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Flüchtlinge:Es gibt immer noch Ängste und Vorbehalte

Der Elektroinstallateur Rossmanith ist ein "Schatzheber". Er hat vor einigen Jahren einen jungen Mann als Lehrling eingestellt, der aus Afghanistan geflohen war und als Analphabet nach München kam. Er hatte Deutsch gelernt, einen Schulabschluss gemacht und die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Rossmanith hat ihn danach übernommen, und er würde sofort wieder einen Flüchtling einstellen, aber er sagt auch: "Der Jugendliche muss sich darauf einlassen - und wir auch." Doch das fällt manchem Arbeitgeber offenbar noch schwer.

Dass es immer noch Ängste und Vorbehalte gibt, eine Somalierin oder einen Syrer einzustellen, erlebt Goran Ekmescic immer wieder. Der Sozialpädagoge arbeitet bei dem Münchner Volkshochschulprojekt "Flüchtlinge in Beruf und Schule" und hilft Schülern wie Umair Farooq, Fatema Mirzada und Hassan Mohamud einen Ausbildungsplatz zu finden. "Betriebe, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten, nehmen immer wieder gerne Schüler von uns", sagt Ekmescic. Aber viele Arbeitgeber, die bisher keine Erfahrungen mit Flüchtlingen haben, sind verunsichert und fragen sich: Was erwartet mich? Wie kommt ein Pakistani bei meinen Kunden an? Funktioniert es im Team, wenn der Lehrling aus Afghanistan kommt? "Es braucht mehr Vertrauen", sagt Ekmescic, "aber das dauert."

Jahrzehntelang hat man Flüchtlinge zum Nichtstun verdammt

Deutschland braucht Nachwuchs und hat ihn längt im Land. Es sind Menschen, die nicht erst aufwendig angeworben werden müssen. Die oft große Gefahren und Anstrengungen auf sich genommen haben, um zu kommen. Doch statt ihnen alle Wege zu ebnen, um sie für den Arbeitsmarkt zu gewinnen, werden Diskussionen über Wirtschaftsflüchtlinge und Überfremdung geführt. Jahrzehntelang hat Deutschland Flüchtlinge mit einer restriktiven Politik zum Nichtstun verdammt. Es war fast unmöglich, einen geduldeten Flüchtling oder Asylbewerber einzustellen, auch wenn sie eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen hatten.

Flüchtlinge in Bayern "Lasst uns diese Menschen integrieren"
Ausbildung für Flüchtlinge

"Lasst uns diese Menschen integrieren"

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Seit einigen Jahren werden die Gesetze gelockert, wenn auch in kleinen Schritten. Seit Januar dürfen Asylbewerber nach drei Monaten arbeiten. Sie bedürfen dafür aber der Zustimmung der Ausländerbehörde. Besonders für geduldete Flüchtlinge liegt vieles weiterhin im Ermessen der Behörde. "Wir brauchen Bürokratieabbau, beschleunigte Asylverfahren und Deutschkurse", fordert Wolfgang Wittmann vom Verein europäische Metropolregion München.

Flüchtlinge brauchen mehr Unterstützung

"An Willen und Leistungsbereitschaft fehlt es den jungen Menschen nicht", sagt Klaus Seiler, Leiter der städtischen Berufsschule zu Berufsvorbereitung. Wichtig sei aber, dass sie auch während ihrer Ausbildung unterstützt werden. Es fehlt eine Struktur, die Asylbewerber von der Einreise bis in den Arbeitsmarkt begleitet. Ein weiteres Problem sind die niedrigen Ausbildungsgehälter und hohen Lebenshaltungskosten in München. Wer nicht mindestens vier Jahre in Deutschland lebt, hat keinen Anspruch auf ausbildungsbegleitende Maßnahmen (ABH), Bafög oder Berufsausbildungshilfe. Von 2016 an soll diese Hürde immerhin gesenkt werden.

Die Handwerkskammer wie auch andere Wirtschaftsvertreter fordern zudem das 3+2 Modell: drei Jahre sicherer Aufenthalt während der Lehre und mindestens zwei Jahre danach. Viele Asylverfahren dauern sehr lang, wie bei dem Schüler Umair Farooq, der bereits seit über zwei Jahren in München lebt und im Sommer den qualifizierten Mittelschulabschluss machen will. Ob er in Deutschland bleiben darf, weiß er nicht.

© SZ vom 21.02.2015/tau
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