Süddeutsche Zeitung

Film:Mit Drohne auf dem Mount Everest

Noch nie haben Drohnen Bilder auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt aufgenommen. Grimme-Preisträger Karsten Scheuren hat einen Film über den Weltrekordversuch gedreht.

Karsten Scheuren traf auf dem Everest zwölf Soldaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie hatten im Basislager, in 5400 Metern Höhe, ein Kochzelt aufgebaut. Und ein Kinozelt. Scheuren lächelt. Es amüsiert ihn. "Für die Emirate ist das ein Prestigeprojekt, damit sie sagen können: Unsere Armee war auf dem Everest." Sie hätten auch schon Soldaten nach Alaska geschickt.

Der Filmemacher war aber nicht wegen der Araber auf dem Mount Everest, sondern wegen eines Österreichers - und wegen eines Weltrekordversuchs: Der Tiroler Lukas Furtenbach wollte mit einer Kamera-Drohne auf dem Gipfel Bilder machen, also auf 8848 Metern. Der bisherige Rekord lag bei 6500 Metern. Es sollten Bilder werden, die es so noch nicht gab: Die Drohne sollte 20 Meter über dem Gipfel schweben, nach Tibet schwenken, nach Nepal schwenken, Bergsteiger einfangen und dem Zuseher den Eindruck vermitteln, man sei selbst auf dem Gipfel, irgendwie. Scheuren hat einen Film über Furtenbachs Versuch gedreht. "Everest: Mission Weltrekord" wird an diesem Montag um 20.15 Uhr bei ProSieben MAXX gezeigt.

Karsten Scheuren, 46, wohnt in Mitterdarching in der Nähe von Holzkirchen. Es ist ein schöner Nachmittag im Herbst, man kann im Garten sitzen. Scheuren serviert einen Zwetschgendatschi, er hat ihn selbst gemacht. Auf dem Tisch steht außerdem ein Laptop. Scheuren wird in den nächsten Stunden immer wieder Bilder von der Everest-Expedition einspielen.

Aber zunächst erzählt er, wie schwierig es sei, mit einer Kamera-Drohne Bilder vom Gipfel des himmelhohen Berges zu machen. "Dort oben herrscht ganz starker Wind, bis zu 100 Kilometer pro Stunde", sagt er, "außerdem ist der Sauerstoffgehalt gering, die Luft ist dünn und eine Drohne hat nicht so viel Aufwind." Er rudert mit den Armen, wie ein Schwimmer. "Ein Schwimmer muss sich auch schneller bewegen, wenn weniger Auftrieb da ist", sagt er. Die Drohne brauche also starke Rotorblätter. Lukas Furtenbach hat das Ganze in einer Druckkammer in Köln simuliert. Ob es aber in der Praxis klappen würde?

Karsten Scheuren ist im Frühjahr mit Furtenbach auf dem Everest gewesen. Scheuren ist nur bis zum südlichen Basislager mitgegangen. "Ich habe keine Höhenerfahrung", sagt er, "ich bin bloß ein Freizeitbergsteiger und vor allem in den Tegernseer und Schlierseer Bergen unterwegs." Er lacht, als er über das Basislager spricht. "Da ging's zu", sagt er, "es herrschte eine enorme Betriebsamkeit an diesem entlegen, rauen Ort." Reiche Australier und Amerikaner ließen sich mal eben mit dem Hubschrauber ins Tal fliegen, in ihre Luxus-Hotels. Ein Engländer sammelte den Plastikmüll auf. Ein Künstler machte in seinem Zelt eine Kunstausstellung.

Scheuren hat der Furtenbach-Gruppe vom Basislager aus hinterher gefilmt - wie sich die 16 Bergsteiger mit zwei zusammenklappbaren Kamera-Drohnen im Rucksack auf den fünftägigen Weg zum Gipfel machten. Unter ihnen Kameramann Philipp Flämig, der Bergsteiger und Drohne für ProSieben filmte. "Flämig ist ein super Bergsteiger und ein super Kameramann - das gibt es selten", sagt Scheuren.

