Asyl Hier machen Flüchtlinge erste Schritte ins Handwerk

Karl Schneider bringt Solomon Ikhayere Iyare Grundkenntnisse der Elektrotechnik bei.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Lernwerkstatt Halle 36 ist offen für alle Flüchtlinge, die über 21 Jahre alt sind.
  • Hier lehren Handwerkern den Asylsuchenden die Grundlagen ihrer Gewerke.
  • Die Werkstatt ist Vorzeigeprojekt, ausgezeichnet mit dem Asylpreis des Bayerischen Integrationsbeauftragten.
Von Marco Wedig

Das Lämpchen leuchtet, der Ventilator dreht sich - wieder ein Erfolgserlebnis für Solomon Ikhayere Iyare. Deswegen schätzt er den Unterricht seines Lehrers Karl Schneider so sehr: Weil das theoretisch Gelernte direkt in die Praxis umgesetzt wird. Vor sechs Monaten kam Iyare aus Nigeria nach Deutschland. In seiner Unterkunft am Frankfurter Ring nimmt er an einem Deutschkurs teil. Doch neben der Sprache wollte der 23-Jährige auch ein Handwerk lernen. In der Lernwerkstatt Halle 36 macht er die ersten Schritte.

Sie ist offen für alle Flüchtlinge, die über 21 Jahre alt sind. Wie gut man deutsch spricht und ob man eine Arbeitserlaubnis hat, ist egal. Während eines vierwöchigen Grundkurses lernen die Schüler zunächst unterschiedliche Gewerke kennen: Trockenbau, Elektrotechnik, Heizungs- und Sanitärtechnik, Malerhandwerk, Holzverarbeitung und seit neuestem werden auch Nähkurse angeboten. Ein Kochkurs soll bald hinzukommen. Danach folgen mehrtägige Fachkurse, in denen sich die Flüchtlinge auf ein Gewerk spezialisieren.

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Für Iyare war klar, wo es hingeht: "Ich wollte schon immer Elektriker werden." Ob er das Ziel der Lernwerkstatt - die Vermittlung in ein Praktikum - erreicht, wird sich erst zeigen. Sein Lehrer Schneider ist jedenfalls zufrieden mit ihm. Früher arbeitete Schneider bei Siemens und Osram. Jetzt ist er im Ruhestand und nutzt die Zeit, um Flüchtlingen unter anderem das Ohm'sche Gesetz beizubringen. "Ich freue mich, mein Wissen weitervermitteln zu können", sagt er.

Motivierte Lernende treffen auf motivierte Lehrende - die Lernwerkstatt Halle 36 ist ein Vorzeigeprojekt, ausgezeichnet mit dem Asylpreis des Bayerischen Integrationsbeauftragten. Als die Projektbeteiligten diese Woche nach tausend Tagen Bestehen Bilanz zogen, zeigte sich trotzdem ein gewisses Frustrationslevel.

Projektleiter Holger Gödderz erzählte von einem senegalesischen Asylsuchenden, dem man erfolgreich einen Job vermittelt habe; den durfte der junge Mann aber nie antreten, weil er seinen Asylantrag nach dem 31. August 2015 gestellt hatte. Diesen Stichtag gibt das Asylgesetz vor. Bernhard Vornehm, Vorstandsmitglied des Vereins, der die Lernwerkstatt betreibt, weiß auch von Schülern, die während eines Kurses in der Lernwerkstatt die Nachricht bekamen, dass sie abgeschoben werden.

Positive Bilanz, aber auch viel Frust

Ein großen Umbruch erlebte die Lernwerkstatt zum letzten Jahreswechsel. Die Erstaufnahmeeinrichtung in der benachbarten Bayernkaserne wurde geschlossen. Rund 150 Lernwillige standen Ende 2016 noch auf der Warteliste für die begehrten Handwerkskurse. Anfang 2017 wurden sie umverteilt, lediglich zwei von ihnen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in München.

Auch die Auslegung der 3+2-Regelung, wonach Menschen, die eine Ausbildung begonnen haben, ihre dreijährige Lehre beenden und danach zwei Jahre in Deutschland arbeiten dürfen, auch wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde, ist ein Hindernis. Vornehm hat sich für die Einführung dieser Regelung stark gemacht. Doch in bestimmten Fällen greift sie nicht, zum Beispiel, wenn "konkrete Maßnahmen zur Aufenthaltsbeendigung" bevorstehen.

Das Projekt ist auf Spenden angewiesen

Die kommunalen Fördermittel für die Lernwerkstatt sind im Sommer ausgelaufen, doch die Halle kann nach wie vor kostenfrei genutzt werden. Auf Spenden für Materialien und Werkzeuge sind die Helfer und Flüchtlinge dennoch angewiesen, genauso wie auf Ehrenamtliche, die bestenfalls Fachwissen aus einem der Gewerke mitbringen sollten.

Bernhard Vornehm ist trotz aller Widrigkeiten überzeugt, das Richtige zu tun. Als Mitglied der Innung Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik München weiß er: "Es gibt keinen Betrieb, der in München nicht nach Nachwuchs sucht." Junge, talentierte Leute, wie er sie in der Halle 36 antreffe, würden gebraucht. "Die werden hier irgendwann leben, wohnen, arbeiten und Steuern zahlen", sagt er.

Als Lehrlingswart seiner Innung begrüßt Vornehm jedes Jahr die neuen Auszubildenden. Eines stimmt ihn dabei zuversichtlich: "Die Reihen werden bunter. Die Maßnahmen der letzten Jahre müssen also etwas gebracht haben."

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