Flüchtlingshilfe "Mass statt Hass": Vom Internet-Phänomen zur Kampagne

In Riedering kennen den 92-jährigen Willus alle nur unter seinem Vornamen. Seine Botschaft steht auf dem T-Shirt.

(Foto: oh)

Am Anfang gab es auf dem Weg zur "Ausgehetzt"-Demonstration nur leere Plakate. Doch mit Slogans, die viral gingen, ist eine Kampagne zur Unterstützung der Flüchtlingshilfe entstanden.

Von Ralf Wiegand

Wenn Alexander Maria Dhom gedanklich zurückspult zum Morgen des 22. Juli, es war ein Sonntag, dann hatten er und seine Freunde fünf Minuten vor der Abfahrt des Zuges von Rosenheim nach München zwar drei tolle Schilder gebastelt, aber nur einen guten Spruch zum Draufschreiben. "Die beiden anderen sind uns wirklich erst da eingefallen", sagt Dhom, 29 - und "uns", das ist eine Gruppe von Leuten aus Riedering, die sich an jenem Tag nach München aufmachte, um dort an der "Ausgehetzt"-Demonstration teilzunehmen: Dhom samt Freundin, sein Kumpel Georg Staber und eine befreundete fünfköpfige Familie. Seitdem hat sich viel verändert.

Dass sie auffallen würden in ihren Trachten und mit ihren griffigen Parolen, das hatte sich der Kulturmanager schon gedacht, Dhom hat beruflich mit Marketing zu tun. Wie populär die Slogans "A Mass statt Hass!", "Grantl'n - Ja! Hetz'n - nein!" und "Mi Heimat es su Heimat" tatsächlich werden würden, ahnte aber niemand. Fotos der Gruppe wurden via Twitter und Facebook tausendfach geteilt, über die sozialen Medien schafften sie es ins Radio und in Tageszeitungen: eine klassische virale Karriere - die klassischerweise aber auch schnell wieder vergeht.

Acht Leute aus Riedering und eine gute Idee: Die Trachtengruppe aus dem Chiemgau ist im Juli bei der "Ausgehetzt"-Demo durch Kreativität aufgefallen. Der Hype um die Mass-statt-Hass-Aktion hält an.

(Foto: Alexander Pohl)

Doch die Riederinger wollen noch ein bisschen bleiben: Sie haben inzwischen eine eigene Webseite (www.mass-statt-hass.de) und eine Kollektion von T-Shirts, die sie für einen guten Zweck verkaufen. Die ersten 100 Leibchen mit den Sinnsprüchen sind schon weg, der Erlös kommt dem Münchner Flüchtlingsrat zu Gute. Der Münchner Grafikdesigner Michael Wiethaus hat die Schilder grafisch für die Textilien umgesetzt. Alle, die an der Aktion beteiligt sind, arbeiten ehrenamtlich. "Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen haben, ist nett", sagt Dhom, "aber irgendwann ist die weg. Wir wollten dem Flüchtlingsrat konkret finanziell helfen."

In Tracht auftreten und für Toleranz demonstrieren - nicht jeder bekommt Bild und Botschaft direkt zusammen. Dhoms Leute mussten schon im Zug nach München erfahren, dass Mitreisende sie nicht unter den Tausenden "Ausgehetzt"-Demonstranten erwarteten, sondern bei einer der Gegen-Demos weniger toleranter Gruppen. Dhom kennt das Vorurteil gegenüber Trachtlern: Als er vor geraumer Zeit einen Vortrag der Grünen-Politikerin Claudia Roth besuchen wollte, im Janker, nahm ihn die Polizei ins Gebet - sie ging davon aus, er wolle sich dem AfD-Protest auf der anderen Straßenseite anschließen.

Dabei lassen sich die Riederinger überhaupt nicht politisch vereinnahmen, auch nicht als Anti-CSU- oder Anti-AfD-Speerspitze. "Wir können nicht unter dem Motto 'ausgehetzt' demonstrieren und dann gegen andere hetzen", sagt Dhom. Sie repräsentieren auch nicht den gesamten Riederinger Trachtenverein, weil sie nicht politisch anders Denkende dort vor den Kopf stoßen wollen. Vielmehr geht es um einen gesellschaftlichen Beitrag zur Debatte über den Begriff Heimat: "Meiner Meinung nach ist das kein politischer Begriff, sondern einer, den sich die Politik genommen hat", sagt Dhom; für ihn und seine Leute definiert Heimat den Ort, wo man herkommt: "Und wenn Oberbayern auch deine Heimat werden soll, dann ist das möglich." Gartenzaun statt Stacheldraht.

Nicht jeder allerdings hält die Chiemgau-Trachtler für so unpolitisch wie diese sich selbst. Die Idee, dass die Bedienungen auf der Wiesn "Mass statt Hass"-Buttons tragen könnten, wie sie schon beim Straubinger Gäubodenfest populär waren, lehnt die Stadt München ab. Das Oktoberfest sei werbe-und politikfreie Zone, zitierte die AZ einen Sprecher des Wirtschaftsreferats. Und das solle so bleiben.

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