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Breitgefächerter Protest für Klima und Umwelt:Streitbares Freising

Seit Jahren kämpfen mehrere Gruppierungen gegen den Bau einer dritten Startbahn und für den Erhalt der Lebensqualität in der Region. Neu formiert haben sich Bündnisse, die sich gegen den Klimawandel engagieren.

Freising als Widerstandsnest gegen Flugverkehr und fürs Klima? Die Zahl der Protestgruppen lässt den Schluss zu, auch wenn Aufgemuckt-Sprecher Christian Magerl mit einem Grinsen sagt: "Wir sind seit über 14 Jahren ein Widerstandsnest." Dennoch gibt es aktuell eine nie dagewesene Protestlandschaft. Die einen gehen seit vielen Jahren gegen die dritte Startbahn auf die Straße, die anderen fordern, die Politik müsse mehr gegen den Klimawandel tun. Die SZ stellt die Gruppen vor und fragt sie: Ist es sinnvoll, dass sich die Umweltbewegung aufsplittert?

Fridays for Future

"Dieses eine Ziel, das uns alle vereint, ist etwas Gemeinschaftsstiftendes", sagt Klara Wrusch. Sie ist Sprecherin der Freisinger Ortsgruppe von "Fridays for Future". Man versuche bei der Gruppe aktiv, andere Umweltgruppierungen einzubeziehen: "Es ist ganz wichtig zu signalisieren, dass wir nicht alleine gegen den Klimawandel kämpfen können", so Wrusch. Ziel sei, Menschen aller Altersgruppen auf die Straße zu bringen. Dass die weltweiten Klimaproteste von "Fridays for Future" mit lokalen Problemen wie der dritten Startbahn wenig zu tun haben, findet Wrusch nicht. Sich gegen den Flughafenausbau einzusetzen, passe mit den Zielen der Gruppe zusammen - auch wenn sich diese nicht auf den Flughafen beschränke. "Um gegen den Klimawandel zu kämpfen, sind auch regionale Themen von Bedeutung", so Wrusch. Um die zu identifizieren, hat die Ortsgruppe kürzlich Stände aufgebaut und Bürger nach ihren Wünschen für mehr Klimaschutz in Freising befragt. Die Antworten werden derzeit ausgewertet und dann dem Stadtrat präsentiert.

Die Freisinger Gruppe von "Fridays for Future" gibt es seit Mai 2019, sie organisiert etwa eine Demonstration im Monat. Einmal in der Woche trifft man sich zum Plenum, wo zehn bis 20 Leute über verschiedene Themen sprechen. Mit einem Ende der Proteste ist so bald nicht zu rechnen: "Wir haben vor, so lange zu streiken, bis sich die Politik ganz maßgeblich ändert", sagt Wrusch.

Solidarisches Netzwerk Freising (SNF)

Mitte Juni hatte Gregor Diderich mit einem Freund eine Protestaktion vor dem Freisinger Büro der CSU organisiert und gefordert, die Partei müsse mehr für den Klimaschutz tun. In der Form sei die Aktion zwar einmalig gewesen, sagt Diderich (24), jetzt sei man aber an etwas viel Größerem dran: Seit kurzem gibt es die Gruppe "Solidarisches Netzwerk Freising". "Damit möchten wir Aktivisten verschiedenster Art miteinander verknüpfen." Es gehe dabei um Umweltschutz, aber auch das Engagement gegen rechte Politik und die schlechteren Lebensbedingungen in anderen Ländern der Welt. "Wir wollen eine sozialere, gerechtere Zukunft, auch für jetzt schon lebende Menschen."

