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Familienunternehmen:Alle ihre Sprachen

100 Jahre Völkerverständigung: Von Arabisch über Finnisch bis Vietnamesisch, mit Büchern von Hueber lernen Schüler, die Welt zu verstehen. Michaela Hueber leitet den Verlag in dritter Generation

Von Martina Scherf

"Strastvuyte, kak ty pozhivayesh? Ochen khorosho, kak ty pozhivayesh? Hallo, wie geht es dir? Sehr gut, und wie geht es dir?" An die ersten Sätze aus ihrem Russischkurs erinnert sich Michaela Hueber noch heute. Mehr als 40 Jahre ist das jetzt her, Russisch hat die Verlegerin seither kaum gesprochen. Aber diese Sätze, die sprudeln auf Anhieb aus ihr heraus. Eine neue Sprache lernen, das ist ja, als öffne sich die Tür zu einer neuen Welt. Und der Hueber-Verlag, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, macht genau das: Er verbindet Menschen und Kulturen über den ganzen Globus.

Dunkler Hosenanzug, weiße Bluse, so führt die Enkelin des Gründers durch die Flure ihres Verlags im Münchner Norden, vorbei an roten Sofas und vielen gefüllten Regalen. Überall springen bunte Titel ins Auge: "Chapeau!" "Chiaro!" "Otlitschno!". Neben Französisch, Italienisch, Russisch hat Hueber mehr als 30 Sprachen im Angebot. Von Arabisch über Finnisch bis Vietnamesisch. Und wer irgendwo auf der Welt Deutsch lernen will, sei es in Uruguay oder Usbekistan, der bekommt noch immer mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Hueber-Buch in die Hand gedrückt.

Im Sektor "Deutsch als Fremdsprache" (DAF) ist das Familienunternehmen nach eigener Aussage Weltmarktführer. Und das gedruckte Buch, sagt Michaela Hueber, ist noch immer das klassische Medium, aber CDs, DVDs, Apps, Online-Seminare, Lernspiele bekommen immer mehr Gewicht.

Seit 35 Jahren führt Michaela Hueber den Verlag. Sie hat ihn ins digitale Zeitalter überführt. Und ihre Tochter Helen, 22, die zur Zeit ein Wirtschaftsstudium absolviert, steht schon bereit.

Michaela Hueber führt den Verlag seit 35 Jahren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Begonnen hat diese Tradition genau genommen schon 1911. Großvater Max Hueber eröffnete die "Universitätsbuchhandlung" in der Amalienstraße, direkt hinter der Uni. Der klassische Schriftzug in Versalien über den großen Schaufenstern, er prägte das Bild der Straße über Jahrzehnte. Der Großvater war gelernter Buchhändler, nach der Lehre war er auf die Walz gegangen. "Er war sehr reiselustig", erzählt Michaela Hueber. Bis nach Riga war er gekommen, hatte dann in Wien eine renommierte Buchhandlung übernommen. Doch es zog ihn in seine Heimatstadt zurück. Als ihm die Buchhandlung in der Amalienstraße angeboten wurde, griff er zu. "Universitätsbuchhandlung", das war eine Art Ehrentitel. Die Herren Professoren (Frauen gab es damals keine unter ihnen) brauchten nur über die Straße zu gehen, sie kamen, bestellten Bücher und diskutierten mit Max Hueber. Als der Großvater in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, führte seine Frau den Laden.

Michaela Hueber blättert durch alte Schwarz-Weiß-Fotos. Auf einem steht sie als Kind, vielleicht drei oder vier Jahre alt, neben dem Opa. "Er war ein Ur-Bayer", sagt sie, "liebevoll, aber bestimmt." Wenn einer seinen Namen falsch aussprach, konnte er schon mal grantig werden. Hueber, geschrieben mit ue, das kann man hochdeutsch wie Huber sprechen, bairisch spricht man es mit dem typischen Diphtong. Aber Hüber? Auf keinen Fall. Hanns Christian Müller, viele Jahre Regisseur der Biermösl Blosn, hat später eine nette Anekdote dazu festgehalten. Er wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg im selben Haus in der Amalienstraße auf, und wurde als Kind Zeuge eines Disputs. Eine Nachbarin nannte den Buchhändler hartnäckig Herr Hüber, bis diesem der Kragen platzte: "Huawahoisi" raunzte er und ließ sie stehen (für Nicht-Bayern: "Huaber heiße ich").

Mit der Zeit fragten immer mehr Professoren, ob der Buchhändler nicht auch ihre Werke drucken lassen könne. So gründete Max Hueber 1921 den Verlag. Französisch war damals angesagt, bald kamen neue Themengebiete dazu, Theologie, Philosophie, Physik.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der ganze Verlagsbestand zerstört. Sohn Ernst kehrte erst 1949 aus russischer Gefangenschaft zurück - entschlossen, den Verlag wieder aufzubauen. Er hatte Russisch gelernt, und statt Hass auf die ehemaligen Feinde zu hegen, war er um Völkerverständigung bemüht. Wer die Sprache des anderen spricht, schießt nicht auf ihn, das war sein Credo. Noch zu Hochzeiten des Kalten Krieges besuchte er Buchmessen in Warschau und Moskau, erzählt Michaela Hueber. Und er lud Autoren, Verleger, Freunde aus aller Welt nach München ein.

Die Universitätsbuchhandlung in der Amalienstraße war jahrzehntelang erste Anlaufstelle für Studierende und Lehrende. 2001 wurde sie verkauft.

