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Freisinger Musiker über die Kulturszene:"Bedingungen, die viele ins Mark treffen"

Viele Möglichkeiten, vor Publikum zu spielen, hat der Freisinger Musiker Christoph Eglhuber derzeit nicht, ein Konzert im Schafhof vor kurzem war die Ausnahme. Der Spezialist für Alte Musik ist deshalb froh über seine Festanstellung als Dozent.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Freisinger Musiker Christoph Eglhuber sieht weite Teile der Kulturszene nach dem Corona-Lockdown in großen Schwierigkeiten. Er wünscht sich vor allem für die freiberuflichen Kollegen mehr Unterstützung von öffentlicher Seite.

Interview von Birgit Goormann-Prugger, Freising

Christoph Eglhuber, Experte für Alte Musik aus Freising, ist normalerweise - neben seinem Beruf als Dozent der Musikwissenschaft in Regensburg - auch als Musiker ein viel beschäftigter Mann. Als Mitte März der Lockdown kam, hatte er auf einmal viel Zeit und keinen Termindruck mehr. Am vergangenen Wochenende hat er erstmals seit langem wieder ein Konzert gegeben. Im Schafhof - unter den jetzt üblichen Auflagen - gastierte sein Barockensemble Compagnia Zanipolo. Im SZ-Interview erzählt er, wie er den Lockdown erlebt hat und was die Pandemie für die Kulturszene bedeutet.

SZ: Wann war denn Ihr letztes Konzert vor der Corona-Zwangspause?

Eglhuber: Das letzte, das stattfand, war kurz vor Fasching, danach, am 15. März, wäre ein Konzert im Nationalmuseum in München gewesen. Wir haben am Freitag, den 13., dafür geprobt, plötzlich kam jemand rein und verkündete den Lockdown und eben die Absage. Danach sind alle Termine ausgefallen. Seit Pfingsten spiele ich ab und zu in Kirchen, eher bei Gottesdiensten, aber keine richtigen Konzerte.

Haben Sie damals gedacht, dass das so lange dauert?

Nein, das hatten wir nicht geahnt, wir hatten alle gehofft, dass wir nach sechs Wochen, zwei Monaten durch sind. Ein Kollege, der Freiberufler ist, hat damals gesagt, so ein, zwei Monate könne er das durchhalten, aber dann werde es schwierig. Und es ist jetzt ja auch leider nicht absehbar, wie es weitergeht, der Herbst und der Winter können die Sache ja auch wieder in die andere Richtung zurückdrängen.

Wenn es nicht bald einen Impfstoff gibt, wie wird sich das Ihrer Einschätzung nach auf die Kulturszene auswirken?

Der Impfstoff ist das eine, ein Medikament wäre das andere, das wäre ja auch hilfreich. Generell muss man leider davon ausgehen, dass viele Äste der Kulturszene dürr werden, absterben. Ich denke ja nicht nur an die Künstler, ich denke auch an die Techniker und die Veranstalter, da hängt so vieles dran. Wir können ja inzwischen unter bestimmten Auflagen wieder auftreten, aber nicht so, dass es sich für jemanden lohnt, auf Dauer so etwas zu betreiben. Andererseits sind wir gerade dabei, neue Wege zu gehen. Das Schafhof-Konzert war ein völlig neues Format, das ich bisher nicht probiert hatte. Die Künstler werden zunehmend kreativ werden, sind sie auch schon, gezwungenermaßen. Andererseits könnten auch von öffentlicher Seite vermehrt Bedingungen geschaffen werden, damit es leichter wird.

Wie meinen Sie das?

Es gibt für freiberufliche Künstler Unterstützungszahlungen, das ist aber nicht so leicht geltend zu machen, weil sie ja in der Regel keine laufenden Betriebskosten vorweisen können. Zahlungen sind das eine, Plattformen und Rahmenbedingungen für die Szene zu schaffen, wäre das andere. Man könnte sich vornehmen, gerade den Freiberuflern von öffentlicher Seite unbürokratisch und mit kulanter Gebührenregelung Räume zur Verfügung zu stellen, die mit entsprechenden Konzepten für Veranstaltungen genutzt werden können. Wenn die Nebenkosten im Rahmen bleiben, könnten Künstler auf eigene Faust initiativ werden. Die Raumnutzungen für Veranstaltungen bleiben ohnehin eingeschränkt, aufgrund der Regularien kommt man im Moment etwa nur auf ein Viertel der üblichen Kapazität, je nachdem, wie man das berechnet. Wenn man dabei wieder auf die Hälfte käme, hätte man eine Chance, Veranstaltungen durchzuführen, die sich für die, die davon leben müssen, auch rechnen.