Aktuell hat das "Solidarische Netzwerk Freising" rund 25 Mitglieder und trifft sich einmal im Monat. Er habe das zwar mit ins Leben gerufen, so Diderich, der Forst- und Ingenieurwesen an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf studiert. Einen Chef gibt es aber nicht: "Das ist alles sehr dynamisch." Dass sich die Umweltbewegung zu sehr aufsplittert, sieht Diderich nicht. Jede Gruppierung nutze andere Aktionsformen, sagt er: "Extinction Rebellion" sei zu zivilem Ungehorsam bereit, "Fridays for Future" konzentriere sich auf Schulstreiks. Viele Aktivisten seien in mehreren Gruppen, "das überschneidet sich schon", sagt er, "aber ich glaube, es ist sinnvoll, möglichst breit aufgestellt zu sein." Parallelveranstaltungen schaffen wolle man auf keinen Fall, "um Konkurrenz geht es da sowieso nicht." Die einzelnen Gruppen tun sich teilweise zusammen. Am 1. September etwa hatte "Fridays for Future" zum Klimaprotest aufgerufen, mit dabei waren Freisinger Umweltorganisationen wie Bund Naturschutz, "Extinction Rebellion", Aufgemuckt und der Bürgerverein Freising. Um gruppenübergreifende Demonstrationen öfter zu ermöglichen, plant Diderich einen Mailverteiler und einen bündnisübergreifenden Kalender.

Extinction Rebellion

"Extinction Rebellion" (abgekürzt XR, für "Rebellion gegen das Aussterben") ist eine weltweite Bewegung, die sich mit zivilem Ungehorsam gegen das Aussterben von Tieren, Pflanzen und Menschen als Folge des menschengemachten Klimawandels einsetzt. Die Bewegung entstand 2018 in Großbritannien. Die Freisinger Ortsgruppe hat sich in diesem Juni gegründet, aktuell sind rund 30 Leute im Alter von 20 bis 70 dabei. "Wir sind nicht nur eine Jugendgruppe, das ist sicher einer der Hauptunterschiede zu Fridays for Future", sagt ein Sprecher. Die Freisinger Gruppe hat bereits eine Straße blockiert, Aktivisten in das Schaufenster eines Billig-Kleiderladens in der Freisinger Innenstadt gestellt und eine Totstell-Aktion am Flughafen organisiert. Jede der Aktionen war beendet, sobald die Betroffenen das verlangten. Eine Konkurrenz unter den Protestgruppen sieht man auch bei XR Freising nicht, vielmehr erhebliche Überschneidungen. Dreh- und Angelpunkt sei das solidarische Netzwerk, "da laufen die Fäden zusammen", so der Sprecher. Er wehrt sich auch gegen den Vorwurf, XR werde von linksextremen Gruppen unterwandert: "Die Gefahr sehe ich in Freising nicht."

Mitglieder von "Extinction Rebellion" machen in der Innenstadt auf den Klimawandel aufmerksam.

(Foto: Marco Einfeldt)

Bürgerverein

Der Bürgerverein Freising setzt sich schon seit Jahren gegen eine dritte Startbahn ein. Als Konkurrenz empfindet er die neuen Gruppierungen nicht, sagt der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Herrmann - im Gegenteil: "Das bringt frischen Wind in die Sache." Die Aktivisten der neu gegründeten Gruppen hätten einen anderen Zugang zu jungen Menschen, seien vernetzt, auch in den sozialen Medien: "Die treffen die Sprache der Jugend", so Herrmann. Dass sich jetzt junge Leute für die Umwelt einsetzen, sieht er auch als Bestätigung der Arbeit des Bürgervereins: "Man hat ja zeitweise gedacht, man ist alleine auf weiter Flur", sagt er. Gruppen wie "Fridays for Future" setzen sich zwar nicht explizit gegen eine dritte Startbahn ein. Aber das gehe doch alles in die gleiche Richtung, findet Herrmann. Der Bürgerverein sei deshalb gleich am Anfang auf "Fridays for Future" zugegangen, habe der Gruppe Unterlagen zu Ultrafeinstaub und Flugverkehr geschickt und gehe auch jetzt noch kontinuierlich auf Veranstaltungen der Gruppierung, erzählt er. Tatsächlich habe der Bürgerverein selbst kürzlich sogar einige Jungmitglieder neu hinzubekommen.

