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Architektur in Freising:"Nur Wohnraum stapeln, das kann nicht die Lösung sein"

Ingrid Hartert-Müller (Mitte) tauscht sich mit Karlheinz Beer, Vizepräsident der Bayerischen Architektenkammer, und der Freisinger Stadtbaumeisterin Barbara Schelle aus.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit 20 Jahren gibt es in der Stadt den Verein "Architektur Aktuell". Vorsitzende Ingrid Hartert-Müller spricht darüber, was der Verein für gute Architektur tut und wie wichtig Städte sind, in denen sich Menschen wohlfühlen.

Interview von Nadja Tausche, Freising

In diesem Jahr feiert der Freisinger Verein "Architektur Aktuell" 20-jähriges Bestehen. Zur Zeit engagieren sich darin 45 Mitglieder.Vorsitzende Ingrid Hartert-Müller spricht über das Vereinsziel, darüber, ob die Freisinger Innenstadt aussterben wird und warum Architektur den Menschen guttun muss.

SZ: Den Freisinger Verein "Architektur Aktuell" gibt es seit 1999. Was macht den Verein aus?

Ingrid Hartert-Müller: Der Verein will zeitgemäßen und zukunftsorientierten Städtebau fördern und qualitätvolle Architektur unterstützen. Außerdem wollen wir mit den Bürgern in Dialog treten und über Baukultur informieren.

Wie genau macht der Verein das?

Wir organisieren zum Beispiel öffentliche Veranstaltungen: Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen und Exkursionen. Mitglieder unseres Vereins engagieren sich außerdem in verschiedenen Gremien. Wir versuchen, uns dort einzubringen, wo wir Handlungsbedarf sehen. Der Verein hat auch die Publikation "Neue Architektur - Gestalteter Raum Freising 1979 bis 2009" herausgegeben: In dem Buch stellen wir Neubauprojekte aus der jüngeren Zeit vor, die Beispiele sollen das Bewusstsein für gutes Bauen stärken.

Der Verein hat der Stadt vorgeschlagen, die Ausstellung zu sozialem Wohnungsbau, die vor Kurzem im Lindenkeller zu sehen war, nach Freising zu holen. Welche aktuellen Projekte gehen noch auf den Verein zurück?

Im Gremium der Stadt "Lenkungskreis Gestaltungshandbuch" hat der Verein zusammen mit der Stadt und Experten ein Buch mit Gestaltungsrichtlinien für Freising erarbeitet, außerdem ist ein Satzungstext entstanden. Das muss noch den Stadtrat passieren und befasst sich mit der Weiterentwicklung der Innenstadt. Es geht um Gestaltungsrichtlinien: Wie geht man mit alten Gebäuden um, wie kann man den Bürgern mit guten Beispielen einen Anreiz geben, sich für die bessere statt für die billigere Variante zu entscheiden. Für eine Altstadt ist die Optik eine wichtige Sache, aber auch die Authentizität und das Zusammenspiel von verschiedenen Sachen zählt. In Freising war zum Beispiel ein großes Thema, wie man die Stadt vom Domberg aus wahrnimmt. Sieht man überall Solaranlagen, ist das gewünscht, darf man das?

Glauben Sie, es kann passieren, dass die Freisinger Innenstadt langsam ausstirbt?

Das glaube ich nicht. Freising hat eine belebte Innenstadt und es gibt eine gute Mischung zwischen Gewerbe, Dienstleistung und Wohnen. Unserer Meinung nach ist Freising auf einem guten Weg, weil die Stadt rechtzeitig angefangen hat, sich über das Stadtentwicklungspotenzial Gedanken zu machen und Fachleute ins Boot zu holen.

Sie selbst finden, Architektur müsse den Menschen "guttun". Wie ist das zu verstehen?

Es gibt kein Leben ohne Ort. Ein Ort, der gut zu den Menschen ist, die dort leben und arbeiten, der wirkt sich positiv auf die Lebensqualität aus. Wie jemand seine Fassade gestaltet, wie das Gebäude also nach außen wirkt, ist wichtig: Jeder, der daran vorbeigeht, muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Baukultur geht alle an - das ist auch das Motto unseres Vereins. Es ist wichtig, welchen Beitrag man an einem Ort einfügt: Ist das Gebäude ein Gewinn für den Ort oder eher ein Verlust an Lebensqualität für alle?

Das heißt, man hat mit der Gestaltung des eigenen Hauses eine Verantwortung für andere?

Man hat unbedingt eine Verantwortung für die Mitmenschen. Als Bauherr, als Planer, als Stadtverwaltung. Die Bürger müssen sich dann ja damit arrangieren.

Kann man Menschen wirklich vorschreiben, wie sie ihre Häuser gestalten?

Wir versuchen es im Gestaltungshandbuch nicht mit Vorschriften, sondern mit Überzeugungsarbeit, und zwar durch gute Beispiele. Denn Qualität zahlt sich in der Regel durch Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit aus.

Es gibt so viele drängende Probleme mit Wohnraum, die Mieten steigen immer weiter, in den Städten gibt es zu wenig Wohnungen und auf dem Land zu viel. Ist das Aussehen von Gebäuden nicht zweitrangig?

Das Aussehen von Gebäuden ist nicht zweitrangig. Sozialer Wohnungsbau, Bevölkerungszuwachs, Mobilität, Wirtschaftsstandorte, Flächenbedarf - das sind alles brennende Themen unserer Zeit. Aber es gibt mittlerweile Untersuchungen, welche gesundheitlichen Folgen eine zu dicht bebaute Stadt für die Bewohner hat. Nur noch Wohnraum übereinander stapeln und keine Freiräume dazwischen, das kann nicht die Lösung sein. Man muss sehr bewusst mit dem Flächenpotenzial umgehen und versuchen, den Flächenverbrauch zu reduzieren. Und man muss immer die Wirkung des Beitrags auf die Bevölkerung im Blick haben, ansonsten entstehen Unfrieden und ein Missverhältnis, das dann wieder an anderen Stellen Probleme gibt.

© sz.de/nta

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