Sie sind hauptamtlicher Dozent am Institut für Musikwissenschaft in Regensburg.

Ich bin einer der Glücklichen, die nicht nur freiberuflich musikalisch tätig sind, sondern auch einen festen Arbeitsplatz haben. Was früher oft ein Hinderungsfaktor war - man konnte dann als Festangestellter keine größeren Konzertreisen oder Theaterproduktionen machen - dreht sich jetzt um. Jetzt sind alle froh, die eine feste Anstellung haben, weil aktuell freiberuflich sehr wenig möglich ist. Da gehen nicht nur die Einnahmen, sondern auch das Betätigungsfeld verloren, das ist wie beim Fußballer die fehlende Spielpraxis, denn die Kommunikation mit dem Publikum ist unersetzbar: Wenn man im leeren Saal spielt und das dann streamen lässt, das ist es nicht, wofür man Musik macht, in die Leere hineinzuspielen ...

Kennen Sie viele Freischaffende, die jetzt in ernsten Schwierigkeiten sind?

Ganz viele, ich bewege mich viel in der Szene der Alten Musik, die sehr freiberuflich orientiert ist. Selbst die großen Alte-Musik-Orchester haben keine öffentliche Trägerschaft und haben Probleme. Die Musiker gehen unterschiedlich damit um: Die einen arbeiten was anderes, die anderen haben Erspartes. Es gibt Leute, die unterrichten auch und können sich so über Wasser halten. Zwei meiner Kinder sind gerade in der Ausbildung für eine künstlerische Laufbahn. Der Ältere ist vor dem Lockdown sehr gut angefragt gewesen, das geht jetzt gegen null. Aber unsere Familie ist nicht in Not, da gibt es ganz andere Kollegen, die wirklich Schwierigkeiten haben.

Kann man auch Positives aus der Krise ziehen?

Eigentlich kaum, aber man kann zumindest sagen, dass auf Grund der Einschränkungen die Kreativität wächst und neue Formate generiert werden, zum Beispiel wird auch an den Hochschulen das Digitale mehr gefördert und entwickelt. Aber für unsere Generation ist die Pandemie mit ungeahnten Einschränkungen verbunden. Keine Gottesdienste, keine Kirchenmusik, das gab es selbst in den Kriegen nicht, auch nicht bei den Seuchen davor, das sind Bedingungen, die viele ins Mark treffen. Es trifft eine glückliche Generation der vergangenen Jahrzehnte, die ohne Einschränkungen aufgewachsen ist und manchmal denkt man, man ist in einem schlechten Traum.

Die Masken, die das Gesicht verdecken, bewirken ja auch, dass man nicht mehr sieht, wie jemand denkt und fühlt. Diese Distanz hat Folgen, ich befürchte, dass vor allem die Kinder das nicht spurlos verarbeiten können. Auch die Kontaktfindung, das Anbahnen von Partnerschaften, Freundschaften oder Liebschaften ist ja im Moment schwer möglich. Das Soziale ist stark eingeschränkt, das wird uns nachhaltig treffen.

Haben Sie denn noch Pläne für dieses Jahr?

Vieles ist schon abgesagt worden. Konzertreisen nach Slowenien und Kroatien zum Beispiel. Ich habe im Herbst ein paar Termine stehen, mehr in München, weniger in Freising, da ist es mit Indoor-Konzepten schwieriger. Aber in der evangelischen Kirche in Freising spiele ich im Herbst ein Konzert zum Thema Frauen in der Reformation, das ist ein Duo-Abend, das wird wohl machbar sein. Ich hoffe, dass in der Weihnachtszeit doch noch das eine oder andere stattfinden kann. Was dann aber wirklich möglich ist, muss man sehen.

© SZ vom 17.08.2020/nta

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