(Foto: Privat)

"Die wohnten bei uns. Es ging oft lustig zu", erinnert sich Michaela Hueber. Mit dem Klang fremder Sprachen wuchs sie auf. Ernst Hueber veranstaltete auch Lesungen in der Buchhandlung; Günter Grass, Erich Kästner und viele andere Nachkriegsautoren kamen mit ihren neuen Romanen. Oft wurde anschließend noch nächtelang diskutiert.

Als 1951 das Goethe-Institut in der Kaulbachstraße eröffnet wurde, packte Ernst Hueber seine Deutschbücher ein und stellte sich vor. "Die Antwort lautete: Wir haben hier ein neues Werk, wollen Sie das verlegen?", erzählt Michaela Hueber. Es war der Beginn einer fruchtbaren Verbindung. Bis heute ist die "Deutsche Sprachlehre für Ausländer" von Schulz/Griesbach ein Standardwerk. Deutschlehrer in allen Goethe-Instituten weltweit nutzen Hueber-Materialien. Oft werden gemeinsam neue didaktische Methoden entwickelt. Als mit der Bildungsoffensive der SPD in den Siebzigerjahren im ganzen Land Volkshochschulen entstanden, war Hueber wieder dabei. Sprachenlernen war gefragt, vor allem Englisch, "da gab es großen Nachholbedarf", sagt Michaela Hueber.

Als Ernst Hueber mit nur 53 Jahren starb, war seine Tochter Michaela 17, ihr Bruder 13. Die Schwester des Vaters, "Tante Ilse", übernahm den Betrieb. Zehn Jahre später stand die Nachfolgefrage im Raum. Und Michaela Hueber traf eine Lebensentscheidung. Sie hatte gerade das erste Staatsexamen in Jura in der Tasche, als ihr Bruder entschied, den Verlag nicht zu übernehmen. Das Familienunternehmen aufgeben? "Das kam für mich nicht in Frage", sagt Michaela Hueber, als sie jetzt im Konferenzraum ihres Verlages sitzt, vor sich eine Tasse Tee und viele alte Fotos. Sie ist eine zurückhaltende Frau, die leise spricht, doch die Entschiedenheit, mit der sie diesen Satz formuliert, lässt erkennen: Es war gut so. Es war richtig. "Ich habe es nie bereut", sagt sie. Nach dem zweiten Staatsexamen und ein paar Praktika in anderen Verlagen stieg sie damals als Geschäftsführerin und Gesellschafterin ins Unternehmen ein.

Ein Sprachenverlag spiegelt immer auch die politischen Verhältnisse. Als die Mauer fiel, kamen Aussiedler aus Russland. Die wollten Deutsch lernen, die brauchten Bücher. Und die Deutschen? Die reisten inzwischen durch die Welt, sie lernten Spanisch, Polnisch oder Japanisch. Mit den offenen Grenzen wuchs umgekehrt im Ausland das Interesse an Deutsch, gerade in Osteuropa, sagt Michaela Hueber.

Ein Deutschbuch für alle, so einfach ist es aber nicht. In arabischen Ländern müssen die Frauen auf den Bildern lange Ärmel tragen. In Österreich werden Texte "austrifiziert", in der Schweiz "helvetisiert" - da kauft man nicht eine Fahrkarte mit Bahncard, sondern "ein Billett mit Halbtax". Einen Boom erlebte der Verlag, als 2015 die Flüchtlinge kamen. Viele Freiwillige übten sich plötzlich als Deutschlehrer und wollten schnell einfaches Lehrmaterial.

Verlagsgründer Max Hueber mit seiner Enkelin.

(Foto: Privat)

Im vergangenen Pandemie-Jahr brach der Umsatz aber um 25 Prozent ein - Sprachkurse fanden kaum statt. Und auch sonst hat es der kleine Familienverlag nicht einfach, sich gegen große Konkurrenten wie Klett-Cotta oder Cornelsen zu behaupten. Doch Michaela Hueber ist zuversichtlich. Aktuell hat der Verlag 130 Mitarbeiter, führt 7000 aktive Titel, hat Kooperationen und Vertriebsbüros in vielen Ländern. Vom deutsch-türkischen Kinderbuch über Fachbücher für Piloten bis zu Lernkrimis und Spielen reicht das Programm. "Das Wunderbare an unserem Beruf", sagt Michaela Hueber, "ist, dass wir, egal, wohin wir kommen, auf begeisterte Menschen treffen." Aus lauter Begeisterung würden arme Deutschlehrer schon mal den Büchertisch auf der Messe leer räumen. Ist okay, sagt Michaela Hueber und lächelt, es dient ja der Völkerverständigung. "Zu Zeiten meines Vaters haben sie in Polen oder Russland manchmal ein Buch ausgeliehen und über Nacht abgeschrieben", erzählt sie.

Vor zwei Jahren holte Michaela Hueber ihre beiden langjährigen Mitarbeiterinnen Sylvia Tobias und Marion Kerner in die Geschäftsführung. Die Drei sind ein eingespieltes Team. Einmal die Woche üben sie zusammen Yoga ("wie einst Tante Ilse", sagt Michaela Hueber und lacht). Im Betrieb entscheiden sie alles gemeinsam. "Es tut gut, wenn man sich so gut kennt und vertrauen kann", sagt Michaela Hueber. Vor Corona sind sie auch zusammen gereist, zu Tagungen nach Mexiko, Brasilien oder in die Türkei. Da kommen dann schon mal 700 Deutschlehrer und -lehrerinnen aus dem ganzen Land, erzählen die Drei. Manche Autoren sind längst Freunde. "Wir DAFler sind wie eine große, internationale Familie", sagen sie. Und dass da nach Jahrzehnten immer noch eine "Hueber" kommt, die so heißt wie ihr Verlag, das trägt zum Vertrauen viel bei.

© SZ vom 13.02.2021
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