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Flughafen München:Mit dem Taxi nach England

In München sind am Freitag noch fast die Hälfte der Maschinen gestartet, nun wird auch er geschlossen.

Es ist Freitagmittag, Viertel nach zwölf, und Martin Günther will weiter nach Miami. Das ist ein sehr weiter Weg, vor allem wenn man bedenkt, dass er die letzten sechs Stunden, die er am Münchner Flughafen verbracht hat, vielleicht zwei-, dreihundert Meter vorangekommen ist. So lange ist die Schlange, die sich vor den Lufthansa-Schaltern in Terminal 2 gebildet hat.

Über Günther, an der großen Anzeigetafel, wo sich im Sekundentakt die Worte "Annulliert" und "Cancelled" abwechseln, steht: "Auf Grund des Vulkanausbruchs über Island kann es zu Flugunregelmäßigkeiten kommen."

Etwas weniger umständlich klingt es aus dem Lautsprecher alle paar Minuten: "Lufthansa bittet alle Gäste, die lokal aus München kommen, wieder nach Hause zu fahren." Wenig später ist MUC der einzige Flughafen in Deutschland, der noch geöffnet ist. Bis um 20 Uhr darf im Erdinger Moos noch gestartet und gelandet werden, dann erzwingt die Aschewolke auch hier die Schließung - zunächst bis Samstag, 12 Uhr.

Martin Günther und seine Frau Karola Mund sind erstaunlich humorvoll angesichts der sechs Stunden in der Schlange. Ihr Ziel Miami wäre weniger das Problem, Flieger in die USA starten noch, aber sie sollten in Düsseldorf umsteigen. Und Düsseldorf ist dicht. "Wir hoffen, dass wir umbuchen können", sagen sie.

Sie haben sich mit ihren Schlangen-Nachbarn angefreundet, die auch in die USA wollen, und sie verstehen nicht, dass die Lufthansa nicht besser auf die Wolke vorbereitet ist: Viele Schalter waren am Vormittag unbesetzt. "Ich wundere mich wirklich über das Krisenmanagement der Lufthansa", sagt eine Frau.

Diese Kritik will die Airline nicht gelten lassen: "Wir haben alle verfügbaren Mitarbeiter im Einsatz", betont Lufthansa-Sprecherin Bettina Rittberger. Ein Mitarbeiter fährt mit einem Servierwagen, wie man ihn aus den Flugzeugen kennt, durch die Menge und verteilt Wasser und Sandwiches.

Menschen sitzen und liegen auf dem Boden, einer hat sein Laptop aufgeklappt und sucht im Internet nach Infos. Aber dennoch, die Stimmung wirkt ruhig, gelassen. "Sehr geehrte Damen und Herren", tönt wieder die Durchsage, "wegen der Asche ..."

Gut die Hälfte aller Flüge fällt an diesem Tag wegen jener Asche aus. Dafür tauchen im Laufe der Stunden auf den Vorfeldern immer mehr ungewohnte Gäste auf - Langstreckenmaschinen, die eigentlich für Frankfurt oder auch Großbritannien bestimmt waren und unfreiwillig in München zu Boden gehen müssen.

Eine in Kabul gestartete "Safi Airways" etwa und einige Lufthansa-Jumbos aus Städten, die sonst nicht im Münchner Flugplan auftauchen: Caracas, Buenos Aires oder auch Mexiko-Stadt. "Unsere Abstellpositionen sind gut gefüllt", berichtet Flughafensprecher Ingo Anspach. Man habe aber Platz genug.

Damit diese Aussage nicht nur für Flugzeuge gilt, laufen den ganzen Tag über eifrige Vorbereitungen, um den gestrandeten Passagieren einen halbwegs akzeptablen München-Aufenthalt zu ermöglichen. Bereits die Nacht von Donnerstag auf Freitag hatten 70 Menschen auf Feldbetten in den Terminalhallen verbracht. Für die Nacht auf Samstag haben die Flughafen-Verantwortlichen 500 Liegen organisiert.

Wer sich derlei ersparen und auf anderem Weg weiterreisen will, findet sich in einer sehr langen Schlange wieder - entweder am Bahnhof oder vor den Schaltern der hoffnungslos ausgebuchten Mietwagenanbieter. Sogar einige Taxifahrten nach England werden an diesem Vulkan-Tag angetreten, für stolze 2000 Euro.

Verärgert wirken nur wenige der Passagiere. Die Gebauers, ein älteres Ehepaar aus Österreich, stehen eine Etage tiefer ratlos da: Wie kommen sie zum Hauptbahnhof? Sie sollten von Calgary aus in Frankfurt landen, wurden umgeleitet, wollen weiter nach Linz. Sie sind grantig, schimpfen, "Chaos", "keiner kümmert sich um was". Und keiner könne sagen, wie und wann das Gepäck nachkomme. Das weiß Marcos Garcia, so ungefähr zumindest: Er kam aus Chile und steht jetzt in der Schlange: "Bei der Lufthansa hat alles reibungslos geklappt", sagt er.

Sofort habe er einen Gutschein für die Bahnfahrt heim nach Hockenheim gehabt, sein Gepäck werde ihm in drei bis fünf Tagen nach geliefert. Aber nun wartet er bei der Bahn, eine Stunde schon. Den Gutschein muss er persönlich einlösen, zwei Schalter aber gibt es nur.

Kurz bevor für Martin Günther und Karola Mund Stunde acht des Wartens bei Lufthansa beginnt, sind sie am Ziel. Strahlend, ja, tatsächlich strahlend verlassen sie den Schalter: "Die Mitarbeiterin war sehr, sehr nett", und das Beste: Sie haben einen Flug nach Miami.

Der geht zwar erst am Montag, dafür aber direkt. Wie gut, dass sie fast vier Wochen Urlaub haben. Den beginnen sie nun mit einer S-Bahn-Fahrt nach Hause.