bedeckt München 22°
vgwortpixel

Film:Aberglaube auf 8000 Metern

Valley, Portrait Dokumentarfilmer Karsten Scheuren

Karsten Scheuren nennt sich selbst "Freizeitbergsteiger".

(Foto: Angelika Bardehle)

Man sieht auf dem Laptop, dass die Bergsteiger nun auf 8000 Metern sind. Es herrschen ideale Bedingungen, es ist windstill. Ein Sherpa pfeift. "Er will damit die Wolken vertreiben", sagt Scheuren. Das ist kein Witz. Das ist Aberglaube. Furtenbach lässt die Drohne fliegen, sie schwebt über eine Gletscherspalte, die Größe des Bergs wird fassbar, denn die Menschen sehen aus wie Ameisen. Kameramann Flämig fängt das für den ProSieben-Film ein. 8000 Meter - das ist schon der Weltrekord. Aber es geht weiter zum Gipfel.

Dort ist es stürmisch. Würde Lukas Furtenbach die Drohne fliegen lassen? Sie könnte abstürzen, und sie könnte, schlimmstenfalls, einen Bergsteiger in den Abgrund reißen. Aber Furtenbach ist ehrgeizig, er hatte gesagt, er wolle alpine Geschichte schreiben mit den Bildern seiner Drohne auf dem Gipfel des Mount Everest. Was würde er machen?

"Das sind die Momente, die mich interessieren", sagt Karsten Scheuren. "Wie reagiert ein Mensch in der Nähe des Triumphs? Wird er übermütig oder ist er vernünftig?"

Scheuren sagt, es gehe ihm stets um die zweite Ebene, um die Motive der Menschen. Um zu bekräftigen, was er meint, sagt er noch ein paar Sätze, die ähnlich klingen und das Gleiche bedeuten: "Die moralischen Prämissen interessieren mich." Oder: "Ich will die tiefere Wahrheit ergründen." Bei ihm hört sich das nicht pathetisch an. Es klingt ehrlich. Es ist sein Motiv.

Karsten Scheuren, am Schliersee aufgewachsen, studierte Medienrecht, Politik- und Kommunikationswissenschaften, arbeitete beim Lokalfernsehen und für das Boulevardfernsehen und viele Jahre für Galileo bei Pro Sieben. Er war zunächst Kameramann und Autor, bis er schließlich merkte, dass er beruflich nichts lieber tat, als Geschichten zu erzählen. Für "Karawane der Hoffnung" bekam er sogar den Grimme-Preis. Der Film handelt von jungen Afrikanerinnen, die gegen die weibliche Genitalverstümmelung kämpfen.

2013 machte er sich selbständig. Es gab mehrere Gründe, die Festanstellung bei Galileo aufzugeben; aber vor allem habe er "mit Anfang 40 den Drang verspürt, sich dem großen Abenteuer zu stellen". Denn es ist - das ist eine Binse - nicht einfach als Freier in der Medienbranche. Aber es ging gut. Er kann Menschen treffen. Und er kann sie sich selbst aussuchen. Scheuren redet von der Suche nach Vorbildern, von Helden, von Lerneffekten, die sich ergeben, wenn man Anti-Helden trifft; er spricht darüber, wie man mit den Leuten, die er porträtiert, Vertrauensverhältnisse aufbauen könne, und es entsteht niemals Langeweile bei diesem Gespräch im Garten. Schnell sind drei Stunden rum.

Und Lukas Furtenbach? Hat er die Kamera-Drohne auf dem Gipfel des Mount Everest fliegen lassen, obwohl der Wind so stark gewesen ist? Obwohl er damit sich und seine Kameraden gefährdet hätte? Furtenbach hat sie nicht fliegen lassen. Er war vernünftig.

© SZ vom 01.10.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite