteilt haben die Sprachjongleure der Lach- und Schießgesellschaft, rechts der Freisinger Kabarettist Norbert Bürger, bei ihrem Auftritt in Attenkirchen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Freisinger Kabarettist Norbert Bürger nimmt das Publikum in Attenkirchen gemeinsam mit drei Kollegen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit auf eine abenteuerliche Reise durch die Wirrungen der Politik.

Von Katharina Aurich, Attenkirchen

Im Europapark Frust, auf der Achterbahn der Europapolitik und in der Geisterbahn des Rechtspopulismus, wo die braune Bahn des Viktor Orbán "rückwärts fährt", da tummelten sich die vier Mitglieder der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auf der Bühne im Attenkirchner Bürgersaal. "Existenzen reloaded" heißt ihr aktuelles Programm. Das Publikum erlebte, organisiert vom Kulturverein Katti, einen Abend mit beißendem und humorvollem Politkabarett, mit Nonsense und rockender Musik. Am Werk waren Norbert Bürger, im Landkreis seit langem als begnadeter Musiker an der E-Gitarre und schräger Komödiant bekannt, der seine Mitmenschen entlarvend und perfekt parodiert, sowie die Schauspieler und Musiker Sebastian Rüger (Schlagzeug), Frank Smilgies (Bass) und Claudia Jacobacci (E-Piano).

Alle vier sind sie Sprachjongleure, die Wörter und Sätze verdrehen, sie neu zusammensetzen und Erstaunliches hervorbringen. Wahrheiten, bei denen einem manchmal das Lachen im Hals stecken bleibt. Zu Beginn des Abends ging es um Ängste, ohne sie wäre man isoliert, meinte Jacobacci und verteilte Medikamente gegen Sorgen an ihre drei Partner. Es gebe Ängste aus der Mottenkiste, vor dem Waldsterben etwa oder BSE, neu sei die Fremdenangst. Auch für die Angst vor Lebensfreude gab es eine Pille, die aus Norbert Bürger einen Grantler durch und durch machte.

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Ein Höhepunkt war der Deutsch-Bayrisch-Mix im VHS-Englischkurs

Ein Höhepunkt des Programms war der VHS-Englischkurs, den Smilgies und Bürger besuchten, in dem sie ganz ernsthaft Bayrisches und Englisches verwoben. Ein Beispiel: "I'm not at the burning soup upswam", da musste man einen Moment lang überlegen, was gemeint war. Und ein Kaiserschmarrn war für die beiden ein "emperor nonsense". Aber am Ende stand die erleichternde Erkenntnis: "Wir brauchen kein Englisch lernen - Brexit!" Komisch, kurzweilig und voller Ideen unterhielten die vier ihre rund 120 Gäste, vor allem Politiker und ihre Sprache wie die "Breiheit der Fresse" wurden immer wieder aufs Korn genommen. Sebastian Rüger parodierte Trump atemberaubend gut, flog sprachlich zwischen Deutsch und Englisch hin und her und regte sich darüber auf, dass eine Erdbeere keine Beere, sondern eine Nuss sei. Auch die sogenannten Helikopter-Eltern bekamen ihr Fett weg, deren Tochter Lara Clytemnestra zum ersten Mal mit dem Fahrrad alleine zur Vorlesung an die Uni fuhr.

In ein Wechselbad der Gefühle versetzte Jacobacci das Publikum, das zuvor kaum aus dem Lachen heraus kam, mit ihrem Monolog über Flucht "Woanders ist es immer schön". Eine der stärksten Nummern des Abends, auch weil sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen leise, nachdenklich und intensiv erzählte. Über die Flucht eines kleinen Mädchens, das seine Puppe an sich drückte, als es mit seiner Familie im Zweiten Weltkrieg flüchten musste, das im Bombenhagel nachts in Kellern ausharrte. Im nächsten Satz war das kleine Mädchen ein Kind aus Syrien, das hofft, hier bei uns endlich in Sicherheit zu sein. Die vier der Lach- und Schießgesellschaft schenkten ihrem Publikum einen großartigen, unterhaltsamen Abend, der noch mehr Gäste verdient hätte. Nach dem Auftritt von Bruno Jonas kürzlich in Haag ist das Publikum im nördlichen Landkreis jedenfalls gut versorgt mit hochkarätigem Politkabarett und anspruchsvoller Comedy.