Plane Stupid

So sieht man das auch bei der Gruppe "Plane Stupid", ebenfalls aktiv im Kampf gegen eine dritte Startbahn. Von Konkurrenz könne keine Rede sein - "im Gegenteil", sagt der Sprecher der Freisinger Ortsgruppe Ludwig Grüll: "Wir sind froh, dass die Jugend auf den Zug aufspringt und endlich Klartext mit den Politikern redet." Die Klimademonstrationen der jungen Menschen seien auch für "Plane Stupid" von Vorteil: Gegen den Ausbau des Flughafens zu kämpfen, heiße gleichzeitig, sich für mehr Umweltschutz einzusetzen, so Grüll. Die Gruppe sei zwar nicht nur aus Umweltgründen gegen die dritte Startbahn, aber den Flugverkehr und damit den CO₂-Ausstoß zu verringern, sei wichtiger Teil des Protests. "Wir werden nach wie vor gegen eine dritte Startbahn demonstrieren", betont er - nicht nur, aber auch bei Demos zusammen mit "Fridays for Future" und Co.

Aufgemuckt

"Ich fände es sehr gut, wenn wir uns mit den Jungen noch stärker vernetzen würden", sagt Christian Magerl, Sprecher des Aktionsbündnisses Aufgemuckt. Am 17. Oktober steht bei der Mitgliederversammlung das Thema auf der Tagesordnung. Vernetzt freilich ist Aufgemuckt als Bündnis von einigen Dutzend Bürgerinitiativen und Umweltverbänden schon immer. Der Widerstand gegen den Bau der dritten Startbahn wurde anfangs von Menschen getragen, die seit 1998 vergeblich gegen die Aufweichung der alten Nachtflugregelung gekämpft hatten. Damals gründeten sich viele Bürgerinitiativen in der Region; im Sommer 2002 folgte Aufgemuckt. Das Ziel: Aktionen zu vernetzen und Geschlossenheit unter den Startbahngegnern zu schaffen. Klimaschutz, betont Magerl, sei schon immer ein Argument gegen die dritte Startbahn gewesen, "auch wenn wir vor Gericht damit unterlegen sind". Magerl zollt den jungen Protestgruppen Respekt: "Gerade in Freising sind viele Studenten und Studentinnen dabei, mit teilweise exzellentem Wissen. Und auch die Schüler dieser Generation wissen ganz genau, woher sie Informationen bekommen. Das ist anders als in meiner Zeit."

Aktion Lichterzeichen

Die Aktion entstand im Herbst 2006 im Freisinger Ortsteil Lerchenfeld als Initiative von Christen zur Bewahrung der Schöpfung. Die Schöpfung zu bewahren, das hieß und heißt für die Lichterzeichen-Aktivisten auch, die dritte Startbahn zu verhindern. Ihre Mittel: ein Schweigemarsch, Banner, Lichter, Gebete und Mahnworte kirchlicher Vertreter; die Resonanz in der Freisinger Öffentlichkeit war gleich zu Beginn überwältigend: "Wir wären schon über 50 Leute froh gewesen, aber es kamen auf Anhieb 300", erzählt Sprecher Wilhelm Albrecht. Das Motto, überparteilich und gewaltfrei, einladend für alle, zieht die Menschen bis heute an. Zu jedem Schweigemarsch, der inzwischen nicht mehr jeden Sonntag in Lerchenfeld, sondern nur noch vierteljährlich in der Freisinger Stadtmitte stattfindet, kommen zwischen 200 und 400 Leute. Auch die Aktion Lichterzeichen begrüße "jede Initiative mit vergleichbar dringlichem Anliegen als Synergieschub", so Albrecht. Familien mit Kindern seien bei Lichterzeichen immer dabei gewesen, mit "Fridays for Future" trete aber erstmals direkt die junge Generation auf den Plan und entfalte "eine bisher erfreulich ungeahnte Wirkung".