Karsten Scheuren lässt sich ordentlich Sahne auf seinen Datschi geben, und man denkt daran, dass er sich nicht nur "Freizeitbergsteiger", sondern auch "Genussbergsteiger" nannte. Vermutlich ist er auch ein Genussmensch, der sich an vielen schönen Dingen erfreuen kann: am Essen, an der Natur, an alten Autos. Scheuren durchbricht die Gedanken.

"Hier", sagt er und zeigt auf seinen Laptop, "hier müssen die Bergsteiger an einem Eisbauch vorbei." Ein Eisbauch ist ein Vorsprung, der in den Weg hineinragt. "Da hilft es, wenn man selber keinen großen Bauch hat", sagt Furtenbach mit seiner Tiroler Sprachfärbung in die Kamera. Er macht Witze. Dabei könnte der Eisbauch jeden Moment abbrechen. Dann wäre Furtenbach tot.

Aberglaube auf 8000 Metern

Man sieht auf dem Laptop, dass die Bergsteiger nun auf 8000 Metern sind. Es herrschen ideale Bedingungen, es ist windstill. Ein Sherpa pfeift. "Er will damit die Wolken vertreiben", sagt Scheuren. Das ist kein Witz. Das ist Aberglaube. Furtenbach lässt die Drohne fliegen, sie schwebt über eine Gletscherspalte, die Größe des Bergs wird fassbar, denn die Menschen sehen aus wie Ameisen. Kameramann Flämig fängt das für den ProSieben-Film ein. 8000 Meter - das ist schon der Weltrekord. Aber es geht weiter zum Gipfel.

Dort ist es stürmisch. Würde Lukas Furtenbach die Drohne fliegen lassen? Sie könnte abstürzen, und sie könnte, schlimmstenfalls, einen Bergsteiger in den Abgrund reißen. Aber Furtenbach ist ehrgeizig, er hatte gesagt, er wolle alpine Geschichte schreiben mit den Bildern seiner Drohne auf dem Gipfel des Mount Everest. Was würde er machen?

"Das sind die Momente, die mich interessieren", sagt Karsten Scheuren. "Wie reagiert ein Mensch in der Nähe des Triumphs? Wird er übermütig oder ist er vernünftig?"

Scheuren sagt, es gehe ihm stets um die zweite Ebene, um die Motive der Menschen. Um zu bekräftigen, was er meint, sagt er noch ein paar Sätze, die ähnlich klingen und das Gleiche bedeuten: "Die moralischen Prämissen interessieren mich." Oder: "Ich will die tiefere Wahrheit ergründen." Bei ihm hört sich das nicht pathetisch an. Es klingt ehrlich. Es ist sein Motiv.

Karsten Scheuren, am Schliersee aufgewachsen, studierte Medienrecht, Politik- und Kommunikationswissenschaften, arbeitete beim Lokalfernsehen und für das Boulevardfernsehen und viele Jahre für Galileo bei Pro Sieben. Er war zunächst Kameramann und Autor, bis er schließlich merkte, dass er beruflich nichts lieber tat, als Geschichten zu erzählen. Für "Karawane der Hoffnung" bekam er sogar den Grimme-Preis. Der Film handelt von jungen Afrikanerinnen, die gegen die weibliche Genitalverstümmelung kämpfen.

2013 machte er sich selbständig. Es gab mehrere Gründe, die Festanstellung bei Galileo aufzugeben; aber vor allem habe er "mit Anfang 40 den Drang verspürt, sich dem großen Abenteuer zu stellen". Denn es ist - das ist eine Binse - nicht einfach als Freier in der Medienbranche. Aber es ging gut. Er kann Menschen treffen. Und er kann sie sich selbst aussuchen. Scheuren redet von der Suche nach Vorbildern, von Helden, von Lerneffekten, die sich ergeben, wenn man Anti-Helden trifft; er spricht darüber, wie man mit den Leuten, die er porträtiert, Vertrauensverhältnisse aufbauen könne, und es entsteht niemals Langeweile bei diesem Gespräch im Garten. Schnell sind drei Stunden rum.

Und Lukas Furtenbach? Hat er die Kamera-Drohne auf dem Gipfel des Mount Everest fliegen lassen, obwohl der Wind so stark gewesen ist? Obwohl er damit sich und seine Kameraden gefährdet hätte? Furtenbach hat sie nicht fliegen lassen. Er war vernünftig.

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SZ vom 01.10.2016
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